Letzte Nacht wurde dem Antirassismus wieder ein Gender gestohlen. Die Nebenwirkungen können verheerend sein. Die Meinung, Gender könne Antirassimus betäuben und zu erheblichen Handlungseinschränkungen führen, in seltenen Fällen auch zum Tod antirassistischer Handlungsfähigkeit, ist weit verbreitet. Wenn Gender vergessen werden will, wenn am Geschlechterprinzip gescheitert werden will, dann kann das aber auch missverstanden werden. Diesmal geht es jedoch nicht um erwähntes, immer öfter gewünschtes Missverstehen. Es geht um … Ja, worum geht es eigentlich?
„Es war anders, gestern auf der Demo.“
„Anders als was? Anders in Bezug wozu?“
„Ziemlich viele Lesben. Ein Trans-Plakat mit ‚Flucht rettet Leben’ und so. Und Feministinnen, die sonst nicht kommen. Die haben diesmal sogar Reden gehalten. Was das wohl zu bedeutet hat.“
„Mašala!“
„Aber der erste Redner am Ende meinte, heute habe er die Gendersprache zu Hause gelassen?“
„Die Gender-Was?“
„Ja, ja. Wir sollen Gender vergessen, meinte er. Wir hätten jetzt wichtigeres zu tun.“
„Also das war dann wirklich anders als sonst. Ich will kein Gender.“
„Aber so meinte er das nicht.“
„Nein? Wie denn sonst?“
„Wir hätten genug zu kämpfen wegen Rassismus und Abschiebung und so. Da kann man sich nicht noch mit Gender beschäftigen.“
„Aha.“
Offenbar wird angenommen, antirassistische Kämpfe würden unerschwinglich, ja unmöglich, würden andere Realitäten nicht ausgeblendet werden. Manchmal scheint es, politische Kämpfe würden nach Anweisungen von Beipackzetteln geführt werden: „Wenn Antirassismus eingenommen wird, führen Klassismus und Geschlecht zu irreparabilen Nebenwirkungen. Antirassismus sollte auf keinen Fall gleichzeitig mit anderen politischen Kämpfen eingenommen werden. Es könnte zu folgenden Nebenerscheinungen kommen: Verwirrung, Gesichtsrötung, Seh- und Hörstörungen, Fortbewegungseinschränkung, Verlust des Kurz- und Langzeitgedächtnisses. Immer häufiger werden Denkinfarkte gemeldet. “
Natürlich hängt der Inhalt der Beipackzettel ab von den historischen Bedingungen geführter Kämpfe bzw. des Bewusstseins um diese Kämpfe. So gibt es diese und andere Beipackzettel. Sie sind unterschiedlich zugänglich und verständlich. Alle sind schwer lesbar. Und sie werden auch unterschiedlich angewendet. Nur, wer liest schon Beipackzettel? Meistens wird die empfohlene Dosierung wort- und denklos akzeptiert: 1x morgens und 1x abends. Zu besonderen Anlässen kann die Dosierung erhöht werden.
Erschreckend ist die Austauschbarkeit der gewünschten Wirkstoffe und Wirkungen: „Wir suchen junge, redegewandte Migrantinnen für eine Podiumsdiskussion.“ Der Beipackzettel bleibt derselbe.
Ja, worum geht es hier eigentlich?
Vlatka Frketić hat die Verzweiflung im Verqueeren des Antirassismus hinter sich gelassen
