„Wir wollen alles“ hieß es im jugendlichen Überschwang bei Nanni Balestrini, die Ansprüche der kämpferischen späten 1960er Jahre auf den Punkt bringend. Auch wenn in den Jahren darauf immer unklarer wurde, wer dieses „wir“ wohl sein könnte und immer seltener proklamiert wurde, dass es um „alles“ ginge, blieben kollektive Identitäten und universelle Ansprüche doch Dauerbrenner in den Auseinandersetzungen um künstlerische Produktion und politischen Aktivismus. Erstmals erscheint eine Ausgabe des Bildpunkt zum Thema einer Ausstellung. Die bis zum 2. März 2007 in der Galerie IG Bildende Kunst (Wien) zu sehende... mehr
„Wir wollen alles“ hieß es im jugendlichen Überschwang bei Nanni Balestrini, die Ansprüche der kämpferischen späten 1960er Jahre auf den Punkt bringend. Auch wenn in den Jahren darauf immer unklarer wurde, wer dieses „wir“ wohl sein könnte und immer seltener proklamiert wurde, dass es um „alles“ ginge, blieben kollektive Identitäten und universelle Ansprüche doch Dauerbrenner in den Auseinandersetzungen um künstlerische Produktion und politischen Aktivismus. Erstmals erscheint eine Ausgabe des Bildpunkt zum Thema einer Ausstellung. Die bis zum 2. März 2007 in der Galerie IG Bildende Kunst (Wien) zu sehende Schau Nichts für uns, alles für alle. Strategischer Universalismus und politische Zeichnung hat Fragen nach „uns“ und „allem“ aufgeworfen, die u.a. in diesem Heft weiter diskutiert werden. Gewissermaßen gerahmt wird es von zwei Texten zur Zapatistischen Bewegung aus Chiapas/Mexiko, der der Titel gebende Slogan entlehnt ist. Dabei setzen wir mit Ricardo Martínez Martínez die Beteiligung von AutorInnen und/oder KünstlerInnen aus Lateinamerika am Bildpunkt fort. Ebenfalls eine Kontinuität, diesmal inhaltlicher Art, stellt der Text von Antonella Corsani dar. Er greift die bereits im Bildpunkt zum Thema Streik diskutierten Kämpfe der Intermittents und Prekären in Frankreich wieder auf und diskutiert sie als „von Fragen des ,Wir‘ und des ,Alle‘ durchkreuzt“. Die Frage, was eigentlich unter einem „strategischen Universalismus“ zu verstehen sein könnte, wird von den verschiedenen Beiträgen auf unterschiedliche Arten und Weisen beantwortet. Hatten sich feministische Kämpfe häufig um eine Identität als Frau gruppiert, scheint mit der queer-Bewegung eine neue, vielleicht strategisch universalistische Phase emanzipatorischer Geschlechterpolitik eingeläutet worden zu sein. Erika Doucette erklärt, was es mit queer auf sich hat, wie sich die Vokabel möglicherweise ins Deutsche übertragen lässt und was das alles mit „strategischem Universalismus“ zu tun hat. So entstehen Teilantworten, wie sie auch aus den Zeichnungen von Bini Adamczak zu lesen sind. Auch im Gespräch mit der Aktivistin Belinda Kazeem und der Künstlerin Ulrike Müller geht es um queere Ansätze. Allerdings scheinen sie hier gar nicht so unvereinbar mit Vorstellungen von partikularen Gemeinschaften zu sein, wie der Anspruch eines Universalismus zunächst nahe legt. Die bei diesem Gespräch gestreiften Fragen der Bildung von Allianzen, auch zwischen KünstlerInnen und AktivistInnen, werden im Text von Lilian Engelmann wieder aufgegriffen. Und anhand eines Beispiels aus der (ostdeutschen) Provinz vertieft. Effekt solcher Bündnisse ist auch das Poster von Oliver Ressler und David Thorne. Die Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte hat die Rückseite gestaltet. Wie immer ermöglicht die Buchund Netz-Rubrik einen Überblick über einige relevante Publikationen zum Thema. Vlatka Frketic ́ hat wieder die Glosse verfasst. Auch der kulturpolitische Innenteil dieser Ausgabe widmet sich mit einem Interview von Käthe Knittler zur Frauenfrühlingsuni und einem Text zur Prekarisierung von KünstlerInnen (Eva Simmler) Themen, die nicht weit vom Heftschwerpunkt entfernt liegen. Nicht erst Postmoderne und Dekonstruktion haben den Universalismus demontiert. Schließlich war es Adorno, der „das Ganze ist das Unwahre“ in die zitierwilligen linken Hirne eingebrannt hat. Was wollen wir also damit? Wenn es um die Perspektive sozialer Gleichheit geht, ist es nicht mehr als ein strategischer Einsatz, es auf „alles“ oder „das Ganze“ abzusehen. Aber auch nicht weniger.
Jens Kastner, Koordinierender Redakteur
weniger