Was ist immaterielle Arbeit?

Jeder Gegenstand der Erfahrung ist ein Produkt. Er wird durchAkte der Leiblichkeit und des Bewusstseins hervorgebracht. Gegenständliche Erfahrung, ob sie nun mit sinnlich erfassbarer Wirklichkeit oder logischen Formen, ob mit nachvollziehbaren Tatsachen und Umständen oder mit Erzeugnissen der Einbildungskraftzu tun hat, verweist also immer auf ihre eigene Hervorbringung,auf die Leistungen eines teils monadisch agierenden, teils kommunikativ handelnden, teils individuell abtrennbaren, teils kollektiven, in der Leiblichkeit fundierten Bewusstseins.

Die immaterielle Arbeit führt uns also – wie die materielle – aufein Vermögen zurück, auf unsere eben beschriebene Fähigkeit,erkennend und handelnd Objekte sinnlicher oder geistiger Naturhervorzubringen. Der Unterschied zwischen leiblich-geistigerTätigkeit schlechthin (also der Erfahrung) und Arbeit liegt darin,dass letztere ihre Gegenstände nicht einfach so erzeugt, sondernsie mit Werten versieht. Nehmen wir eine allgemeine Definitionvon Arbeitskraft her und fragen uns, wo sich in dieser Passagedie immaterielle Arbeit verbergen könnte: „Unter Arbeitskraftoder Arbeitsvermögen verstehen wir den Inbegriff der physischenund geistigen Fähigkeiten, die in der Leiblichkeit, der lebendigenPersönlichkeit eines Menschen existieren und die er in Bewegungsetzt, sooft er Gebrauchswerte irgendeiner Art produziert.“1 Ausdieser Definition können wir zunächst einmal folgenden, allgemeinen Schluss ziehen: Man kann die materielle von der immateriellen Arbeit nicht trennen, wenn man sich auf das Vermögen undauf die Akte bezieht, die jedem hervorgebrachten Wert zugrundeliegen. Arbeit als Ereignis, als Vollzug, spielt sich in der räumlichzeitlichen Wirklichkeit ab, so wie es undenkbar ist, dass in eineHandlung keine physisch ungreifbare analytische, logische, diese Wirklichkeit ordnende Tätigkeit eingeht. Arbeit besteht immer inder Verausgabung physischer und psychischer Energie. Wir sindimmer beides, leibliches und geistiges Vermögen, und ebenso istjede Umsetzung dieses Vermögens in konkrete Akte sowohl mitgeistigem als auch mit leiblichem Aufwand verbunden. Wir sindvon der materiellen Wirklichkeit und von der geistigen Welt affiziert und gestalten diese Wirklichkeit nach physischen wie psychischen Interessen, Bedürfnissen, Zwecken und Begriffen.

Es ist dennoch nicht ganz verkehrt, von immaterieller oder materieller Arbeit zu sprechen, wenn man damit die Werte meint, diejeweils hergestellt werden. Es besteht natürlich ein Unterschiedzwischen materiellen und immateriellen Produkten, je nachdemob jemand Lebensmittel, ein Möbelstück, Kleidung bzw. ein technisches Gerät herstellt oder ob er oder sie einen Plan entwirft, einKonzept erstellt, eine Beratungsleistung erbringt bzw. eine Werbekampagne entwickelt. Dennoch, auch an diesen wenigen aufgelisteten Beispielen sieht man, dass sich das Materielle und dasImmaterielle nicht trennen lassen. In Möbel- und Kleidungsstücke geht Designarbeit ein, genauso wie eine Beratungsleistungein räumlich-zeitliches Setting voraussetzt und eine Werbekampagne ohne die sinnliche Dimension der verwendeten Zeichennicht auskommt. Die durch das Arbeitsvermögen erzeugten Differenzen (eine Variante im Design, ein neuer Geschmack, eine neueKombination von Zeichen und Inhalten), die sich in Gebrauchswerte verwandeln, sind nichts anderes als die über die Sinnlichkeit vermittelten ordnenden Eingriffe in die Welt, die wir vor unshaben. Auf der anderen Seite, auf der Seite des Konsums, habenwir ebenfalls nicht nur die sinnliche Wahrnehmung oder die Integration einer materiellen Wirklichkeit in Stoffwechselprozesse,sondern eben auch eine immaterielle Arbeit der Dechiffrierung,des Genusses und der Bewertung von Produkten und Leistungen.Immaterielle Werte unterscheiden sich von materiellen dadurch,dass sie nicht „aufgebraucht“ werden. Oder besser, sie nutzensich nicht auf dieselbe Weise ab, wie dies bei einem Lebensmittel,einem Möbelstück oder einem Gerät der Fall ist. ImmaterielleWerte sind dennoch nicht für die Ewigkeit geschaffen, sondernhängen von zeit-, orts- und kontextbezogener symbolischer Produktion ab. Diese symbolische Produktion entscheidet über Konsumpräferenzen, Moden, Stile, „populäres“ Wissen, die Stellungvon ExpertInnen innerhalb des Produktions- und Konsumtionsprozesses usw. Man denke nur an die Ausdifferenzierung des Gesundheitsbereichs mit all den neuen alternativen Heilmethoden,Wellnessangeboten und Beratungsleistungen, aber natürlich auchan die Musik- und Kleidungskultur, innerhalb deren sich ständigeine Unzahl von Präferenzen und Zugehörigkeiten ausbreitet, ablöst, gegenseitig bekämpft oder zusammenschließt. All diese Konsumformen sind Teil einer erweiterten Kette, eines Netzes der Wertbildung, das zwar nicht an den materiellen Verbrauch und seine Zyklen gebunden ist, aber auch seine zeitlichen Rhythmen, räumlichen Strukturen und symbolischen Orientierungen aufweist.

Wissen, der paradigmatische Fall eines immateriellen Wertes, verfügt über einige Eigenschaften, die es von einer Ware im Verständnis der klassischen Ökonomie unterscheiden. Es ist als Ressource (1) nicht knapp, weilsein Gebrauch prinzipiell mehreren NutzerInnen gleichzeitigzugänglich ist; es ist (2) keineim materiellen Sinne teilbareRessource, denn wenn es einmal hergestellt ist, kann manseine Kosten und Erträge nichtim Sinne der (Re-)Produktioneiner bestimmbaren Stückzahl(wie etwa bei einem Auto) kalkulieren. Es folgt einer Logik,die für den kapitalistischenVerwertungszyklus problematisch ist, weil aus dessen Sichtdie ursprüngliche Herstellungvon Wissen hohe Kosten verlangt, seine Reproduktion und Verbreitung jedoch schlecht kontrolliert werden können. Dies ist unter anderem deshalb so, weil(3) niemand prinzipiell vom Gebrauch des Wissens ausgeschlossenwerden kann. Jeder und jede könnte es lernen und es sich aufdiese Weise aneignen. Schließlich ist Wissen (4) nicht auf einerein instrumentelle Dimension reduzierbar, es ist nicht einfach nurMittel und Gebrauchswert, sondern eben auch Zweck und stiftetunter Umständen kulturelle, soziale Identität, Zugehörigkeit zueiner Produktions- oder Konsumgemeinschaft. Wissen ist eineRessource, die auf lebendige Reflexion angewiesen ist, auf Arbeit, die das Produkt selbst beständig verändert.2

Es wäre falsch, diese Eigenschaften auf bestimmte Formen desWissens und damit auf bestimmte Sektoren der Ökonomie beschränken zu wollen. Immaterielle Arbeit wird nicht nur von IT-ExpertInnen, WissenschaftlerInnen, JournalistInnen, Kreativen,Konzept-KünstlerInnen usw. geleistet. Warum sollen Pflegearbeit,die Organisation des Haushaltes oder die Betreuung von Kindernkeine immaterielle Arbeit sein? Man macht sich darüber hinausein falsches Bild von der Organisation der industriellen Fertigung,wenn man davon ausgeht, dass in den Fabriken immer noch ausschließlich unqualifizierte, manuelle, entfremdete Tätigkeit verrichtet wird. Auch am Fließband hat die Arbeitsorganisation denWert der Kommunikation entdeckt und versucht, das impliziteWissen und die reflexiven Fähigkeiten der ArbeiterInnen in denProduktionsprozess einzubinden.3 Die tayloristische hierarchischeOrganisation der Kette ist dem Prinzip der Arbeits-Gruppe gewichen, innerhalb deren sich die ArbeiterInnen austauschen können. Sie setzen ihre kommunikativen Fähigkeiten ein, um sichHandlungsspielräume zu erobern, um Verbesserungsvorschlägeeinzubringen und um sich höher zu qualifizieren. Dies ist durchaus im Interesse des kapitalistischen Entwicklungsprozesses, dennandernfalls wären die komplexeren Anforderungen einer überviele Stationen hinweg organisierten Wertschöpfungskette garnicht zu meistern. Damit tun sich aber auch neue Möglichkeitendes Widerstandes innerhalb der Produktion, neue Dimensionender Produktionsmacht auf, die organisiert werden müssen.

Wir haben es also nicht nur in einigen, sondern in allen Bereichenmit einem neuen Organisationsmodell zu tun, insofern die Arbeitskräfte aufgerufen sind, ihre Tätigkeit selbst zu organisieren, aufdie Bedingungen der Hervorbringung ihrer Aktivitäten zu reflektieren. Wesentliche Fragen hinsichtlich des Konfliktes zwischenArbeit und Kapital stellen sich dadurch auf völlig neue Weise.Neue Gesichter der Arbeit treten auf den Plan, man spricht vonsymbolischer Produktion, immaterieller Wertschöpfung oder affektiver Arbeit. Darunter sind, wie gesagt, nicht nur konkrete Arten von Tätigkeit zu verstehen (etwa die Gestaltung einer Home-page, eine Beratungsleistung im Sozialbereich oder die Tätigkeiteiner Pflegerin oder eines Kindergärtners). Vielmehr handelt essich darum, den Kontext zu bestimmen, in dem diese immateriellen, symbolischen, affektiven Aspekte des menschlichen Tätig-seins entweder sichtbar werden oder eben in die Unsichtbarkeitgedrängt werden. So ist Erziehungsarbeit eigentlich ein paradigmatischer Fall von „immaterieller Wertbildung“ in Kombinationmit „affektiver Arbeit“. In dieser Arbeit werden Verhaltensformenvermittelt, die durch den Wachstumsprozess des Kindes und dessen Handlungen ständig auf die Probe gestellt werden, was reflexive Prozesse in Gang setzt. Die Kinder handeln, und ihr Handelnlöst bei den Eltern Reaktionen und Bewertungen aus, jedochnicht gemäß starr vorgegebenen Regeln, sondern in einem dynamischen Austauschprozess, der ständig Neues hervorbringt, überdas Reflektieren, Vergleichen, Ausprobieren usw. In diesen Prozess fließen jedoch nicht nur bewusste, reflektierte Handlungenein, sondern auch die kollektive, zum Teil unbewusste Tätigkeitdes Erzeugens und Erhaltens von Normen und Einstellungen, dienoch dazu einem Prozess der sozialen Differenzierung unterliegt.Dennoch findet vieles, was in diesem Bereich geleistet wird,außerhalb der bezahlten Arbeit statt und wird vor allem vonFrauen geleistet, denen dadurch auf dem Arbeitsmarkt Nachteileentstehen. Auf all diese im Prozess der Erziehung hervorgebrachten Leistungen greift die so genannte Wissensgesellschaft jedochzurück, wenn sie von den Arbeitskräften bestimmte Fertigkeiten,Kompetenzen und Einstellungen verlangt. Sie muss dies in umsogrößerem Maße tun, als sie, wie gesagt, auf einem Organisationsmodell basiert, in dem es um das selbstständige Übernehmen undAusführen von Aufgaben geht.

Will man den Begriff der „immateriellen Arbeit“ also produktivverwenden, so genügt es wohl nicht, in allgemeiner Weise auf dasWiderstandspotenzial der unter diesem Ausdruck subsumiertenTätigkeiten hinzuweisen. Es gilt vielmehr, genau zu bestimmen,was mit dem Begriff „Arbeit“ in diesem Zusammenhang gemeintist, in welche Prozesse diese Arbeit überhaupt einfließt, auf welche Weise sie dies tut und welche inneren Konflikte der Begriffselbst verdeckt, insofern er sich sowohl auf Tätigkeiten bezieht,die eine zentrale Stellung im Produktionsprozess einnehmen, alsauch auf solche, die in den Bereich der „Reproduktion“ oder derschlecht bezahlten und wenig abgesicherten Pflege-, Erziehungs- und Betreuungsarbeit verbannt werden.

Künstlerische Tätigkeit könnte eine Menge zu solchen Reflexionsprozessen beitragen. Sie müsste sich die Frage stellen, auf welcheWeise Kontexte immateriellen Tätigseins mit künstlerischen Mitteln und Aktionsformen erforscht werden können, welche Artvon „partizipatorischer Forschung“ sich entwickeln ließe, um dieSpur jener Orte, Zeiten, Stoffe und Zeichen zu verfolgen, die dieso genannte immaterielle Wertbildung stets ausfüllt, besetzt, verwendet, verändert und hinterlässt. Die große Herausforderung eines solchen Unterfangens bestünde gerade darin, dieses weder zueiner Selbstausschaltung des ästhetischen Prozesses zugunsteneines reinen politischen Aktivismus noch zu einer sich im eigenenErfahrungsraum verfangenden Spiegelung des künstlerischenSelbst geraten zu lassen.


Klaus Neundlinger lebt als Philosoph, Übersetzer und Lehrer fürDeutsch als Fremdsprache in Wien.

1 K. Marx: Das Kapital. Erster Band. MEW Band 23. Berlin: Dietz 1975, S. 181.
2 Diese vier Kriterien stammen von E. Rullani: Economia della conoscenza. Creatività e valore nel capitalismo delle reti. Roma: Carocci 2004, S. 291ff.
3 P. Zarifian: Travail et communication. Essai sociologique sur le travail dans la grande entreprise industrielle. Paris: P.U.F. 1996.