Ein Europäisches Weißbuch (in Arbeit)

Convention Européenne sur le statut des artistes des arts visuels en Europe

Von 15. bis 16. Dezember 2008 fand inParis im Rahmen des Französischen EU-Vorsitzes ein Konvent zur sozialen Situationder bildenden KünstlerInnen in Europa statt,welcher von der französischen KünstlerInnenvertretung La Maison des Artistes organisiertworden war. InteressenvertreterInnen allerEU-Länder waren eingeladen, die Situationder KünstlerInnen in den jeweiligen Mitgliedsstaaten darzustellen und darüber zudiskutieren – mit dem Ziel, die Ergebnissein einem Weißbuch zusammenzufassen,welches in Zukunft als Basis für Richtlinienzur Verbesserung der sozialen Lage derbildenden KünstlerInnen in der Europäischen Gemeinschaft dienen soll.Aus nahezu allen EU-Ländern waren „Gesandte“, sowie aus Island, Norwegen undMauritius „Beobachter“ der Einladung derMaison des Artistes gefolgt. Das dicht gedrängte Programm begann mit einem Vortragsmarathon über die Lage der bildendenKünstlerInnen in den jeweiligen Ländern.Die Reihe der Präsentationen wurde nur einmal durch einen kurzen Vortrag der EU-Abgeordneten Anna Athanasopoulou unterbrochen, die berichtete, dass es (erst!) seitNovember 2007 eine erste umfassende Geschäftsordnung auf EU-Ebene zum ThemaKultur gibt. Sie sprach sehr euphorisch, dochmachten die gesetzten Ziele und der Fahrplan bis 2010 einen äußerst beliebigen Eindruck. Viele schöne Überschriften, aber keinkonkreter Inhalt dazu. Drei strategische Zielsetzungen: Förderung der kulturellen Diversität und des interkulturellen Dialoges, Förderung der Kultur als Katalysator fürKreativität im Rahmen des Lissabon-Vertrages und Förderung der Kultur als vitales Element in den internationalen Beziehungender Union (sic!).

KünstlerInsein und Arbeitsbedingungen

Der zweite Tag war Roundtable-Gesprächenmit anschließenden Publikumsdiskussionenzu folgenden Themen gewidmet:
1. Die Definition der bildenden KünstlerInnen: Wer oder was bestimmt, wer KünstlerInsein darf? Der wirtschaftliche Erfolg oderGremien, die eine Bewertung der künstlerischen Qualität vornehmen? Die AnhängerInnen des Qualitätskriteriums waren eher inder Überzahl, wobei sie verlangten, dassKünstlerInnvereinigungen bzw. Kammerndiese Bewertung vornehmen sollten.
2. Die soziale Absicherung der KünstlerInnen: Hier gilt Deutschland ein besonderesAugenmerk. Es ist das einzige Land, das eine eigene Künstlersozialkasse (KSK) eingerichtet hat. 50% der Beiträge entrichten dieKünstlerInnen, für den Rest kommen Staat(20%) und der Markt (AuftraggeberInnen)mit einer Künstlersozialabgabe auf. Ähnlichwie bei uns in Österreich gibt es eine Einkommensuntergrenze (¤ 3 900 im Jahr),die allerdings zweimal in sechs Jahrenunterschritten werden darf. Ich stelltedie Situation in Österreich vor, erklärteSchwächen und brachte auch die freiwilligeArbeitslosenversicherung für Selbständige,die es seit Jahresbeginn gibt, ins Gespräch.Es folgte eine Diskussion, wann dennselbständige Kunstschaffende je arbeitsloswären, die letztlich ergebnislos blieb.
3. Fiskalische Regelungen bzw. Sonderstellungen für bildende KünstlerInnen: In sehrvielen Ländern ist die Mehrwertsteuer aufKunst geringer als auf andere Verkaufsgüter.Bei der Einkommensteuer gelten für KünstlerInnen fast immer die gleichen Regeln wiefür andere selbständig Erwerbstätige. DieMöglichkeit, stark schwankende Einkommenauf mehrere Jahre zu verteilen, gibt es nurin Österreich (3 Jahre), Frankreich (3 bis 5Jahre) und Schweden (bis zu 6 Jahre!).
4. Einrichtungen zur Arbeitsunterstützungund Absatzförderung: Diese sind von Landzu Land extrem verschieden. Zum einenwerden Stipendien, Projektförderungen, Ateliers, Werkstätten, Ausstellungskosten-beiträge usw. vom Staat unterstützt, zumanderen kommen die Gelder aus demGlückspiel, aus Alkohol- und Tabaksteuern(z.B. Estland). Es gibt Auftragsarbeiten fürKunst am Bau und im öffentlichen Raum,sowie Abgaben für Letztere, die der Staat(Dänemark) fürs „Konsumieren“ berapptund die in entsprechende Fonds fließen.Zum Teil gibt es auch Gelder aus den Fondsvon Verwertungsgesellschaften und Ausstellungsvergütungen. Letztere sind Beträge,die an KünstlerInnen ausbezahlt werden,wenn ihre Kunst gegen Eintrittsgeld inAusstellungen gezeigt wird (gab es aucheinmal bei uns in Österreich, wurde abervor ca. zehn Jahren wieder abgeschafft).Die Roundtablegespräche wurden unterbrochen durch einen Vortrag von Christiane Ramonbordes, der Direktorin der französischenVerwertungsgesellschaft ADAGP, die dieTätigkeit, Struktur und Vernetzung ihrer Organisation beschrieb. Zum Ende des äußerstinformativen, ergiebigen und hervorragendorganisierten Kongresses folgte es eineSchlussrunde mit vielen Absichtserklärungen.

(Selbst)Organisierung vs. Dienstleistungsorganisation

Zusammenfassend lässt sich sagen: Am besten organisiert sind die nordischen Länder.Hier ist der Anteil der KünstlerInnen, dieMitglieder von Vertretungen bzw. „Kammern“ sind, besonders hoch. Dadurch bekommen sie auch ein entsprechendes politisches Gewicht und haben in vielen Fällendie Entscheidungsgewalt (besonders Dänemark). Nicht PolitikerInnen bestimmen, werKunstschaffende/r ist, wer Stipendien undFörderungen erhält, wie Gelder aus Kunstfonds verwendet werden, sondern dieKünstlerInnen selbst. Sie sitzen vorwiegendbzw. ausschließlich in den Beiräten und Jurien.In schwierigen Situationen befinden sich dieKünstlerInnen in den postsozialistischenLändern. Waren sie früher eingebunden insSystem (was – offiziell anerkannte KünstlerInnen – regelmäßige Aufträge, günstigeArbeitsräume, Sozialversicherung undPensionen bedeutete), so sind sie nunvollkommen auf sich gestellt. Ein besonders krasses Beispiel hierfür ist Ungarn.Fast alle Vortragenden klagten überschlechter werdende Bedingungen und zunehmende Kommerzialisierung. Auch in denskandinavischen Ländern kommt es zu einerErosion der sozialen Errungenschaften, vorallem durch konservative Parteien, die inden letzten Jahren an die Regierung gekommen sind. Nach der sponsernden undfördernden Privatwirtschaft zieht sichauch der Staat immer mehr zurück.Viele der KünstlerInnenvertretungen habennach wie vor ein sehr traditionelles Selbstverständnis als elitäre Kunstvereine, die sehrdarauf bedacht sind nur Mitglieder mit einerentsprechenden „Werkhöhe“ zuzulassen.Dies zeigte sich besonders stark beim Roundtablegespräch zur Definition der bildenden KünstlerInnen (siehe oben). Als erfreuliche Alternative dazu stellte sich Artquest ausEngland vor. Hierbei handelt es sich um eineDienstleistungsorganisation, die allen bildenden KünstlerInnen zur Verfügung steht.Es gibt keine Mitgliedschaft. Vier Personenbetreuen diese Einrichtung, die unterstütztvom Arts Council England und der Universityof the Arts London, juristische Hilfe (Art-law), Netzwerke zum internationalen Ateliertausch (Artelier) und einschlägige Informationen über Möglichkeiten im Ausland(Artroute) anbietet. Der Umfang der Website von Artquest ist beeindruckend und auchfür nicht in England lebende KünstlerInnenvon Interesse. Den englischen Vertreternervte die Diskussion um die KünstlerInnendefinition und die Forderung, dass alleKünstlerInnen Mitglieder eines Vereines odereiner Kammer sein müssten, extrem. Er verwies auf die Situation in London, wo es einelebendige und vielseitige Kunstszene (8 500KünstlerInnen) ohne Vereinsmeierei gäbeund auf die Kreativwirtschaft, die bereits andritter Stelle bei der Wertschöpfung stünde.Die Leute sollten nach vorne schauen, Verantwortung übernehmen und aufhören zujammern. Vermutlich hat ihn das Gejammerveranlasst, den Konvent vorzeitig zu verlassen. Zum Roundtable für fiskalische Maßnahmen, an dem er teilnehmen sollte, kamer leider nicht mehr.

Ausblick: solidarisieren, verbessern und verteidigen

Wie Anfangs erwähnt, werden die Ergebnisse der Tagung in einem Weißbuch zusammengefasst, welches Minimum-Standardsfür die soziale Situation der bildendenKünstlerInnen definiert, die in allen Ländernder EU eingefordert werden sollen. Voraussetzung dafür ist allerdings die Solidaritätund länderübergreifende Zusammenarbeitaller entsprechenden Vertretungen – mitdiesem Konvent wurde ein Grundstein dazugelegt. Es gilt nicht nur vieles zu verbessern,sondern auch alles bisher Erreichte permanent zu verteidigen.


Sebastian Weissenbacher ist bildenderKünstler und war von 1999 bis 2002 Vorsitzender der IG Bildende Kunst.

Links:www.europeanconventionofvisualarts.euhttp://ec.europa.eu/culture/index_en.htmwww.adagp.fr