Selbstorganisation als anti-neoliberale Strategie und einige Fragen

Die Entscheidung, ein EU-Projekt als Rahmen für die politische Arbeit im Sinne der Stärkung und Förderung von Selbstorganisa tionen von MigrantInnen zu nutzen, war ein Wagnis. Die Richtli nien und Ziele des Equal-Programms orientierten sich nach der neoliberalen Logik der Aktivierung und der Kapitalisierung der Humanressourcen. Und in diesem Sinn war das Ziel der Transformation der gegebenen Situation am Arbeitsmarkt fokussiert auf die Implemen tierung des Diversity Management Konzeptes in Betrieben. Im Bezug auf die benachteiligten Personen galt das oberste Ziel, diese für den Einstieg bzw. zur Reintegration in den Arbeits markt zu befähigen, indem ihnen fehlendes Wis sen und fehlende Kompetenzen vermittelt wurden.

Die Partnerschaft wip – work in process1artikulierte und verfolgte im Einklang mit dem Förderprogramm zwar das Ziel der Bekämpfung des Rassismus am Ar beitsmarkt, wählte jedoch eine Strategie, die sich grundsätzlich vom neoliberalen Diskurs unterscheidet. An statt Schulungen und Beratungen von Individuen im Rah men ihrer Aktivitäten zu priorisieren, entschied sie sich für die Strategie der Verankerung von Kompetenzen in den kol lektiven migrantischen Selbstorganisationen.

„Junge“ Selbstorganisationen, die im Projekt beteiligt waren, soll ten die Möglichkeit erhalten, Erfahrung bei der Antragstellung und bei der Durchführung eines großes EU-Projektes zu sammeln und in ihren Teilbereichen eine experimentelle Arbeit zur Entwicklung und Erprobung von alternati ven Modellen zur Verbesserung der Situation von MigrantInnen am Arbeitsmarkt autonom durchzuführen. Andere Selbstorganisationen von MigrantInnen sollten in einem Vernetzungs und Austauschpro zess bei der Erarbeitung dieser Modelle mitwirken bzw. im Rah men eines Prozesses des Wissenstransfers und der Vernetzung gestärkt werden. Die Partnerschaft beabsichtigte, als Vorbild für andere Selbstorganisationen zu fungieren, Ermutigungs und Un terstützungsarbeit zu leisten und Allianzenbildung zu fördern. Die Partnerschaft ging davon aus, dass „die Position/ierung von Selbstorganisationen (SO) in der Gesellschaft generell jenseits neoliberaler Konzeptionen von Ich-AGs, Bürgergesellschaftsvor stellungen und Vereinen aller Art zu verorten ist. Denn sie haben insbesondere folgende soziale und politische Implikationen: stär kende Erhaltung des Selbst der Subjekte, Autonomie des Kollek– tivs und Überschreitung des normativ Vorgegebenen. (…) Der kontinuierlich dynamische Prozess macht die Selbstorganisation und ihre ProduzentInnen beweglich und integrationsfähig. Solches Selfempowerment der migrantischen Subjekte eröffnet eine reali stische Verbindung von illusionären Wünschen und praktikablen Perspektiven bezogen auf die Arbeitswelt, da grundsätzlich von einer Lernfähigkeit unter-/voneinander auszugehen ist, also auch Erfahrungen tradiert und neue Ideen kreiert werden können.“2

Anlässlich der Publikation des letzten3aus einer Reihe von vier Readern beschlossen die wip-Mitarbeiterinnen, sich mit der Frage nach dem politischen Tun innerhalb solcher EU-Projekte zu be schäftigen und zogen eine Art Bilanz. Festgehalten wurde, dass anhand des geplanten Einsatzes der jeweiligen Arbeitskräfte kaum Raum für zusätzliches Engagement vorhanden war. Auch die Überregulierung und Kontrolle vor allem im Bezug auf die fi nanzielle Gewährung wurde als Hindernis für eine Vertiefung der inhaltlichen und politischen Arbeit genannt. Da innerhalb von Equal eine Verbesserung der Situation der diskriminierten Ziel gruppen ohne Veränderung der Gesetzeslage angestrebt werden sollte, setzten alle Beteiligten ihre politischeren Ziele im Bereich der Intervention in gesellschaftliche Diskurse4. Dies erreichte je doch keinen Einfluss auf allgemeinverbindliche Struktursetzun gen. Die Behauptung „ das Experiment wip ist gelungen“ weist in erster Linie auf die Tatsache hin, dass eine Gruppe von kleinen Selbstorganisationen es geschafft hat, die Ausschlussmechanis men, die mit der Einreichung und finanziellen Ermöglichung sol cher Projekte (denken wir an das Problem Vorfinanzierung) ver bunden sind, zu überwinden und ein Modell der Zusammenarbeit zwischen Selbstorganisationen professionell zu entwerfen. Die Frage nach der Weiterführung dieses Modells bleibt nach Auslau fen des Projektes immer noch offen. Ebenfalls offen bleibt die Frage nach der Implementierung der im Rahmen des Projektes entwickelten Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der je weiligen Gruppen von MigrantInnen am Arbeitsmarkt. Aber wip ist ebenfalls ein gelungenes Experiment, weil hier zweifellos ein Prozess der Stärkung (vor allem im Sinne der Professionalisie rung) der involvierten Selbstorganisationen stattgefunden hat, die als Vorbilder für andere wirken können. Was verspricht jedoch die Stärkung von Selbstorganisationen von MigrantInnen, wenn diese zwar die Forderung nach Gleichheit und Partizipation artikulieren und sie durch den Gewinn an Re präsentation, der Teil des Stärkungsprozesses ist, in verschiede nen Öffentlichkeiten transportieren, nicht aber eine radikale Kri tik an der politisch-ökonomischen Ordnung formulieren, die letztendlich für Ungleichheit, Ausbeutung, Verarmung, Unter drückung und Exklusion verantwortlich ist? Die Handlung inner halb von Kollektivitäten gewinnt anhand der gegenwärtigen neo liberalen Entwicklungen eine zentrale politische Dimension und verkörpert die Möglichkeit einer widerständigen anti-neoliberalen Praxis. Aber beinhaltet die Entscheidung für die Strategie der Stärkung von Kollektivitäten notwendigerweise auch eine Kapi talismuskritik? Warum fand innerhalb eines von Selbstorganisa tionen geführten Projektes, das sich mit dem Thema Arbeitsmarkt beschäftigt, kaum eine Auseinandersetzung mit kapitalistischen Arbeitsverhältnissen statt?

All diese Fragen bleiben offen und weisen auf die Notwendigkeit einer vertieften und kontinuierlichen Reflexion unter Selbstorga nisationen von MigrantInnen über eine radikale und widerständi ge Praxis in Anbetracht der existierenden Sachzwänge.


Rubia Salgado ist Mitarbeiterin von maiz – autonomes Zentrum von und für Migrantinnen und hatte innerhalb der Equal-Partner schaft wip die Funktion der inhaltlichen Gesamtkoordination.

Die Entwicklungspartnerschaft wip work in process – migrantische Selbstorgani sationen und Arbeit (2005–07), wurde von der IG Kultur Österreich finanzver antwortlich, und von maiz inhaltlich koordiniert und von bmwa und esf im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative equal gefördert. Beteiligte operative Part nerorganisationen: Schwarze Frauen Community, Peregrina, Initiative Minder heiten, Frauenhetz, Dschanuub, Romani dori, Verein Tool, Institut für Erzie hungswissenschaft der Universität Graz. Strategische Partnerorganisationen waren die Bundesarbeiterkammer und die Wirtschaftskammer. www.work-in process.at

1 Passage aus dem Antrag der Entwicklungspartnerschaft wip – work in process, 2005.
2 Alles Equal! Übers (politische?) Arbeiten in EUprojekten. A3 – Initiative Minderheiten (Hg.), Publikation im Rahmen der Equalpartnerschaft wip, Wien März 2007. (Download unter:http://work-in-process.at/html/dummy 3.8.1/uploads/media/WIP_reader4_kl.pdf)
3 Vgl.: Görg Andreas. Wipolitik – ein gallisches Dorf in Auflösung. In: Alles Equal! Übers (politische?) Arbeiten in EUprojekten. A3 – Initiative Minderheiten (Hg.), Publikation im Rahmen der Equalpartnerschaft wip, Wien März 2007.