Weder Container noch neutral

Ein Interview mit Angelika Fitz zu Architektur und Raumbegriffen

Bildpunkt: Könntest du zu Beginn bitte kurz die dir wichtigsten Aspekte und Potenziale dessen, was wir als Raumverständnis neu diskutieren sollten, zusammenfassen?

A.F.: Was auf Seiten der Theorie im Zentrum aktueller Raumbegriffe steht – und so neu ist das gar nicht –, sind prozessuale Raumbegriffe, also die prozesshafte Produktion von Raum. Die aktuellste Publikation war sicher die von Martina Löw (vgl. S. 30), in der sie historische prozessuale Raumtheorien interpretiert und neue formuliert. Und schon um die vorige Jahrhundertwende hat der Soziologe Georg Simmel auf die prozesshaften Zusammenhänge von Raum und Ort, von gebauten und sozialen Räumen verwiesen.

Bildpunkt: Du hast jetzt gerade zum zweiten Mal den österreichischen Beitrag zur Architekturbiennale in São Paulo kuratiert und dabei wiederum sehr entschieden den Begriff des Performativen hervorgehoben (Vgl. Performative Materialism, 2003). Worin siehst du den qualitativen Unterschied zwischen dem Prozessualen und dem Performativen?

A.F.: Ich verstehe das Performative als eine Spezifizierung des Prozesshaften. Was ich am Begriff des Performativen interessant finde, ist eine Hinlenkung von der symbolischen Arbeit der Zeichen – egal ob das sprachliche oder bildhafte Zeichen sind oder dreidimensionale Artefakte wie Architektur – zur Materialität und dem Gebrauch von Zeichen. Natürlich ist immer beides vorhanden, und man kann nicht sagen, dass das eine das andere ausschließt. Aber es geht um einen Shift der Aufmerksamkeit auf den Vollzug und den Gebrauch, nicht nur in künstlerischen, sondern auch in alltäglichen Kommunikationen, und zwar besonders auf die Reibungsflächen des Vollzugs zwischen dem „Was“ und dem „Wie“. Wenn diese Reibungsflächen ausgelotet werden, kann, wie bei Judith Butler anschaulich beschrieben, eine Subvertierung performativer Akte angepeilt werden. Erst dann wird Performativität in Verbindung mit Transformation gedacht. Dem Thema performativer Praktiken und Betrachtungsweisen sind wir auch in der Ausstellung Reserve der Form (k-haus, 2004, mit Klaus Stattmann) nachgegangen. Wir wollten formale Entscheidungen nicht nach Schulen, Stilen und Attitüden betrachten, sondern im Hinblick auf deren soziale und politische Potentiale, auf deren transversale Wirkungsweisen, also auf das „Können“ von formalen Strategien über das Feld des Ästhetischen hinaus.

Bildpunkt: Welche Reaktionen gab es eigentlich aus dem Architekturdiskurs auf deine Betonung des Performativen?

A.F.: Unterschiedliche. Performative Vorgehensweisen werden sicher zunehmend thematisiert, wenn auch stärker von Seiten raumbezogener Praktiken in der Kunst, wo das Performative eine längere Tradition hat. Gleichzeitig werden inzwischen auch in der Architektur interventionistische, temporäre Praktiken sehr wohl unter dem Paradigma des Performativen diskutiert. Allerdings besteht oft die Gefahr in der Architektur, dass solche Sachen sehr oberflächlich rezipiert werden. Also ein gewisser vampiristischer und sehr metaphorischer Umgang mit Begriffen, die dann zwar zu einem begrifflichen Hype führen, aber von ArchitektInnen nicht wirklich in ihrer ganzen Tragweite reflektiert oder gar praktiziert werden. Da zeigt sich wiederholt das Problem, dass es bei aller Interdisziplinarität zwischen Architektur, Kunst und Theorie noch zu wenige wirklich ausführliche Übersetzungsleistungen gibt.

Bildpunkt: Apropos, wie würdest Du denn den Titel dieser Ausgabe Raum greifen übersetzen.

A.F.: (lacht) Ich glaube, das ist wohl eher als poetisiertes Paradoxon gedacht.

Bildpunkt: Wie damit umgehen, dass architektonische, diskursive, politische, ökonomische, soziale, mediale Räume so schrecklich dehnbare Begriffe sind?

A.F.: Ein Ausgangspunkt ist sicher der, dass man Raum schon lange nicht mehr als Containerraum denken kann, sondern eben als Produktion von Raum in sozialen Prozessen, die aber sehr wohl mit materiellen zusammenhängen, von bauphysikalischen bis zu ökonomischen und natürlich mit medialen Prozessen, also mit Prozessen, die nicht unbedingt am selben Ort stattfinden. Was mich in Bezug auf die Architektur interessiert ist, dass die meisten prozessualen Raumtheorien aus der Soziologie und der Philosophie kommen und diese den architektonisch gebauten Raum kaum bis gar nicht berücksichtigen. Das Kind wird quasi mit dem Bade ausgeschüttet, als ob ästhetische und technologische Ausformulierungen des gebauten Raumes vollkommen nebensächlich wären und die soziale Produktion des Raumes nicht beeinflussen würden. Man kann also Defizite in der Philosophie und der Soziologie erkennen, weil sie oft entscheidende Differenzen zwischen architektonischen Qualitäten zu wenig beachten. Auf der anderen Seite gibt es mindestens so große blinde Flecken auf Seiten der ArchitektInnen. Sie reden über sozialen Raum, zum Beispiel über öffentlichen und privaten Raum, und tun so als ob die Grenzen zwischen privat und öffentlich nur entlang einer Mauer oder entlang einer Tür verlaufen würden, und vergessen dabei, dass es operationale Prinzipien sind, die Öffentlichkeit und Privatheit herstellen und dass diese nicht einfach mit einem gebauten Diagramm hergestellt werden können.

Bildpunkt: Eine weitere Frage wäre die nach der Funktion des Bildhaften in einem aktualisierten Raumverständnis.

A.F.: In der Moderne stand das Verhältnis von Raum und Bewegung im Mittelpunkt, Perspektiven, Raumfluchten, Wege, Verbindungen zwischen Innen und Außen. Unter dem Paradigma einer umfassenden Medialisierung verflacht die Raumerfahrung an der Bildschirmoberfläche. Schaltungen, die früher räumliche und perspektivische Schaltungen waren, sind jetzt viel mehr zeitliche, ereignishafte Funktionen und werden nicht nur durch Wegführungen erschlossen, sondern an bild- haften Oberflächen zugeschaltet und über Blick- und Bildregime choreographiert. Das deckt sich mit Beobachtungen, dass unsere ganze Umwelterfahrung zunehmend bildhaft wird, Stichwort Disneyfizierung, Musealisierung unserer Städte, die ganze Welt als Display. Vor allem in der angelsächsichen Architekturtheorie wird aktuell diskutiert, dass scheinbar objektivierbare Raumerfahrungen, wie sie noch Le Corbusier zur Erbauung des Menschen propagierte, abgelöst werden von subjektiven atmosphärischen Bildern.

Bildpunkt: Was du ja jetzt auch in der Ausstellung Ornament und Display im kunsthaus muerz thematisierst.

A.F.: Die Ausstellung Ornament und Display zielt natürlich auf den Kern des Loos’schen Ornamentverbotes. Loos hat mit seinem Aufsatz Ornament und Verbrechen eine Lawine des Ornamentverbotes losgetreten und das Dogma abstrakter, weißer oder zumindest monochromer Raumfluchten für fast 100 Jahre zementiert. Wobei er das selbst noch gar nicht so lückenlos durchexerziert und nur an den Außenfassaden wirklich angewendet hat, während seine Innenräume noch sehr üppig ornamental waren, als Orte der theatralischen Inszenierung des bürgerlichen Dramas. Wenn man heute Lifestyle Zeitschriften aufschlägt, in denen das Ornamentverbot auch nach der Postmoderne noch oder wieder vorherrscht, tritt der paradoxe Effekt auf, dass abstrakte Innenräume längst selbst zum Hintergrund, zur Kulisse, sprich zum Ornament geworden sind. Nebenbei erwähnt, Loos war gegenüber der gerade aufkommenden Architekturfotografie höchst skeptisch.

Bildpunkt: Im Rahmen deiner Arbeit sprichst du oft von „arbeitenden Ausstellungen“. Hängt das mit dem Konzept des Performativen zusammen?

A.F.: Wenn wir zu den Übersetzungsproblemen zurückgehen, so sehe ich es immer stärker als meine Aufgabe, innerhalb von prozesshaft angelegten Ausstellungen, „arbeitenden Ausstellungen“, zwischen Kulturtheorien, sozialen Theorien und architektonischer Praxis zu vermitteln. So führt zum Bespiel die mangelnde Reflexion über ästhetische architektonische Entscheidungen von Seiten politischer Raumtheorien dazu, dass immer noch gedacht wird, dass die flexible neutrale Schachtel am ehesten eine partizipative Praxis ermöglicht. Was ich noch lange nicht für erwiesen halte und eher die These formulieren würde, dass ein Raum der etwas vorgibt, der auch formal etwas vorgibt, aber gleichzeitig nicht hermetisch geschlossen, vielleicht nicht restlos ausformuliert oder auch partiell ungenau, „schmutzig“ ist, interessantere Varianten der Partizipation ermöglicht als ein pseudoneutraler, flexibler Raum.

Angelika Fitz ist Kuratorin und Kulturtheoretikerin, sie hat den österreichischen Beitrag zur Architekturbiennale São Paulo und die Ausstellung Ornament und Display für den steirischen[:her:]bst kuratiert.

Das Interview führte Franziska Maderthaner.