Schnelle Erfolge sind selten. Wir bleiben beharrlich!

Eva Dertschei und Vasilena Gankovska im Gespräch mit Daniela Koweindl über 70 Jahre Kampf um soziale Rechte und das Schreiben von Geschichte

Freitag, 19. Oktober 1956: bildende Künstler: innen versammeln sich im Künstlerhaus (Wien). Sie gründen den BVÖ, den Freien Berufsverband bildender Künstler Österreichs zur Wahrung der wirtschaftlichen und sozialen Interessen. All genders mitgemeint. 186 Personen unterzeichnen das Gründungsprotokoll. Eine Namensänderung folgt 2000: IG Bildende Kunst

Stabil geblieben ist bis heute der Kampf um soziale Rechte. Vasilena Gankovska und Eva Dertschei haben Fotos, Protokolle und andere Archivschätze durchstöbert. Was haben sie entdeckt? NS-Vergangenheit (Welcome to Austria!), „Künstler-Sozialversicherungsgesetz“ 1958 (wow!), Eissalonkunst (what?). Ausgewählte Fundstücke zeigt die Ausstellung IG Timeline: Time in Space – eine prozesshafte Installation mit Einladung zum Mitmachen.

Welchen Blick habt ihr auf 70 Jahre IG Bildende Kunst?

Vasilena Gankovska: Es ist eine bewegende und dynamische Geschichte eines Vereins, wo es an Kämpfen (extern wie auch intern) nicht mangelte. Es ist sehr rührend zu lesen, mit welcher Leidenschaft die damaligen Präsidiumsmitglieder für den BVÖ tätig waren – manche bis in die 1970er Jahre hinein. Ihnen war klar bewusst, dass sie einige große Aufgaben vor sich hatten.

Eva Dertschei: Im Rückblick finde ich es beeindruckend, wie viele Künstler:innen sich im BVÖ bzw. in der IG Bildende Kunst engagiert haben, um für gemeinsame Anliegen für alle Künstler:innen in Österreich zu kämpfen. Da wurde sehr viel (unbezahlte) Arbeit geleistet, um politische Prozesse in Gang zu setzen, deren Ergebnisse erst Jahre später Auswirkung zeigten. Dieses Engagement führt selten zu einem schnellen Erfolgserlebnis, sondern braucht kontinuierliche Arbeit.

Apropos. Die Gründung des BVÖ hat bereits eine kämpferische Vorgeschichte in der noch jungen 2. Republik. Was war da los?

Vasilena Gankovska: Im Grunde ging es 1955 oder auch bereits ab 1954 um das Allgemeine Sozialversicherungsgesetz (ASVG), das Künstler:innen schlechter stellte als andere Berufe. Diese Ungerechtigkeit sollte repariert werden. Ein Aktionskomitee aus Vertreter:innen verschiedener Künstler:innenvereinigungen formierte sich 1955, beschloss eine Resolution, setzte Aktionen und richtete Urgenzen an diverse Ministerien, um Forderungen zu platzieren. 1958 ist schließlich eine Gesetzesnovelle mit bedeutenden Erfolgen gelungen: Selbstständige bildende Künstler:innen verbleiben mit der Krankenversicherung im ASVG, die Pensionsversicherung wandert zur Gewerblichen Sozialversicherung. Im Jahresbericht 1958 hält der BVÖ fest, dass damit die Versicherungsbeiträge für die Künstler:innen niedriger ausfallen. Außerdem werden Zuschüsse zur Pensionsversicherung gesetzlich verankert – was auch die Debatte, wer ein „wirklicher Künstler“ ist, eröffnete.

Also eine Erfolgsgeschichte gleich zum Auftakt?

Vasilena Gankovska: Erfolgreich an dieser Geschichte ist nicht nur die Gesetzesänderung, sondern auch, dass sich so viele einer Idee angeschlossen und sie kontinuierlich verfolgt haben. Diese Energie und Gruppendynamik führten 1956 zur Gründung des BVÖ. Differenzen zwischen einzelnen Vertretungen auf Bundesebene wurden dadurch nicht beseitigt, aber für einen Moment schien es, dass alle an einem Strang zogen.

Drei Künstler mit höchst unterschiedlicher Vergangenheit stehen ein Jahrzehnt nach dem NS-Terrorregime gemeinsam an der Spitze im Kampf um soziale Rechte für Künstler:innen. Was wissen wir über die Akteur:innen?

Eva Dertschei: Als wir uns die Biografien des ersten BVÖ-Präsidenten und der beiden Vizepräsidenten etwas näher angesehen haben, sind wir auf Lebensläufe gestoßen, die ideologisch sehr unterschiedlich sind und gleichzeitig die Nachkriegszeit in Österreich repräsentieren, in der gewisse Kontinuitäten festzustellen sind. Alfons Riedel war Bildhauer, Mitbegründer und erster Präsident der BVÖ. Er wurde 1941 in die NSDAP aufgenommen. Die Mitgliedschaft hatte er angeblich aus wirtschaftlichen Gründen beantragt, um öffentliche Aufträge als Bildhauer zu erhalten. Nach 1945 fand aufgrund einer eidesstaatlichen Erklärung des damaligen Künstlerhaus-Präsidenten kein Entnazifizierungsverfahren gegen Riedel statt. Carry Hauser war Vertreter des österreichischen Expressionismus. In den 1930ern engagierte er sich während der Zeit des Ständestaates in der Vaterländischen Front. Nach dem „Anschluss“ 1938 wurden seine Werke als „entartet“ eingestuft und teilweise vernichtet. Er musste mit seiner jüdischen Frau Gertrud Herzog-Hauser in die Niederlande und später in die Schweiz emigrieren. Nach seiner Rückkehr 1947 war er Mitbegründer und Vizepräsident des BVÖ. Victor Slama war Grafiker und wurde durch Plakate für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei bekannt. Während des NS-Regimes wich er auf Produkt- und Kinowerbung aus und wurde 1941 in die Reichskunstkammer aufgenommen. Nach dem Krieg erhält er von der Stadt Wien den Auftrag, die antifaschistische Ausstellung „Niemals vergessen!“ zu konzipieren und zu gestalten. Er war ebenfalls Mitbegründer und Vizepräsident der BVÖ.

Das erste BVÖ-Präsidententrio: NSDAP-Mitgliedschaft. Flucht und Exil. Kurator einer antifaschistischen Ausstellung nach 1945. Wie geht sich das aus?

Eva Dertschei: Es drängen sich einige Fragen auf. Wie können wir uns eine Zusammenarbeit der drei vorstellen? Welche Themen wurden besprochen und welche nicht? Hier stehen wir erst am Anfang unserer Recherche.

Vasilena Gankovska: In der Publikation „25 Jahre BVÖ“ erzählt Carry Hauser über die Aufteilung politischer Lobbyingarbeit innerhalb des Präsidiums. Verortet in einer damals – parteipolitisch betrachtet – dualen Welt zwischen ÖVP und SPÖ schien es für erfolgreiche BVÖ-Arbeit notwendig, mit beiden Parteien engeren Kontakt zu pflegen. Victor Slama war angeblich bereits bei den Sozialisten. Carry Hauser beschreibt, dass er, obwohl ihm das politisch nicht so lag, schließlich dem damals ÖVP-nahen Akademikerbund beitrat.

Was noch erzählen Dokumente über die BVÖ-Arbeit (nicht)?

Eva Dertschei: Die Sprache ist aus heutiger Sicht sehr gewöhnungsbedürftig. Natürlich ist Gendern noch kein Thema. So entsteht der Eindruck, dass hier nur Männer am Werk waren. Was so nicht stimmt, wie z.B. die Beitrittserklärung der Künstlerin Hilde Uray im Gründungsjahr beweist oder auch die langjährige Leitung der Galerie durch Leonore Boeckl ab Mitte der 1960er Jahre. Dennoch waren Männer in den ersten Jahrzehnten in den leitenden Positionen und Frauen eher für die bürokratischen Tätigkeiten zuständig. Die Situation heute sieht anders aus.

Vasilena Gankovska: Verblüffend sind auch Ausdrücke wie „Eissalon- Kunst“. Scheinbar ein Begriff, um die vielen Kunsthandelgalerien zu beschreiben, die unterschiedliche und meistens eine nicht kuratierte Auswahl an Werken angeboten hatten.

Im Jänner 2026 hat das Ausstellungprojekt IG Timeline: Time in Space gestartet – zunächst mit Schlaglichtern auf die Gründungsjahre bis 1977. Was prägte diese Zeit?

Vasilena Gankovska: Von Anfang an geht es um Themen, die uns immer noch beschäftigen: soziale Absicherung, Steuer und Absetzbarkeit, Kunst am Bau, freier Eintritt in die Bundesmuseen, Urheber:innenrechte etc. Die Jahre bis etwa 1970 waren prägend für die Etablierung von Förderstrukturen. Von Anfang an gab es auch die Forderung nach einem eigenen Ministerium für Kunst und Kultur. Auch die Anerkennung künstlerischer Tätigkeit nach dem Einkommensteuergesetz war eine Herausforderung. Viele Dinge, die uns heutzutage als normal, wenn nicht banal erscheinen, sind das Ergebnis dieser ersten Kämpfe. 

Die Ausstellung ist als wachsender Prozess konzipiert. Wie geht es weiter?

Vasilena Gankovska: Die zweite Etappe wird die Jahre von 1978 bis 1992 umfassen, wo altbekannte Themen, aber auch neue Entwicklungen und Bündnisse ans Licht kommen. Ich kann schon mal sagen, die 1980er Jahre waren sehr stark auch von persönlichen Belangen und vereinsinternen Existenzkämpfen geprägt. Es kamen neue Diskurse dazu, auch der Kunstbegriff entwickelte sich weiter, sodass Ausstellungsformate überdacht wurden. Es gab auch einige Erfolge auf politischer Ebene. Aber Anfang der 1990er war auch die Zeit, wo das rechte Narrativ der FPÖ unter Jörg Haider stark wurde.

Work in progress. Und ein Aufruf, Erinnerungen zu teilen?

Eva Dertschei: Die IG-Timeline-Ausstellung begreift sich als eine nicht abgeschlossene Recherche. Die ausgestellten „Kalenderblätter“ repräsentieren jeweils ein Jahr in der Geschichte der IG Bildende Kunst. Die abgebildeten Dokumente stehen nur exemplarisch für viele Themen, die im Laufe der Jahre wichtig waren oder noch immer sind. In diesem Sinn wäre es schön, diese Linie mit weiteren Informationen, Geschichten oder Dingen der vielen Künstler:innen zu befüllen, die die IG begleitet, unterstützt oder aktiv mitgearbeitet haben.

Vasilena Gankovska: Die Aufarbeitung mancher Biografien, wie im Fall vom ersten BVÖ-Präsidenten, und vertiefende Recherchen in Archiven auch anderer Institutionen stehen an bzw. werden fortgesetzt. Wir wollen damit ein umfassenderes Bild der ersten BVÖ-Jahre gewinnen. 


Vasilena Gankovska und Eva Dertschei sind Vorstandsmitglieder der IG Bildende Kunst. Gemeinsam gestalten sie die Ausstellung IG Timeline: Time in Space, die bis zum 19. 10. 2026 in fünf Etappen weiterwachsen wird.

Daniela Koweindl ist kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst.