MayDay als Ereignis nicht nur am 1. Mai

Fest, Kampfansage, Spaziergang, Alarmsignal –das alles und mehr war die MayDay!Parade 2011. Nach zwei Jahren Prekarität ohne Parade sammelten sich am 1. Mai wieder prekärLebende und Arbeitende, um prekär zu kämpfen und prekär zu tanzen. Treffpunkt war der Wallensteinplatz, wo das HipHop-Duo EsRaP & Enes einen energetischen Startschuss setzte. Am Augarten vorbei, wo das widerständige Erlustigungskommitee mit Brunnenchoraufwartete, zog sich die Parade durch den 2. Bezirk. Die vielfältigen prekären Arbeits- und Lebensräume wurden von AktivistInnen auf der Parade ermittelt und mittels Klebestreifen mit der Aufschrift „Vorsicht! Prekäre Zone!“ als solche auch sichtbar gemacht. Ganz in diesem Sinne antwortete eine performative Intervention am Praterstern auf einen dort gelegenen Supermarkt, in dem die Beschäftigten auch sonntags arbeiten müssen, indem sie ihn per Anagramm für LABIL erklärte. Ein Zieleinlauf aus mehreren Kassendurchgängen ließ zwischen (Konsum-) Glücksoptionen „freie“ Wahl.

Der Block der WissensarbeiterInnen führte mittels selbst gebastelter „book blocs“ (einer Mischform aus Buch und Ritterschild) vor, dass Wissen nicht nur allen gehört, sondern ein subversiver Literaturkanon auch zur passiven Bewaffnung in politischen Kämpfen taugt. Der Kinderwagenblock versammelte Kinder und sorgende Erwachsene und thematisierte die Prekarisierung von Kinderleben. Im Samba-Rhythmus und zu Techno-Beats, von der Clown Army eskortiert und von Radical Cheerleaders angefeuert, erreichte die Parade den Ring, den sie dadurch endlich wirklich zur Paradestraße kürte. Den Schlusspunktmarkierte der Marcus Omofuma-Stein, wo eine Aktivistin an die Tötung Omofumas erinnerte und den rassistischen Gesamtzustand in Österreich anklagte. Die Parade zeigt prekäre Orte dieser Stadt auf. Wir schreiben uns auf vielfältige Weisen ein, verbinden die prekären Zonen in unserem eigenen Leben und vernetzen uns mit den prekären Kämpfen vieler anderer.

Wenn Prekarisierung die Entsicherung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse beschreibt, geht es um einen Prozess, gegen den wir ankämpfen. Prekarität im Sinne von Gefährdet-Sein markiert allerdings auch einen wunden Punkt, der zugleich politisches Potential birgt. Gerade in unserer Verfasstheit als prekäre, verletzbare Leben sind wir von jeher den Anderen anvertraut und liegt darum immer schon die Möglichkeit, aneinander anzuknüpfen, uns zu verbinden und schließlich zu verbünden. Damit können wir –weder isoliert noch verschmolzen – von Mal zu Mal eine Gemeinschaft bilden, die genau für den Schutz dieser existenziellen Verletzbarkeit eintritt. Es geht nicht darum, Abgesichertheit zu simulieren oder Panzerphantasmen aufzurufen, als könne es je ein stabiles Außerhalb des prekären Lebens geben. Wohin eine wahnhafte Sicherheitsfixierung führt, haben wir bemerkt und macht uns wütend. Unsere Leben bleiben gefährdet. Aber die Ausbeutung dieser geteilten Voraussetzung entlang von Machtachsen gilt es zu bekämpfen. Es geht darum, die prekären Zonen nicht zu leugnen, sondern zu schützen und ihr ermächtigendes Potential zu nutzen.

Jenseits von verwertbarem „Event“ ist die Parade Ereignis, das weiter geht. Die Abschlussparty auf dem Schillerplatz hat uns nicht in die Vereinzelung zurückgeschickt, sondern ausgesendet, das Netz über die Stadt auszudehnen und weiterzuknüpfen. Es gibt noch viel zu holen, holen wir es uns gemeinsam! Her mit dem schönen Leben für alle!


Veronika Maurer schreibt ihre Diplomarbeit zum Thema Verletzbarkeit und war im May-Day!-Vorbereitungsplenum aktiv.