Sich selbst zum Thema der künstlerischen Produktion zu machen, ist als Motiv und Methode so alt wie das Kunstfeld selbst. Der Künstler, später die Künstlerin, emanzipierte sich vom Handwerk auch mittels Selbstdarstellung und erfand sich als autonomes Subjekt bis hin zur Selbstvermarktung. In den künstlerischen Strategien, die Ana de Almeida und Mariel Rodríguez unter dem Titel Standpoint Autotheory versammelt haben, geht es aber um „topics broader than the self“. Das Buch versammelt Texte von Künstler*innen, die auf verschiedenen Ebenen sich selbst im Kontext der Globalgeschichte, der kollektiven Erinnerung sowie der archivierten und gelebten identitären Verortungen reflektieren. Es setzt den Fokus zudem auf bildende Künstler*innen und weg von der vor allem französischen Literatur, die das Genre der Autosoziobiographie in den letzten Jahren so geprägt hat. Schon in der Literatur des 18. Und 19. Jahrhunderts beginnt die Thematisierung des Zusammenhangs von Bildung, zugleich Selbsttechnik und sozialer Auftrag, und gesellschaftlichem Aufstieg. Das zeichnet die Literaturwissenschaftlerin Eva Blome in ihrer großartigen Studie auf, die auch die individuellen Bildungsgeschichten in der Gegenwartsliteratur als Zeitdiagosen ausweist. Sie gelangt über die Schilderung von „alternativen Bildungsgeschichten“ zu einer „sozialgeschichtlichen Perspektivierung“ und deren Verkoppelung mit dem Politischen der Form. Blome beschränkt sich dabei nicht auf die Werke von Annie Ernaux, Didier Eribon und Eduard Louis, die in den letzten Jahren zu den Stars des Genres avanciert sind. „Wie kann sie das Vergehen der Zeit, die Veränderung der Dinge, Ideen und Sitten und gleichzeitig das Innenleben dieser Frau schildern“, fragt sich die Protagonistin in Annie Ernauxs großer Autosoziobiographie Die Jahre. Ein paradigmatischer Text, der den individuellen Klassenwechsel durch Bildung in seinen soziopolitischen und kulturellen Rahmenbedingungen beschreibt. Annie Ernaux reklamiert „soziologischen Erkenntnisgewinn im Medium der Literatur“, schreiben Rammersdorfer, Stiemer und Wolf in ihrem Band. Darin wird immer wieder überzeugend die „maßgebliche Rolle“ des Soziologen Pierre Bourdieu für die Hochkonjunktur der Autosoziobiographie herausgestrichen. Bourdieu hatte nicht nur selbst einen kurz nach seinem Tod auch bei Suhrkamp erschienenen, Soziologischen Selbstversuch (2002) unternommen, sondern seine klassensensible Kultursoziologie wurde zur Grundlage für viele andere Autor*innen nicht nur in Frankreich, die eigene Geschichte im Kontext ihrer sozialen und kulturellen Genese zu reflektieren. Auch Blome bezeichnet Bourdieu als eine Art „soziologischen Patriarchen“ des autosoziobiografischen Schreibens. Dass es autosoziobiographische Texte auch in „different cultural contexts and historical constellations“ jenseits der westeuropäischen Dominanz gibt, betont neben Standpoint Autotheory auch der Band Autosociobiography. Hier stehen etwa Analysen u.a. indischer, japanischer, spanischer und polnischer Literatur im Fokus, wobei auch die Verschiebungen von psychoanalytischen zu soziologischen Perspektiven auf Genres, styles und types konstatiert wird.
→ Ana de Almeida und Mariel Rodríguez (Hg.): Standpoint Autotheory. Writing Embodied Experiences and Relational Artistic Practices. Publication Series of the Academy of Fine Arts Vienna Vol. 28. London 2025 (Sternberg Press).
→ Eva Blome: Ungleiche Verhältnisse. Bildungsgeschichten als literarische Soziologie. Göttingen 2025 (Wallstein Verlag).
→ Johanna Bundschuh van Duikeren/ Marie Jacquier/ Peter Löffelbein (Hg.): Autosociobiography. A Literary Phenomenon and Its Global Entanglements. Bielefeld 2025 (Transcript Verlag).
→ Annie Ernaux: Die Jahre. Berlin 2017 (Suhrkamp Verlag).
→ Lydia Rammersdorfer, Haimo Stiemer und Nobert Christian Wolf (Hg.): Autosoziobiographie mit Bourdieu. Soziologische Theorie und literarische Genrekonstitution. Paderborn 2025 (Brill/ Fink).
Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker. Er unterrichtet an der Akademie der bildenden Künste Wien. www.jenspetzkastner.de
