Kaltherzigkeit als Waffe?

Affektive Arbeit, das Erzeugen von Gefühlen in warenförmigenBeziehungen, der Dienst am Menschen im wahrsten und vor allem emotionalsten Sinn des Wortes, ist spätestens seit der breitenRezeption von Michael Hardts und Antonio Negris Empire vielenein Begriff. In der heutigen Dienstleistungsgesellschaft erscheintdie in Empire vertretene These nachvollziehbar, dass eben dieseaffektive Arbeit das Fließband des Fordismus in seiner Bedeutungals zentraler Auseinandersetzungspunkt des aktuellen Kapitalismus ersetzt haben soll. Was könnte das bedeuten?

Karin ist mal wieder spät dran. Frau Schulz erzählte zum wiederholten Mal ihre gesamte Krankheitsgeschichte. Karin brachte eseinfach nicht übers Herz, sie zu unterbrechen, mit Verweis auf dieabgelaufene Zeit. Eigentlich ist sie nur dazu da, die Wohnung zuputzen und die Verbände zu wickeln, aber Frau Schulz schafft esimmer wieder, sie in Gespräche zu verwickeln und so bleibt siemeistens dreißig Minuten länger. Als Selbständige kann sie sichnicht einmal bei einem Chef beschweren und Überstundenbezahlung fordern. Karin hat Angst vor dem Alt werden. Wird sie sichspäter Hauskrankenpflegedienste leisten können? Als sie noch alsSchwester im Krankenhaus arbeitete, machte die Arbeit mehrSpaß. Da gab es Kolleginnen, da gab es klare Schichten, da gab eseinen Ort, an dem die Berufstätigkeit ausgeübt wurde. Heute arbeitet sie bei Leuten zu Hause, sehr privat, allein, ohne Kolleginnen. Das fühlt sich oft nicht als Arbeit an, viel mehr als wären ihre Kundinnen ihre Tanten und ihre Familie riesengroß. Karin magihre Arbeit und sie mag die alten Damen – die sind zwar teilweiseschrullig, aber sie sind ihr sehr ans Herz gewachsen.

Karin gilt wohl als ein Paradebeispiel affektiver Arbeiterinnen.Ganz wie eben auch bei Hardt und Negri beschrieben, besteht ihrLohnarbeitsverhältnis darin, ein Wohlgefühl bei Menschen zu erzeugen. Dieses Beispiel der Pflegeberufe wird gern und oft zitiert,zumal es bei affektiver Arbeit um vormals so genannte klassischweibliche Berufe gehe: die Arbeit der Pflege und (Gesundheits)fürsorge, caring labor, wie es in der feministischen Theoriepassender spezifiziert wird, hat an Bedeutung zugenommen. Undzwar deshalb, weil sie eben nicht mehr nur reproduziere, sonderninzwischen auch produziere: Gefühle eben. Ein Gut, das mit derzunehmenden Ausdehnung des warenförmigen Verhältnisses entstanden ist, das sich in der Auflösung des Privaten in eine Arbeitsbeziehung ausdrückt. Nach der territorialen und technologischen Expansion scheint auch in einer kapitalistischen Logik dieletzte Expansion, der Eroberungszug ins Reich der Gefühle, fastunausweichlich: Beziehungen werden immer marktförmiger.Freundinnen werden zu Ressourcen, Wohngemeinschaften zuJobbörsen – ebenso wie es unmöglich war, eine technische Entwicklung zu verhindern, wird es nicht möglich sein, die wahre,reine Freundschaft zu erhalten, die Kommodifizierung zu verhindern. Und wenn wir auf die Diskussionen um den Umgang mittechnologischen Entwicklungen zurückschauen, die einst in derLinken geführt wurden, so scheint sich heute ebenso die Frage zustellen: Wie können diese Entwicklungen von den Produzierendenangeeignet werden?

Otto arbeitete früher bei der NVA, der Nationalen Volksarmee,den Streitkräften der ehemaligen DDR. Seit 1990 ist er arbeitslos – er wurde damals zusammen mit der DDR abgewickelt. Wie soviele seiner Kollegen, Bekannten und Freunde. Weil er damalsschon 44 war, hat er es auch nicht geschafft, in einem anderen Beruf Fuß zu fassen. Also sattelte er um, arbeitet heute bei einemprivaten Sicherheitsdienst und fährt zumeist mit der BerlinerS-Bahn herum und schaut – tja, wonach schaut er da? –, so richtigweiß er das auch nicht. Er schaut, dass alles in Ordnung ist.Manchmal spricht er Jugendliche an, die ihre Füße auf die Sitzflächen stellen; so was gehört sich ja auch nicht. Aber meistensfährt er nur mit und tut gar nichts. Wie viele seiner Kollegenauch. Sein Stundenlohn ist gering, die Arbeit macht keinen Spaß,aber er tut, was er tun muss, hangelt sich durch die letzten Jahrebis zur Rente. Wenn eine betrunkene Gruppe Jugendlicher in derBahn mal wieder randaliert, ruft er die Polizei und hält sich fern.Exekutive Befugnisse hat er nicht, auch keine Waffen, um sich zuverteidigen, nur eine alberne Uniform, die in solchen Situationeneher von Gefahr als von Nutzen ist. Er ist dafür da, den Passagieren ein sicheres Gefühl zu geben, nicht sie zu beschützen.

Ottos Arbeit ist nicht typisch weiblich, aber nicht minder affektiv– nur produziert er kein Wohlgefühl, sondern ein Sicherheitsgefühl, das oftmals genauso imaginiert ist, wie das Wohlgefühl, dasKarin zu erzeugen hofft. Auch wenn wir Otto weniger sympathisch finden mögen, weil das von ihm hergestellte Produkt, dasSicherheitsgefühl, vielmehr die Sicherheit Weniger durch die Verunsicherung und Disziplinierung Vieler herstellen soll, so ist auchhier Otto derjenige, der seine Zeit aufwendet und Tätigkeit verrichtet, um eben diesen immateriellen Gebrauchsgegenstand,nämlich ein Sicherheitsgefühl, herzustellen.

So wie in der Fabrik das Fließband für die Produktion wesentlichist, so sind das die Emotionen und Einfühlsamkeiten von Karinund Otto. Wenn Otto Angst hätte und Karin kaltherzig wäre,funktionierte die affektive Fabrik auch nicht mehr, das ist unschwer vorstellbar. Dennoch wären diese Sabotageakte als politische Strategie nichts weiter als Maschinenstürmerei – wie alsokämpfen unsere neuen Produzentinnen und Produzenten?

Anna genießt ihre Freiheiten: Heute schläft sie mal lang aus undbeginnt erst am Mittag zu arbeiten. Ach wie schön kann das Leben sein! Die letzten Wochen hat sie fast ausschließlich am Computer verbracht. Das Buch, das sie gestaltete, wurde gesternNacht endlich in den Druck gegeben. Wochen des Haareraufenssind vorbei. Anna ist froh und fühlt sich mies zugleich. Froh, dasses letztendlich doch noch geklappt hat, obwohl – und das ist diemiese Seite – alles viel länger gedauert hat, als geplant. Nun istaus dem guten Job wieder ein mies bezahlter Job geworden – dasGeld sollte für zwei Wochen sein und nicht für vier. Wenn siedoch nur schneller arbeiten könnte! Wenn sich doch die Kundennicht immer in letzter Minute umentschieden hätten, so dass siein letzter Minute immer noch einmal alles umstellen musste. Siehätte bei der letzteren Änderung härter sein sollen und sagensollen: Hier – das war die letzte Änderung! Aber wenn dann dieganzen Fehler gedruckt worden wären, hätte sie auch dumm dagestanden – wer gibt denn schon ein Layout in Auftrag, wenn dieReferenzen voller Fehler sind? Anna liebt ihren Job als Grafikerin– sie kann kreativ sein, kann sich Layouts ausdenken, kann ihreZeit frei einteilen und bekommt einen guten Stundenlohn. Annahasst ihren Job als Grafikerin – sie muss immer die Ideen derKunden realisieren, auch wenn diese an Geschmacksverkalkungleiden und hässliche Grafiken schön finden. Wenn sie eine Deadline hat, hat sie überhaupt keine Freizeit, kann nicht mal krankwerden und selbst das Ausschlafen wird auf unbestimmt verschoben. Wenn sie an all die Entwürfe und Ausschreibungen, Bewerbungen und Angebote denkt, die sie so manches mal völlig umsonst erstellt hat, die nur eingeholt werden, damit es zwei zumAblehnen gibt, dann verflucht sie ihren Job. Nicht mal ein Dankeschön oder ein freundliches Wort gibt es, geschweige dennGeld. Das reißt sie runter. Tagelange Selbstzweifel, das Schlimmsteaber ist die Unlust, die dann kommt. Dann kann sie gar nichtmehr arbeiten. Tagelang schaut sie Soaps vor dem Fernseher undhofft auf einen motivierenden Moment.

Im Grunde genommen ist das alles gar nichts Neues – so wie sichdie Welt des Kapitalismus in der affektiven Arbeit nicht neu erfunden hat, sondern lediglich weiterentwickelte, so sind auch dieAngriffspunkte nicht neu: Es bleibt uns wieder nichts anderesübrig, als uns zu organisieren, auch wenn das nicht einfach erscheint. Die gemeinsamen Orte sind virtuell und realisieren sichnicht mehr in einem Zusammentreffen der Produzierenden, wieeinst in der Fabrik. Die Forderungen und Bedingungen, zu denendie Produzierenden arbeiten wollen, müssen gemeinsam gefunden werden, und das scheint noch schwieriger, da auch der virtuelle Pausenraum erst noch hergestellt werden muss und erst rechtein Begriff von affektiven Arbeitsbedingungen. Schließlich blieben die Kapitalketten zu analysieren, auch wieder eine schwierigeAufgabe, denn in der verteilten und verzweigten, verschachteltenund verschleierten Diffusion von Ausbeutung, will’s am Ende immer keiner gewesen sein.

Und dennoch bleibt kein anderer Weg,als gemeinsame Organi sierungsansätzezu entwickeln. In einzelnen beispielhaftenKam pagnen, wie jener von der US-Amerikanischen Dienstleistungs gewerkschaftSEIU ins Leben gerufenen Justice for Janitors Kampagne, in der sich allein in LosAngeles bis zu 100 000 Reinigungskräftevon 1990 bis 2000 organisierten, scheintdurch, dass es zumindest Möglichkeitengibt, sich erfolgreich in diesen Arbeitsverhältnissen zu organisieren. Schließlich erreichten diese Arbeiterinnen und Arbeitereine Lohnsteigerung von 22 Prozent, dielange Zeit beispiellos war. Was also hatdiese Kampagne anders gemacht, als vieleKampagnen zuvor?

Wenn wir der These von Hardt und Negri folgen wollen und voneinem Bedeutungswandel von der Fabrik hin zur Affektindustrieausgehen, dann müsste analog dazu das in Masse produzierte Auto von dem Auto abgelöst werden, dass mir als KäuferIn das (fürmich) beste Gefühl mit verkauft. Demnach könnten wir schlussfolgern, dass eine Kampagne wie Justice for Janitors nicht nurdeswegen so erfolgreich war, weil sie Affektarbeiterinnen organisierte, sondern unter anderem auch, weil ein zentrales Mittel imArbeitskampf die Produktion von Bildern, Gefühlen und Moralwar und nicht allein auf eine quasi-militärische Kampffähigkeitgesetzt wurde. So müssten die organisierten Affektarbeiterinnensich die Affektarbeit quasi aneignen und ihren Arbeitskampf affektivieren. Nur: Was könnte das bedeuten?


Susanne Lang arbeitet in verschiedenen Projekten an der Schnittstelle von Kunst, Neuen Medien und politischer Theorie, wiehttp://dictionaryofwar.org und