Thomas Atzert und Jost Müller (Hg.): Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität. Analysen und Diskussionen zu Empire, Münster 2004 (Verlag Westfälisches Dampfboot).
Gruppe Blauer Montag: Risse im Putz. Autonomie, Prekarisierung und autoritärer Sozialstaat, Hamburg 2008 (Assoziation A).
Gabu Heindl (Hg.): Arbeit Zeit Raum. Bilder und Bauten der Arbeit im Postfordismus, Wien 2008 (Verlag Turia Kant).
Eva Illouz: Gefühle in Zeiten des Kapitalismus, Frankfurt a. M. 2007 (Suhrkamp Verlag).
Brigitta Kuster und Renate Lorenz: Sexuell Arbeiten. Eine queere Perspektive auf Arbeit und prekäres Leben, Berlin 2007 (b_books).
Der Austausch von Informationen und Wissen auf der einenund zwischenmenschliche Kontakte und Interaktionen auf deranderen Seite, das sind die wichtigsten Ingredienzien der immateriellen Arbeit. So erklärt sie zumindest Michael Hardt, Mitautordes gesellschaftstheoretischen Bestsellers Empire, im Sammelbandvon Thomas Atzert und Jost Müller. Hardt beschreibt die immaterielle Arbeit als zentrales Merkmal gegenwärtiger ökonomischerVerhältnisse, und zwar sowohl in Bezug auf die industrielle Produktion als auch für die Herstellung und Handhabung von Affekten. Das hat bekanntlich für Diskussionen gesorgt, von denen dasKompendium von Artzert/Müller einen vielfältigen und vor allemengagierten Ausschnitt repräsentiert. Wird hier schon, von JudithRevel beispielsweise, auf feministische Forschungen Bezug genommen, in denen die ambivalente Zuschreibung der soft skillExpertise an Frauen thematisiert wurde, nimmt Eva Illouz feministische Geschichte in anderer Form auf: Sie kritisiert feministischeForderungen, wie etwa diejenige nach Selbstverwirklichung, alszum Teil mitverantwortlich für die Entstehung eines kapitalistischausbeutbaren, emotionalen Feldes. Mehr geschult an den TheorienFreuds und Bourdieus als am Postoperaismus, hofft Illouz letztlichaber doch auf die schon vom Erfinder der Psychoanalyse entdeckte Funktion der Emotionen, nämlich deren „unsichtbare, gleichwohl einflussreiche Rolle beim Stören von Klassenhierarchien.“
Um die Frage, wie sich die flach gewordenen Hierarchien gegenwärtiger Arbeitsverhältnisse in gebaute Formen umsetzen, drehtsich der aufwändig gestaltete, von Gabu Heindl herausgegebeneBand. Die Aufsätze stecken dabei ein recht weites Feld zwischenurbanistischen, bildwissenschaftlichen, kinotheoretischen und sozioökonomischen Überlegungen ab. Grundlage für diesen Ansätze-Mix ist die auch in diesem Buch geteilte Diagnose, dass gegenwärtig Empfindungen und Sozialbeziehungen „direkt in dieWertschöpfung integriert“ sind. Das macht laut Heindl den Postfordismus aus. Diesen Charakter der Wertschöpfung nehmenauch Brigitta Kuster und Renate Lorenz zum Ausgangspunkt ihresBuches. In einer ziemlich außergewöhnlichen Mischung aus soziologischen und historischen Essays, Gesprächen und migrationstheoretischen Überlegungen umkreisen die Autorinnen neueFormen gesellschaftlicher Praktiken, die sie „sexuelle Arbeit“nennen. Diese beschreiben sie zwischen prekarisierter Hotelarbeitund queeren Repräsentationsstrategien als Praxis, „bei der es umMacht, Anerkennung/Drohung und Produktivität zugleich geht.“
Die Gruppe Blauer Montag hingegen ist hinsichtlich der Rede vonimmaterieller Arbeit ohnehin sehr skeptisch. Der Postfordismussei keineswegs flächendeckend durchgesetzt und vor allem nichtohne Brüche denkbar: Die Abschaffung der Zeiterfassung gehedurchaus mit einer „Re-Aktualisierung fordistischer Herrschaftstechniken“ wie der Verschärfung von Kontrollmechanismen einher. Stets an politischer Praxis orientiert, bieten die über die letzten fünfzehn Jahre gesammelten Beiträge der Gruppe einen gutenEinblick in die linksradikalen Debatten um die Arbeit zwischenProduktivitätszwang und Prekarisierung.
Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lebt in Wien.Zuletzt erschien von ihm Die ästhetische Disposition. Eine Einführung in die Kunsttheorie Pierre Bourdieus, Wien 2009 (VerlagTuria Kant).
