Immaterielle Arbeit ist nicht nur das, was früher Dritter Sektoroder die Reproduktion genannt wurde. Auch ganz fundamentaleKommunikation ist immaterielle Arbeit. Glaubt man postoperaistischen Intellektuellen wie Michael Hardt, Antonio Negri oder Maurizio Lazzarato, hat sich auch der soziale Stellenwert immateriellerArbeit enorm gewandelt: Sie ist zur hegemonialen Form von Vergesellschaft und Produktion geworden. Charakteristika, die ehedem vor allem künstlerischen Lebensformen zugeschrieben wurden – die spezifische Verwertung intellektueller Fähigkeiten,kommunikative Netzwerke, „Kreativität“, vielleicht sogar... mehr
Immaterielle Arbeit ist nicht nur das, was früher Dritter Sektoroder die Reproduktion genannt wurde. Auch ganz fundamentaleKommunikation ist immaterielle Arbeit. Glaubt man postoperaistischen Intellektuellen wie Michael Hardt, Antonio Negri oder Maurizio Lazzarato, hat sich auch der soziale Stellenwert immateriellerArbeit enorm gewandelt: Sie ist zur hegemonialen Form von Vergesellschaft und Produktion geworden. Charakteristika, die ehedem vor allem künstlerischen Lebensformen zugeschrieben wurden – die spezifische Verwertung intellektueller Fähigkeiten,kommunikative Netzwerke, „Kreativität“, vielleicht sogar unternehmerische Entscheidungen –, haben sich angeblich verallgemei-nert: Man könnte meinen, unsere postfordistische Gegenwartsgesellschaft sei ein künstlerisches Paradies. Leben wir also in derherrschaftsfreien Artokratie? Oder ist doch alles ganz anders?Rühren KünstlerInnen noch die Farbe an oder sind sie selbst dasMaterial, das sie auftragen müssen?
Diese Ausgabe des Bildpunkt greift Fragen auf, die (nicht nur) imLaufe der Diskussionen um Hardts und Negris Theorie-BeststellerEmpire aufgeworfen wurden. Wir gehen dabei davon aus, dassdiese Diskussionen weder abgeschlossen sind, noch sich auf denpostoperaistischen Theorierahmen beschränken. Auch passt dasThema der immateriellen Arbeit grundsätzlich genau ins Konzeptdes Bildpunkt: Es eröffnet ein Feld, auf dem sich Fragestellungenkünstlerischer Produktion mit solchen aus den sozialen Bewegungen und dem Aktivismus überkreuzen und überlappen.
Das Material der immateriellen Arbeit in den Blick zu nehmen,meint u.a. den Versuch, die Debatte etwas zu erden und sie vonden Praktiken und Kämpfen her anzugehen. Antonio Negri ist indieser Hinsicht vielleicht nicht das beste Vorbild. Im Rückkehrbetitelten Interview über sein bewegtes Leben klärt er uns auf:„Der Materialismus ist immer revolutionär, weil die Materie esist.“ Man kann nun trefflich darüber streiten, ob solch ontologische Formeln zum Verständnis der Gegenwart mehr beitragen alsLenins DDR-Kalenderblattsprüche („Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist“). Dass Arbeitsverhältnisse sich wandeln,kann hingegen kaum bestritten werden. Und dass künstlerischeModelle und intellektuelle Praktiken in diesen Transformationeneine besondere Rolle einnehmen, wird von verschiedensten Studien und Gefühlslagen bestätigt. Mal euphorisch, wie bei RichardFlorida, der die Entstehung einer ganzen „kreativen Klasse“ beschrieben hat, die mittlerweile zwar nicht ganz zahlenmäßig, aberdoch ideologisch die US-Gesellschaft dominiere. Und mal anklagend, wie bei Ève Chiapello und Luc Boltanski, die die „künstlerische Kritik“ an Monotonien und Hierarchien der Fabrikgesellschaft für entscheidend bei der Entstehung dessen halten, was sieden „neuen Geist des Kapitalismus“ nennen.
Warum ausgerechnet eine Gruppe von Leuten zum ökonomischenRole-Model wurde, die, bezieht man es konkret auf die bildendenKünstlerInnen in Österreich, mit ihrer originären Tätigkeit in derHälfte aller Fälle kaum mehr als 3 500 Euro pro Jahr verdient undderen Gesamtheit überhaupt weniger Einkommen als vor zehnJahren hat, mutet doch etwas wunderlich an. Nicht nur über ihreWirkmächtigkeit wäre also zu streiten.
Jens Kastner, koordinierender Redakteur
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