Anlässlich des 70-jährigen Jubiläums der IG Bildende Kunst im Jahr 2026 führen wir, Guilherme Maggessi und Vasilena Gankovska Gespräche mit ehemaligen Vorstandsmitgliedern, die über ihre Tätigkeit im Verein erzählen und Anekdoten, Erinnerungen und Eindrücke über das damalige kunstpolitische Geschehen teilen. Das erste Gespräch fand mit Sebastian Weissenbacher statt.
IG Bildende Kunst: Sebastian, du warst bei BVÖ/IG Bildende Kunst als Präsident tätig, an der Schwelle zu den 2000ern. Könntest du uns erzählen, wann du Mitglied beim BVÖ geworden bist, wie lange du im Vorstand tätig warst und wie du überhaupt darauf gekommen bist?
Sebastian Weissenbacher: Ich kannte den BVÖ (Berufsverband Bildender Künstler Österreichs) schon länger, aber ich fand es nicht notwendig, als junger Künstler Mitglied zu sein … Und dann war ich aber doch beeindruckt von dieser station 3 (Galerie des BVÖ in der Mariahilferstraße in Wien zwischen 1992–2000). Das war ein toller Ausstellungsraum. Susanne Berchtold hat ihn damals geführt. Irgendwann hieß es: Wenn man Mitglied im Verein wird, dann ist man gleich bei einer „Neuen Mitglieder“ Ausstellung dabei. Das war 1996. So bin ich dazugekommen und dann ging es ziemlich rasant. Damals war eine Art Umbruch im Vorstand und Susanne Berchtold hatte Angst davor, dass alles anders wird. Als Reaktion darauf hat sie eine Gruppe von Menschen mobilisiert, aus der ein neuer Vorstand gebildet werden sollte. Der erste Präsident vom neuen Vorstand war Felix Kalmar. Er hat das bis zum Ende seiner Funktionsperiode (zwei Jahre) gemacht. Dann hat Rosa Hausleitner die Präsidentschaft übernommen und ich bin als Vizepräsident reingerutscht. Sie hat ihr Amt noch innerhalb der Funktionsperiode niedergelegt und ich bin dann in der vordersten Front gestanden. Das war 1999. Die Position (Präsident) hatte ich dann bis 2002. Dann ist mir leider damals alles viel zu viel geworden. Ich war bei Galerie Ernst Hilger unter Vertrag und hätte eigentlich schauen müssen, dass ich viel produziere. Es ist mir eigentlich sehr gut gegangen, damals als Künstler. Am Anfang der Vereinstätigkeit habe ich ungefähr 10–14 Stunden in der Woche dafür gearbeitet. Ich dachte, ich kann die Zeit erübrigen. Aber dann waren es auf einmal 40 Stunden. Das ergab sich durch das ganze Theater, das politisch damals stattgefunden hat, sowie mit der Übersiedlung in die Gumpendorfer Straße. Ich habe mich dann ziemlich plötzlich entschieden, nicht mehr als Vorsitzender anzutreten, und bin 2002 aus dem Vorstand ausgeschieden.
IG Bildende Kunst: Du hast dich stark mit der damaligen Kunstpolitik auseinandergesetzt, vor allem was den Künstler:innensozialversicherungsfonds (KSVF) anging. Wie war es, sich in kunstpolitische Themen und Geschehnisse einzuarbeiten?
Sebastian Weissenbacher: Größtenteils learning by doing. Damals haben sich viele Politiker:innen stark für den sogenannten „Dritten Sektor“ interessiert, d. h. freischaffende Künstler:innen, aber auch Pflegepersonal zum Beispiel. Also Menschen, die es irgendwie schaffen, durch ihre prekäre Arbeit finanziell zu überleben. Diese Politiker:innen wollten daraus was lernen.
Der „neue selbstständige“ Begriff kam aber schon früher unter den Roten, noch 1998. Zu dem Thema gab es aber auch Treffen und Diskussionen … aus der Not heraus. Aber noch kurz zum KSVF. Es gab damals noch einen Künstlerhilfefonds. (Anm. Red.: eine Art Vorgängermodell des KSVF. Er leistete Zuschüsse zur Pensionsversicherung von bildenden Künstler:innen. 2001 wurde schließlich der KSVF gegründet und zwar für alle Sparten). Es war lange ein Anliegen von uns, dass eine eigene Künstlerversicherung kreiert wird. Das ist aber nie gelungen. Es ist dann „nur“ dieser Fonds (Anm.: der KSVF) geworden, wobei ich es gut fand, dass nicht mehr die künstlerische Qualität das Kriterium war, sondern die Künstler:innen mussten nachweisen, dass sie ein Mindesteinkommen aus ihrer künstlerischen Tätigkeit haben.
IG Bildende Kunst: Es gab aber scheinbar einen weiteren interessanten Moment. Damals waren die bildenden Künstler:innen bei der jetzigen ÖGK krankenversichert, nicht bei der SVS. So wie wir es verstehen, war der zusätzliche Kampf, dass es so bleibt. Warum war das euch so wichtig?
Sebastian Weissenbacher: Früher (Anm. Red.: vor 1. 1. 2001.) gab es die Regelung, dass die bildenden Künstler:innen bei der Gebietskrankenkasse krankenversichert waren. Die Pensionsversicherung lief über die Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft (heute SVS). Es gab gewisse Vorteile, bei der Gebietskrankenkasse krankenversichert zu sein, somit wollten die meisten dort bleiben. Also viele, die unter die alte Regelung fallen, durften schließlich mit der Krankenversicherung bei der GKK bleiben und sind dort bis heute krankenversichert.
IG Bildende Kunst: Das habt ihr damals gut gemacht.
Sebastian Weissenbacher: Ja, das lag auch daran, dass wir gut in den Medien vertreten waren. Wir hatten einen guten Kontakt mit Thomas Trenkler von Der Standard. Viele der Journalist:innen haben damals immer sehr brav geschrieben, wenn irgendwas war. Also wir haben wirklich gelernt, auf dieser Medienorgel zu spielen und uns bemerkbar zu machen.
IG Bildende Kunst: 1998 fand auch der Umzug der Maroden statt, der auch viel mit dem Thema der sozialen Absicherung zu tun hatte. Warst du dabei? Wie waren die Vorbereitungen dafür? Wie habt ihr euch organisiert?
Sebastian Weissenbacher: Ja, bei den Vorbereitungen schon. Leider war ich, als der Umzug war, nicht in Wien. Davor haben wir uns alle regelmäßig getroffen. Dabei waren die Musikgilde, die IG Freie Theater, sowie die Autor:innen mit Gerhard Ruiss, unter anderem. Ein Forderungskatalog ist erarbeitet worden und wir hatten Treffen mit dem Ministerium.1
IG Bildende Kunst: Wir bekommen den Eindruck, dass ihr euch damals hinter dem Verein verstecken konntet. Im Endeffekt, auch wenn wir alle als Künstler:innen tätig sind, müssen wir schauen, dass „unsere“ und nicht nur „die eigenen“ Interessen verfolgt werden. Gab es große Themen in der Organisation, die viel Wirbel verursacht haben, auch bei euch privat?
Sebastian Weissenbacher: Es war hauptsächlich das Thema Folgerecht2. Dazu kommt auch, dass es sowieso viele Künstler:innenvereinigungen gab, die sich für die (Re)präsentation von Künstler:innen engagiert haben. Die eigentliche Hauptaufgabe unseres Vereins war aber die Interessenvertretung. Es war uns damals wichtig, den Verein darauf zurückzubringen.
IG Bildende Kunst: War das der Anlass für die Umbenennung von BVÖ in IG Bildende Kunst?
Sebastian Weissenbacher: Wir haben uns dafür entschieden, ein Zeichen zu setzen. Sowohl mit der Übersiedlung wie auch mit dem neuen Namen wollten wir einen neuen Anfang. Es ging auch darum, dass wir uns von der Berufsvereinigung bildender Künstler Österreichs (BV) abgrenzen wollten. Im Nachhinein betrachtet ging es irgendwie immer um „Wer ist wer?“
IG Bildende Kunst: Vor der Umbenennung kam auch eine ziemlich große politische Veränderung, nämlich die Koalition zwischen ÖVP und FPÖ im Jahr 2000. Ihr habt viel von eurer Energie in Proteste und Aktionen gesteckt. Hat das auch eine Rolle für die Umpositionierung der IG gespielt?
Sebastian Weissenbacher: Ja, das war praktisch der Grund für die Übersiedlung. Als die neue Regierung gekommen ist, waren wir noch in der station 3. Dort haben wir unsere Aktionen gemacht: vorbereitende Treffen für Demonstrationen, Transparente gemalt etc. Am Anfang haben sich alle Künstler:innen im Depot, damals noch im Museumsquartier, getroffen. Wir haben uns alle gefragt: „Was machen wir jetzt?“ Wir haben zum Beispiel eine Präambel verfasst, die alle bei offiziellen Schreiben verwenden sollten. Es waren Hunderte Leute bei der ersten Sitzung im Depot. Für spätere Treffen wollte aber das Depot den Raum nicht zur Verfügung stellen. Und so kam die Frage: „Wo machen wir weiter?” Wir haben vorgeschlagen, die weiteren Treffen in der IG zu machen. Allerdings sind wir beim dritten Treffen nur noch zu zehnt dagesessen.
IG Bildende Kunst: Wie war es für euch, diese Frage von Solidarität durch Mitgliedschaft?
Sebastian Weissenbacher: Wir haben es damals geschafft, mehr Mitglieder zu bekommen, indem wir was angeboten haben. Solche Dienstleistungen wie Beratung zu Steuer-, Sozialversicherungs- oder Rechtsfragen hat es vorher nicht gegeben.
IG Bildende Kunst: Was für eine Resonanz von außen gab es damals?
Sebastian Weissenbacher: Die Reaktion war oft: “Ah, ja, habe ich schon mal gehört”. Verwunderung zum Teil, worüber, was wir eigentlich angeboten haben oder was wir gemacht haben. Das hängt ein bisschen davon ab, wie gut man es schafft, in den Medien zu sein oder auf sich aufmerksam zu machen. Wir haben das ja auch dann immer so inszeniert. Als wir in die Gumpendorfer Straße hergezogen sind, hat es eine Pressekonferenz gegeben. Götz Bury hat Mikrofone zusammengeschweißt und Ständer händisch bemalt. Da musste ich mich hinstellen und die Pressekonferenz abhalten. Ich bin da auf einem Podest gestanden, wie im Fernsehen.
IG Bildende Kunst: Wie hast du die Vereinstätigkeit in Erinnerung?
Sebastian Weissenbacher: Wichtig ist, dass man nette Leute hat. Diese gemeinsame Arbeit ist eigentlich das Schönste. Das Besondere war, dass wir ein wirklich tolles Team waren. Und dass wir zusammengehalten haben und alle dabei waren. Es hat sich keiner davor gedrückt, irgendwas zu übernehmen. Das war sehr schön. Wir haben darauf geschaut, dass wir mindestens einmal im Monat eine Vorstandssitzung hatten. Wir haben auch alle viel gelernt aus der ganzen Sache. Ich für meinen Teil auch.
1 Nachtrag von Sebastian Weissenbacher:
„Damals haben sich alle Künstlervertretungen (IG Autorinnen Autoren, IG Freies Theater, Musikergilde, Berufsvereinigung, Tänzer:innen und Choreograf:innen) zum ersten Mal als „Kulturrat“ zusammengetan, um sich bezüglich Künstlersozialversicherung bei den Politiker:innen bemerkbar zu machen. Davor hat jede Gruppierung ihr eigenes Süppchen gekocht und sehr unterschiedliche Regelungen für Sozial- und Krankenversicherung mit den zuständigen Behörden ausverhandelt, die mit der Schaffung der Berufsgruppe „Neue Selbständige“ hinfällig geworden sind. Eloquenter Wortführer des „Kulturrates“ (damals) war Gerhard Ruiss.
2 https://www.wko.at/oe/handel/juwelen-uhren-kunst-antiquitaeten-briefmarken/folgerecht
Sebastian Weissenbacher ist bildender Künstler und ehemaliger Präsident der IG Bildende Kunst (1999–2002). Vasilena Gankovska ist kunstpolitische Redakteurin von Bildpunkt. Guilherme Pereira Maggessi de Olivera ist Künstler, Grafik–Designer und seit 2024 Teil vom Vorstand der IG Bildende Kunst.
