Drei künstlerische Positionen: Alles Für Alle!

Drei künstlerische Positionen begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen

Bildstrecke: Bini Adamczak
Poster: Oliver Ressler und David Thorne
Rückseite: Recherchegruppe zu Schwarzer österr. Geschichte

Bini Adamczak (Frankfurt) arbeitet theoretisch und zeichnerisch an Horizonten, Überschneidungen und Komplikationen, die sich aus queerer, marxistischer und antisemitismuskritscher Perspektive im Hinblick darauf ergeben, dass endlich alles anders wird. Für die Bildstrecke des Bildpunkt entwickelte sie Zeichnungen, die sich an der Rissstelle marxistischer Arbeit_er_bewegung und perverser Postpornographie ansiedeln und ihr toolkit vor allem in den theoretischen Technologien von Beatriz Preciados Kontrasexuellem Manifest finden. Hinter und in den roten Fahnen und schwarzen Masken (Militanz&Maskulinismus) geht es ihr darum, die nackten Körper der Revolutionäre in ihrer geschlechtlichen und sexuellen Partikularität zur Schau zu stellen. Aber nicht – wie sie sagt – „um im lachenden Voyeurismus zu verharren, sondern um sich in einem Sprung deren universalistischen Erbes zu bemächtigen (new masks for the revolutionist!) – von der Perverse in die Totale, der Perversion in die Totalität; ein perverser Universalismus“.

„Boom!“ ist ein kollaboratives Projekt von Oliver Ressler (Wien) und David Thorne (Los Angeles) – eine Serie, aus der das Mittelposter dieser Ausgabe des Bildpunkt hervorgegangen ist. Die Serie basiert auf nicht-funktionsfähigen Webadressen, spielt mit der Logik von Urls als universale Werbeträger und präsentiert unterschiedliche Textarbeiten, die sich alle auf den globalisierten Kapitalismus beziehen und seine zentralen Mythen analysieren. Die Texte sind ungewöhnlich lang für Webadressen, aber plakativ und kurz genug für Demo-Banner. Als solche werden die analytischen Texte Teil des realen Protests. Das Foto für das Mittelposter etwa entstand bei einer Demonstration gegen das WEF in New York 2002.

Die Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte (Wien) beschäftigt sich mit der Geschichte und Gegenwart der afrikanischen Diaspora in Österreich und darüber hinaus. Künstlerische und wissenschaftliche Positionen werden dabei verbunden, unterschiedlichste Erfahrungsund Wissenskontexte miteinander in Beziehung gesetzt. Ziel ist eine selbstbestimmte Geschichtsschreibung, die Schwarze Menschen nicht mehr als exotische Objekte und Ausnahmeerscheinungen, sondern vielmehr als Subjekte und als Bestandteil österreichischer Geschichte neu verortet. Die Rückseite des Bildpunkt zeigt ein Statement der Recherchegruppe zu Österreich als NS-Nachfolgestaat in Pidgin English. Antisemitismus und Rassismus werden hier sowohl gemeinsam als auch als zwei von einander zu unterscheidende Unterdrückungssysteme beschrieben. Dies markiert einen Punkt, an dem selbstbewusst Identitätspolitk überschritten wird – eine politische Position, deren kritische, analytische und kämpferische Perspektive auch über bloße Allianzenbildung hinausgeht.


Ausgewählt und zusammengestellt von Nora Sternfeld, Eva Dertschei und Carlos Toledo in Zusammenarbeit mit den KünstlerInnen.