Wer vertritt deine Interessen?

Prekarisierung, Organisierung, soziale Rechte

Seit einiger Zeit schon ist in Österreich die so genannte „Krise der Gewerkschaften“ in aller Munde. Dass diese Krise allerdings so neu gar nicht ist und dass es sich dabei vor allem um eine Krise bestehender Formen der Interessensvertretung von Lohnabhängigen handelt, findet kaum Erwähnung. Gerade aber die Prekarisierung, also die fortschreitende Entsicherung der Arbeits- und Lebensverhältnisse, wirft gegenwärtig mit Nachdruck die Frage nach neuen Modellen der Organisierung auf. Innerhalb der Gewerkschaftsapparate beginnt sich deshalb Widerstand zu regen und Initiativen wie der EuroMayDay, der zuletzt etwa in Wien am 1. Mai rund 1 500 Menschen auf die Straße lockte, bemühen sich auch außerhalb bestehender Strukturen um die Formulierung neuer Antworten. Ein Beitrag zur Diskussion.

Das goldene Zeitalter der Interessensvertretung

Scotty nickte. „Ich werde Gewerkschaftsmitglied sein, bis ich unter die Erde komme. Du brauchst eine Gewerkschaft, junger Mann. Und wenn du keine hast, dann solltest du darum kämpfen, dass du eine kriegst.“ Ich seufzte. „Ich wünsch mir auch eine Gewerkschaft, Scotty.“ (Leslie Feinberg, Stone Butch Blues) Tauchte im „goldenen Zeitalter des Kapitalismus“ die Frage nach den Interessenlagen am Arbeitsmarkt auf, schienen die Fronten zumeist klar: Der Gegensatz verlief entlang der Achse Kapital/Arbeit und war repräsentiert in Unternehmensverbänden und Gewerkschaft. Und noch etwas schien offensichtlich: Nicht bloß waren die konfligierenden Interessen klar normiert, sie waren in Form eines Klassenkompromisses auch „miteinander in Einklang gebracht“.

In den USA, um hier ein etwas abseitiges Beispiel zu wählen, war es der 1950 vereinbarte Treaty of Detroit, der einen derartigen Kompromiss besiegelte – eine Art Mustertarifvertrag, ausgehandelt zwischen der Unternehmensleitung von General Motors und der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW). Scotty, der im einleitenden Zitat aus Leslie Feinbergs Roman Stone Butch Blues nicht ohne Stolz seinen gewerkschaftlichen „Bund fürs Leben“ hervorstreicht, war UAW-Mitglied, bevor er Mitte der 1970er Jahre einer Kündigungswelle in der Automobilbranche zum Opfer fiel. Der „junge Mann“ hingegen, an den Scotty seine Worte adressiert, ist Jess, die sich jahrelang als niedrigqualifizierte Hilfskraft durch die Randbereiche der güterproduzierenden Industrie schuftete und das vermeintliche Allgemeingut einer Interessensvertretung nur insofern kannte, als sie sich selbst zu organisieren wusste.

Hier tritt die Ambivalenz der realexistierenden Interessenvertretung der Lohnabhängigen im „goldenen Zeitalter des Kapitalismus“ zutage: Die vermeintliche Homogenität der fordistischen ArbeiterInnenklasse und ihrer Interessen war nämlich das Produkt eines nach innen hin wirkenden Disziplinierungs-, sowie eines nach außen gerichteten Abschottungsprozesses, der ganz wesentlich von den Gewerkschaften mitbefördert wurde. Denn wie bereits angedeutet, war natürlich auch der Arbeitsmarkt dieses „goldenen Zeitalters“ ein segmentierter und Interessensvertretung der ArbeitnehmerInnen bedeutet unter diesen Voraussetzungen realiter zumeist Vertretung der Interessen mehrheitsangehöriger männlicher Facharbeiter. Und zwar wenn nötig auch gegen die Interessen der Randbelegschaft – zumeist MigrantInnen und Frauen – gerichtet, die als Risikofaktoren für die Löhne und Arbeitsbedingungen „der Mehrheit“ galten. Eher als „peripher“ geltende Interessen, wie beispielsweise jene von KünstlerInnen, waren von den erwähnten Klassenkompromissen darüber hinaus von vornherein ausgeschlossen. Vor diesem Hintergrund freilich verliert auch das vermeintlich „goldene Zeitalter der Interessensvertretung“ einiges von seinem Glanz.

Interessensvertretung in prekären Zeiten

„Weißt du, was wir hier brauchen?“ sage ich schließlich. „Wir brauchen eine Gewerkschaft.“ „Ja. Irgendwas brauchen wir“, antwortete die Kollegin. (Barbara Ehrenreich, Arbeit Poor)

Als die wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche der 1970er Jahre schließlich das Ende des „goldenen Zeitalters des Kapitalismus“ einläuteten, schlitterte mit ihm auch die bestehende Interessenvertretung der Lohnabhängigen in die Krise. Die alten Gewerkschaftsstrukturen gerieten durch die nunmehr einsetzenden Entwicklungen nämlich gleich doppelt in Bedrängnis: Auf der einen Seite mussten sie aufgrund des Wandels der sozioökonomischen Rahmenbedingungen das sukzessive Wegbrechen ihres alten Stammklientels hinnehmen, während vor allem im expandierenden Dienstleistungssektor eine unorganisierte und bald schon als „unorganisierbar“ geltende ArbeiterInnenschaft neuen Typs heranwuchs. Auf der anderen Seite wurde der alte Klassenkompromiss Schritt für Schritt von Kapitalseite aufgekündigt und die in unzähligen Arbeitskämpfen errungenen Rechte erneut zur Disposition gestellt. Anstatt jedoch die Strukturkrise für eine Neuausrichtung der eigenen Strukturen zu nutzen und auf die Kapitaloffensive mit einer Neupositionierung als politischer Kampforganisation der Lohnabhängigen zu reagieren, hielten die Gewerkschaften auf der Basis neuartiger „Standortbündnisse“ zumeist unbeeindruckt am längst anachronistisch gewordenen Spiel des Korporatismus fest und hofften vergeblich auf ihre ehemaligen Verbündeten im nunmehr neoliberal gewendeten Staat. Den bei der UAW organisierten ArbeiterInnen bei Chrysler in den USA, um noch kurz beim Beispiel zu bleiben, kostete dieses gewerkschaftliche Agieren alleine in den Jahren 1979 bis 1980 26 bezahlte Urlaubstage, massive Lohnkürzungen sowie zahlreiche weitere Einschnitte. Dem im Gegenzug von Kapitalseite gemachten Versprechen einer Arbeitsplatzsicherung stand bis 1982 die schnöde Realität von 61 000 abgebauten Stellen gegenüber. Doch nicht bloß die UnternehmerInnen lösten sich aus der Bindung des alten Klassenkompromisses mit den Gewerkschaften, auch ihre Mitgliederbasis erodierte, wie gesagt, sukzessive. In absoluten Zahlen fiel etwa der Organisationsgrad der US-Gewerkschaften von 22,8 Millionen Mitgliedern im Jahr 1978 auf 15,5 Millionen 2004 – und das trotz massiv steigender Erwerbsraten.

Das Beispiel USA steht hier freilich nur stellvertretend für einen allgemeinen Trend zur Auflösung gewerkschaftlicher Organisierung, der mit der Vertiefung der Spaltungen am Arbeitsmarkt, mit der Ausbreitung von unsicheren und niedrig entlohnten Jobs und mit der Prekarisierung von Arbeit bis weit hinein in die ehemaligen Kernbereiche der Industrie einhergeht. Doch während, wie dargestellt wurde, der gewerkschaftliche Mainstream auf diese Entwicklungen lange Zeit kaum bis gar nicht reagierte, formierten sich in den letzten Jahren vielerorts auch innerhalb der Gewerkschaften oppositionelle Kräfte, die der herrschenden Apathie etwas entgegen zu setzen versuchten. Gerade in den USA haben solche „gewerkschaftslinken“ Bewegungen vor allem in den 1990er Jahren durch neue Formen der Organisierung von sich sprechen gemacht.

Offen freilich bleibt dabei die Frage, ob Gewerkschaften unter den Bedingungen fortschreitender Prekarisierung von Arbeit und Leben überhaupt noch ein adäquates Modell der Interessenvertretung sein können. Gerade im Kontext der EuroMayDay-Bewegung, welche sich um eine Sichtbarmachung und Vernetzung der Interessen und Kämpfe der Prekarisierten bemüht, wird diese Frage seit einiger Zeit schon kontrovers diskutiert. Eine Hoffnung dabei war, dass die in diesem Zusammenhang entstandenen EuroMayDay- Paraden als Initialzünder für die Diskussion und Entwicklung neuer Formen der Selbstorganisation dienen könnten. Denn dass es im Hinblick auf den Kampf um soziale Rechte an der Zeit ist, neue Modelle der Interessensvertretung der Prekarisierten zu erfinden, scheint angesichts der bestehenden gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse klar. Oder, wie die Supermarktangestellte in Barbara Ehrenreichs Buch zum US-amerikanischen Niedriglohnsektor es formuliert: „Ja, irgendwas brauchen wir.“
Markus Griesser ist Sozialwissenschafter und lebt in Wien