Kollektivkräfte in Buch und Netz

Rene Block, Angelika Nollert (Hg.): Kollektive Kreativität. Ausst.-Kat. Kunsthalle Friedericianum Kassel, 1. 5. – 17. 7. 2005, Berlin 2005 (Vice Versa Verlag).
Matthias Grundmann, Thomas Dierschke, Stephan Drucks, Iris Kunze (Hg.): Soziale Gemeinschaften. Experimentierfelder für kollektive Lebensformen, Münster/Berlin 2006 (Lit Verlag).
Blake Stimson, Gregory Sholette (Hg.): Collectivism after Modernism. The Art of Social Imagination after 1945, Minneapolis/London 2007 (University of Minnesota Press).
Stefan Uecker, Michael Wiemer (Hg.): Individuum und Kollektiv. Politische Theorie zwischen Liberalismus und Kommunitarismus. Beiträge anlässlich einer Tagung von StipendiatInnen der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin vom 1 8.–21. 10. 2001, Berlin 2003 (wvb Wissenschaftlicher Verlag Berlin)
„Kollektiv: Auf ein Neues!“ Wildcat, Nr. 76, Frühjahr 2006, S. 6–9, http://www.wildcat-www.de/wildcat/76/w76_kollektiv.htm

Künstlerische Kollektive sind eigentlich etwas Sperriges. Nicht leicht zu handhaben und auch selbst eingeklemmt zwischen der Marktanforderung nach einer persönlichen Handschrift und dem hehren Anspruch der reinen Kunst, individuelles Schöpfertum zum Ausdruck zu bringen. Dennoch sind die moderne und die zeitge nössische Kunstgeschichte voll von KünstlerInnenkollektiven. Manchmal war bereits die Form ihrer Organisierung ein politischer Akt, mal war sie eher Pragmatismus. Wenn Irina Aristarkhova die künstlerischen Gruppen im post-sowjetischen Russland unter dem Titel Jenseits von Repräsentation und Zugehörigkeit beschreibt, formuliert sie zugleich zwei Grundsätze, die für Kollektive seit den 68er-Jahren überhaupt gelten. Die immensen Effekte der antiauto ritären Revolten der 1960er Jahre durchziehen den ganzen Band Collectivism after Modernism, der zudem eine recht einmalige Viel falt der Perspektiven zwischen der unvermeidlichen Situationisti schen Internationale, japanischen Kollektiven im Kalten Krieg, kubanischen unter staatssozialistischen oder senegalesischen unter postkolonialen Bedingungen präsentiert. Während hier Geschich ten über künstlerische Kollektive seit 1945 versammelt sind, stellt Kreative Kollektivität die Arbeiten von Kollektiven der Gegenwart seit den 1960er Jahren vor bzw. aus. Etwa vierzig Kollektive und künstlerische Kooperationsprojekte aus Lateinamerika, Ost und Westeuropa sowie den USA werden hier in Theorie und Bild vor gestellt und kommen in Interviews zum Teil selbst zu Wort. In beiden Bänden schreiben die HerausgeberInnen aber nicht nur über die Gruppen von KünstlerInnen, sondern auch über Kollek tivität im Allgemeinen. Dabei kommt es jeweils zu begrifflichen Verwirrungen. Denn während Kollektive meist auf konkreten Entscheidungen beruhen und zu bestimmten Zwecken gegründet werden bzw. wurden – Individualismus ablehnen, Erfahrungen sammeln, Lebensformen erproben –, droht Kollektivität zu einem alles Mögliche umfassenden Containerbegriff zu werden: So wird sie einmal in Anlehnung an den Postoperaisten Paolo Virno zu ei ner anthropologischen Basis aller menschlichen Tätigkeit (Gruppe „What, How & For Whom“ in Kollektive Kreativität) und bei Stim son/Sholette geht sie in einem Begriff von Gemeinschaft auf, der für die Millionen von e-bay und amazon-KäuferInnen genauso in Anschlag gebracht wird wie für ein Künstlerkollektiv wie, sa gen wir, Proceso Pentágono aus Mexiko, das aus vier Leuten be stand. Weiter bringt einen in dieser Hinsicht die neuere soziologi sche Forschung, in die der Band von Grundmann u.a. einführt. Gemeinschaft ist hier ein Spektrum gewollter „sozialer Bindun gen“ (Drucks). An Kollektivität im Allgemeinen knüpft auch der Band von Uecker/Wiemer an. Vor allem die abgegessen geglaubte Debatte um Kommunitarismus versus Liberalismus wird hierin wieder aufgegriffen. Interessant ist dabei vor allem die Schilde rung Hans-Jürgen Scherers, dass und wie kommunitaristische Ideen zu „einem zentralen Element neuer sozialdemokratischer Politikformulierungen“ geworden sind. Ein Gegenmodell zu neoli beralen Politikformen sind sie also keinesfalls, auch wenn Scherer, Geschäftsführer des sozialdemokratischen Kulturforums, das gerade nicht aufzeigen wollte. Für eine Rückkehr zu politischer Kollektivität jenseits von Sozialdemokratie, Multitude und Links partei plädiert die Zeitschrift Wildcat. Kollektivität bedeute, „hier und jetzt ein Verhältnis zueinander herzustellen, in dem wir ge meinsam lernen, uns schulen, diskutieren, uns ausprobieren und verändern, unsere Bedürfnisse weiter entwickeln.“ Also dann.


Jens Kastner ist Kunsthistoriker und Soziologe und lebt in Wien. Er ist Koordinierender Redakteur des Bildpunkt.