Poster: Renée Green
Rückseite: Dolce after Ghana
Bildstrecke: Straßenumbenennungen
Die Bildstrecke dieser Ausgabe zeigt Dokumentationen unterschiedlicher Straßenumbenennungsaktionen. Manche legen Priorität darauf, die Sichtbarkeit von Personen und Bewegungen zu erhöhen, die in hegemonialen Geschichtsschreibungen strukturell ausgeblendet werden, manchen geht es um das Aufzeigen konkreter (historischer) Gewalt- und Machtausübungen gegenüber Minderheiten durch Staat und Gesellschaft, manchen um die Reduktion solcher Straßennamen, die genau jene Personen ehren, die in solchen Verhältnissen auf der Täter_innen-Seite stehen und standen. Allen liegt es daran, Straßennamen als Teil einer kritischen aktivistischen Praxis und Geschichtspolitik in ihrer Funktion als Orientierungsgeber, Gedächtnis- und Würdigungsträger einer Gesellschaft zu nutzen und zu hinterfragen. In Wien zeigen beispielhaft die nur 8% der „personenbezogenen Verkehrsflächenbenennungen“, die Frauen* gewidmet sind, wie wichtig solche Interventionen sind.
Das von Renée Green gestaltete Mittelposter verwendet das Sujet einer Einladungskarte zu ihrer Ausstellung „Import/Export Funk Office“ von 1992. Zu sehen sind Angela Davis und Theodor W. Adorno; Davis studierte Mitte der 60er u.a. bei Adorno und Horkheimer in Frankfurt. Green stellt unter Rückgriff auf Mary Louise Pratts Begriff der „contact zone“ eine Begegnung dar zwischen Kritischer Theorie und Schwarzem feministischem Aktivismus, deren komplexes Verhältnis sich in dem Raum erahnen lässt, der sich bei der Vorstellung eines Blickkontaktes zwischen den beiden ergibt. Anliegen der Ausstellung war es, dem Verhältnis zwischen (linken, intellektuellen) Weißen und der Black Power Bewegung nachzugehen, dabei binäre Modelle hinter sich zu lassen, den von Black Culture faszinierten Weißen zum Objekt ethnografischen Interesses zu machen und vor allem die Räume der Übersetzung in den Vordergrund zu stellen, die aus der gegenseitigen Bezugnahme entstehen. Zugleich steht Angela Davis heute für die von theoretischen Diskursen weiterhin ungelösten Probleme einer (rassistischen) Gesellschaft, so bspw. die Gefängnisstrukturen, für deren Abschaffung sie sich innerhalb der „Critical Resistance“-Bewegung einsetzt.
Hamam statt Daham heißt eine Plakataktion, die 2011 von Dolce After Ghana (formerly known as Dolce & Afghaner) realisiert wurde. 1 500 Plakate wurden in drei wöchentlichen Schüben vor allem im 10. und 11. Gemeindebezirk in Wien plakatiert. Auf diesen stand u.a. geschrieben: „Hate, Love & Money gehen über Grenzen, warum nicht wir und ihr? Klar ist doch, egal ob aus Kabul, Mostar oder vom anderen Ufer: Wer hier ist, ist von hier und rüber wollen wir auch.“ Oder auch: „Ihr Loser! They tried 6 million times to kill us. Too late: we’ll never die, we multiply!“ Die Provokation durch Bild und Text funktionierte: Die Aktion wurde heiß diskutiert, löste jedoch vor allem im rechten politischen Spektrum lautstarke Reaktionen aus. Der Titel ist eine Abwandlung des viel kritisierten FPÖ-Wahlplakatslogans „Daham statt Islam“, im Text wurde eine „Vielfalt“- bzw. „Diversity“-Politik als Gegenmittel zu rassistischen Strukturen explizit abgelehnt. Versucht wird, durch mehrfachen Bruch mit Stereotypen eine Form des Rassismus zu stören, in dem die Existenz bestimmter Gruppen nur in einem sehr eng gesteckten, durch Vorurteile vorgegebenen Rahmen toleriert wird.
