Worte sind von sich aus keine Träger von Bedeutung. Wir würden sie aber nicht verwenden, wenn ihr Aussprechen bedeutungslos wäre. Und wir verwenden sie, weil wir uns geeinigt haben, mehr oder weniger. Das waren die ersten drei Sätze der Rede von Theodora Bajs bei der Eröffnung der Arbeitergalerie. Über die berichtete ich schon. Theodora Bajs war keine wortgewandte Person. Das wussten die Zuhörenden aus Erfahrung. Auch ihre äußerliche Erscheinung ließ auf kein tiefergehendes Wissen über nicht materialisierbares Denken schließen. Zumindest schlossen und vermuteten das die Zuhörenden. Theodora Bajs wusste von diesem stillschweigend vorausgesetzten Wissen, und auch von den Vermutungen, die manchmal mit dem Wissen verwechselt wurden. Theodora Bajs verließ sich trotzdem auf ihre Worte und auf ihr Wissen. Und ihr Erscheinungsbild mochte sie gerne. Sie hatte jahrelang an beidem gefeilt. Sie war fest davon überzeugt, dass auch Gedanken, Dinge, ja sogar Worte manchmal ein Sprachrohr brauchen. Und darin war sie Meisterin. Nie wurde sie zu den Gedanken, Dingen oder Worten. Nie maß sie sich an, mehr zu wissen, als es die Gedanken, die Dinge oder Worte wissen. Theodora Bajs aber hatte die Gabe mit den Gedanken, den Dingen und den Worten zu reden. Dabei verließ sie sich auf ihre Sinne, ihren Verstand, ihr Wissen, ihre Leidenschaft und ihre unfassbar eigenwillige Art und Weise, sich den Gedanken, den Dingen und den Worten zur Verfügung zu stellen. Es ist auch nicht so, dass niemand diese Eigenschaften der Theodora Bajs sah und auch schätzte. Es ist aber so, dass viele glauben, sie könnten dasselbe wie Theodora. Weil mensch es einfach kann. Theodora schmunzelte. Sie war ans Ende ihrer Rede gelangt und wusste nur zu genau, was sich in den Köpfen der Zuhörenden abspielte. Und sie freute sich schon auf die nächsten Wochen in der Galerie. Theodora Bajs würde es einfach wieder tun. Nicht mehr und nicht weniger.
Vlatka Frketić, immer noch am Verqueeren von Antirassismus u.a.
