I. Während das Empire parallel zur Durchsetzung der immateriellen Arbeit bei Michael Hardt und Antonio Negri (1997: 160f.) alstrans- und supranationale Herrschaftsstruktur beschrieben wird,in der der Nationalstaat an Bedeutung verliert, zeigt sich parallelzur Krise des Fordismus eine allgemeine Krise des Nationalstaats,die auf Widersprüchliches hindeutet. Trotz der nicht zu verleugnenden Neubestimmung staatlicher Souveränität im globalenKonkurrenzverhältnis, ist der Transformationsprozess mit Blickauf zunehmende rechtspopulistisch-autoritäre Politiken auch alseine Renationalisierung zu verstehen. Gleichzeitig ist die Krisedes Nationalstaats besonders im Bereich seiner politischen Repräsentation nicht zu bestreiten. Gerade hier verdeutlicht sich mehrund mehr, dass die nationale Schließung bis dato ohne eine selektive Integration von Migration und „Ethnizität“ im hegemonie-theoretischen Sinne für die führenden Länder des Westens nichtmehr hinnehmbar ist. Angesichts der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse in Zeiten neoliberaler Politik läuft dies nicht auf einallgemeines Recht auf Mobilität, Legalisierung und eine bedingungslose Bürgerschaft hinaus – im Gegenteil. Die antirassistischen Kämpfe wie auch die politisch-institutionelle Unsichtbarkeit von MigrantInnen waren für den in sich permanentzerrissenen Staat nach einer bestimmten Stufe im Verhältnis zurallgemeinen Entwicklung nicht mehr in den Hintergrund zu drängen. Das Konzept der „Diversität“ und ein halbherziges „Bekenntnis zur Einwanderergesellschaft“ stellen nun das Fundament einersogenannten „gelungenen Integration“ dar, die die einst unsichtbare und gefährliche Fraktion der subalternen Klasse zu integrieren verspricht. Wenn der Begriff der immateriellen Arbeit – unter den Formeln „Die Welt ist Arbeit“ (Hardt/Negri 1997: 16) bzw. derPostfordismus integriere nun die Kommunikation – ein gesellschaftliches Verhältnis bezeichnet, das Gesellschaft konstruiertund produziert, ist in diesem Kontext die Berücksichtigung desmateriellen Kräfteverhältnisses für die Durchsetzung und Inwert-Setzung eben dieses Verhältnisses von Bedeutung, sofern immaterielle Arbeit auch als intellektuelle Verarbeitungs- und Vergesellschaftungsform von sozialen Widersprüchen zu verstehen ist.In welchem Verhältnis also stehen spezifische Tätigkeiten innerhalb der allgemeinen Form der immateriellen Arbeit heute – nämlich kulturelle, kommunikative und kreative – zu Fragen der Migration im Kontext politischer Transformationen?
II. Während der fordistische kulturindustrielle Vergesell schaf tungs modus mit den Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise im 20. Jahrhundert verbunden war, betonen kritischeWissenschaftlerInnen, dass hegemoniale Klassen unter postfordistischen Verhältnissen – durchaus auch mit subalternen Gruppen– neu um Machtprozesse verhandeln; und Migration als Themaist und bleibt ein bedeutender Fokus in den Debatten. Unter neoliberalen Bedingungen ist es das Konzept der Differenz bzw. Diversity, das in unkritischer Manier als kultureller Warenrassismusfungiert. Arif Dirlik (2007) betont, dass die Perspektive der Globalisierung mit einem Projekt einer sogenannten kulturellen Globalisierung einhergeht, das gesellschaftliche Widersprüche entpolitisierend im Rahmen von„Diversity Management Programs“ zu regulieren versucht. Auf dieser Ebene werden längst für überholt gehaltene primordiale Kategorien – etwa wie Nation,Kultur und Ethnizität – reproduziert. Sonehmen in Europa migrationspolitischeFörderprojekte wie auch Kulturproduktionen zu, in denen Migration und Ethnizität als „kultureller Mehrwert“ oder„transkulturelles Kapital“ im Bourdieuschen Sinne inszeniert wird. Verstärktwerden in unkritischen Diversity-Main-streamingpolitiken soziale Ungleichheiten. StaatsbürgerschaftlicheEntrechtungen und Ausbeutung werden immer stärker dethematisiert, entpolitisiert und auf kultureller Ebene individualisiert – dabei wissen wir nicht nur seit den jüngsten Integrationsberichten von der ausdrücklich sozial prekären Lage von MigrantInnen.Die zeitgeistliche Herausforderung hingegen lautet: Drin ist, werhybrid genug ist. Das allseits beschworene produktive kulturelleKapital besitzen gewiss nicht diejenigen, die auf den Booten vorSizilien abgefangen oder sozialanalytisch in jene Parallelgesellschaften gedrängt werden. Gerade diese Gruppe wird nach wievor zum größten Teil weiterhin manueller Arbeit nachgehen (vgl.Thien 2006). 2001 veröffentlichte die UNSECO eine allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt. Demnach soll auf institutionellerEbene eine globale Politik für eine gesetzlich bindende weltweiteÜbereinkunft zur kulturellen Vielfalt verfolgt werden. Auch aufwirtschaftlicher Ebene werden neue Töne laut. Das EuropäischeParlament hält zur Kulturwirtschaft in der EU fest, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Europäischen Union im Rahmen der heutigen sogenannten „postindustriellen Wirtschaft“ besonders durchden Kultur- und Kreativsektor gestärkt werden soll. Der Kultur- und Kreativsektor galt mit 654 Mrd. Euro Umsatz schon 2003 inder Europäischen Union als zentrale Wachstumsbranche und bildet die Grundlage einer dynamischen wissensbasierten Wirtschaft.
III. Das Verharren auf kulturellen Identitäten als lokale Partikularismen wird auf diese Weise in einem bestimmten Ausmaß in(trans-)nationale Machtverhältnisse integriert. Die Kulturalisierung des Politischen, die einhergeht mit einem kulturalistischenRassismus, reproduziert demnach auch die artifizielle Trennungzwischen Kultur, Politik und Herrschaft. Vor dem Hintergrund einer materialistisch-kritischen Analyse immaterieller Arbeit würdedemnach das umkämpfte Verhältnis zwischen strukturalen wieauch symbolischen Macht-, Herrschafts- und Aneignungsverhältnissen stehen (vgl. Demirovi´c 2008). Daher ist mit Blick aufHardt/Negri (1997: 26, 141 ff.) weiterhin zu diskutieren, ob immaterielle Arbeit heute den Zustand des general intellect an und fürsich als gesellschaftliches Verhältnis bezeichnet oder nicht aucheiner empirischen Konsequenz intellektueller Tätigkeit gleichkommt, sofern die neoliberale Inwert-Setzung von gesellschaftli-cher Verteilung von Arbeit (vgl. Thien 2006) reflektiert werden.Gleichzeitig befinden wir uns in einem umkämpften Prozess, undwie sich die unterschiedlichen migrantischen Gruppen zu Fragender Repräsentation politisch verhalten und um welche neuen Politikformen sie streiten werden, ist offen.
Ceren Türkmen ist Soziologin und lebt in Berlin. Sie ist Mitgliedder Assoziation für kritische Gesellschaftsforschung (AkG) und Autorin von Migration und Regulierung, Münster 2008 (VerlagWestfälisches Dampfboot).
Demirovi´ c, Alex (Hg.): Kritik und Materialität, Münster 2008.
Dirlik, Arif: Global Modernity: Modernity in the Age of Global Capitalism,Boulder/Co 2007.
Hardt, Michael / Negri, Antonio: Die Arbeit des Dionysos. MaterialistischeStaatskritik in der Postmoderne. Berlin/Amsterdam 1997.
Thien, Hans-Günter: Geschichte, Kapitalismus und politisches Handeln. oder: dieRevolution als Wunsch, 2006,
