In unserer Schülerzeitung ging es recht radikal zu. Die meisten von uns waren anmarxisiert oder hatten das A im Kreis für sich entdeckt und wollten von der Schule aus die Weltrevolution vor anbringen. Das musste natürlich bei uns anfangen. Wie sollten wir systematischen Ausschlüssen entgegentreten? Die sprachliche Benennung der Benachteiligten, das schien uns das Mindeste. So wurde unser Blatt zunächst einmal zur SchülerInnenzeitung, auch die Artikel wurden dementsprechend geschlechtergerecht redigiert. Die Reaktionen waren gewaltig und bestätigten uns selbstverständlich in unserer wagemutigen Radikalität. Wir wurden mit Spott überzogen. Ein Hohn, der sich im Wesentlichen in zwei Varianten äußerte: einer hedonistisch-liberalen, die das alles etwas umständlich fand und einer ästhetischen, der das Binnen-I vor allem hässlich erschien. Meine Schullaufbahn endete im Jahr 1990. Ende 2012 fragt sich die Mitherausgeberin der Zeitschrift Wespennest, Karin Fleischanderl, in der Wochenendausgabe der Tageszeitung Standard, wozu das Binnen-I gut sei. Die zentralen Einwände: hässlich und umständlich. Zu nichts, lautet also ihr Fazit rund ein Vierteljahrhundert nach meinen SchülerInnensprachkämpfen, außer eine Differenz zu markieren. Aber diese Markierung ist ihr zuwider. Das geht auch dem Kunstkritiker des Falter so. Matthias Dusini macht sich dabei über eine andere Version der sprachlichen Inklusion, den Unterstrich, lustig und wettert in der Wochenzeitung (31/2011) gegen den „Chor der Produzent_innen, Agent_innen, Gestalter_innen und Vermittler_innen, vormals Künstler genannt“. Mal abgesehen davon, wie skurril es ist, dass ausgerechnet die Mitherausgeberin einer Literaturzeitschrift sich über sprachliche Differenzierungen aufregt – mit den Umständlich- und Schäbigkeitsargumenten ließen sich schließlich auch nicht wenige Adjektive einfach streichen, und wer braucht noch Sessel, Stühle, Hocker oder gar Garten- oder Thonet-, wo ein einfaches Sitzmöbel doch alles benennt? Die Anti-Differenzierungsposition ist eine konservative. Sie verweist auf bestehende Plätze, wehrt Neues als unnötigen, im Zweifel gefährlichen Schnickschnack ab. Und tut so, wie zuletzt wieder in den Debatten um Herrenwitz und Kinderbücher, als ginge es dabei nicht um Politik. Die sprachliche Differenzierung war immer Teil einer Strategie der Sichtbarmachung. Handelt es sich bei den benannten Gegenständen um soziale Gruppen oder solche, die es werden wollen, geht der Streit los. „Der ganze Klassenkampf“, hatte der Philosoph Louis Althusser einst der kommunistischen Zeitung L’Unita zu Protokoll gegeben, „lässt sich bisweilen zusammenfassen im Kampf um ein Wort, gegen ein anderes Wort.“ Für solche Kämpfe um Worte, oder auch nur um Wortteile, gibt es seit nun rund 20 Jahren einen Begriff: Political Correctness (PC). Als Schmähbegriff wurde er zunächst gegen diejenigen ins Feld geführt, die endlich auch ge- und benannt sein und damit letztlich noch viel mehr wollten: Zugang zu Ressourcen, neue Geschichtsbilder, Teilhabe an Privilegien. Allerdings hat sich – vielleicht auch um der Kritik von links zuvorzukommen, es gehe hier vielleicht doch zu viel um seichte Wortgefechte und zu wenig um harte Realitäten – nie eine Bewegung Political Correctness positiv auf die Fahnen geschrieben. Das Thema Critical Correctness knüpft an diese Abwesenheit an. Es lässt Revue passieren, lotet Potenziale aus und lädt selbstverständlich auch die Wortkanonen. Für das kommende Vierteljahrhundert.
Jens Kastner, koordinierender Redakteur
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