Es reicht ein einziger Schwarzer Schwan, um die Vorstellung zu zerstören, alle Schwäne seien weiß. Den Schwarzen Schwan hat Nassim Nicholas Taleb zum Wappentier seiner Theorie von der Ausnahme und dem Unwahrscheinlichen gemacht, ein Manifest gegen die Sozialwissenschaften, die von der angeblich „falschen Überzeugung ausgehen“, die Unsicherheit sei messbar. Seine „philosophische Erzählung“ gegen die „Blindheit gegenüber dem Zufall“ kombiniert anekdotischen Plauderton mit empirischen Daten, um die Grenzen der Ursachenforschung aufzuzeigen. Michael Meyen gründet seine Schilderung eines am Ausnahmezustand orientierten Medienbetriebs auf die entgegengesetzte Annahme eines vielschichtigen Wirkungszusammenhangs: „Man beobachtet sich, man beeinflusst sich, man verhandelt miteinander“. Er fokussiert und kritisiert eine Realität, „die nach dem Imperativ der Aufmerksamkeit umgebaut wird“ und untersucht dabei einen spezifischen „Wandel der Medienlogik“. Seine Warnung vor den Effekten dieser Logik für Öffentlichkeit, Politik und Kultur ist plausibel, auch wenn etwa genderspezifische Aspekte des Medienbetriebs völlig ausgeblendet werden. Dass die Alltäglichkeit eines Ausnahmezustands immer bestimmte Menschen betrifft und andere nicht, macht der Band der Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt deutlich. Im Mittelpunkt stehen die Wechselwirkung von institutionellem Rassismus und konkreten Ausgrenzungspraktiken wie etwa racial profiling. Es geht darum, „die formellen und informellen Bedingungen und Mechanismen zu identifizieren, die von den Betroffenen im Effekt als rassistische Diskriminierung erlebt werden“ (Sebastian Friedrich, Johanna Mohrfeldt, Hannah Schultes). Ein Alphabet des Ausnahmezustands hat Fred Luks vorgelegt. Er versteht den Ausnahmezustand als Normalfall der Moderne und doch als verwirrenden Status Quo. Sein Versuch, mittels etwas unmotiviert erscheinender Stichworte Ordnung in die Unübersichtlichkeit zu bringen, ist getragen von der – explizit in Abgrenzung von Giorgio Agamben entwickelten – Annahme, die Welt nach dem Ausnahmezustand könne „besser werden“. Zwar beklagt er das Fehlen einer wirksamen Kritik, schließt sich dann aber der Ablehnung der Kapitalismuskritik des Soziologen Armin Nassehi an. Auch Luks´ Ausführungen zur Bedrohung der Wissenschaft durch „Korrektheitsexzesse“ und „Diskursverkrustung“ in und durch Geschlechterdebatten und ökologische Ansprüche stehen zum Anliegen einer „Transformation der westlichen Lebensweise“ in einer unaufgelösten Spannung. Als „Instrument staatlicher Krisenintervention“ (Lemke) diskutiert der Band von Lemke den Ausnahmezustand in politikwissenschaftlicher Hinsicht. Theoretische Grundlagen werden dabei ebenso behandelt wie historische Beispiele und demokratiepolitische Implikationen. Der Katalog Ausnahmezustand präsentiert künstlerische Arbeiten, die im Kontext des gleichnamigen Projekts in Worpswede entstanden sind. Der Ausnahmezustand bezieht sich hier vor allem auf die „Ausübung von Prozessen unkonventioneller Kunstpraxis“. Mit über 60 künstlerischen Positionen wurde der Versuch unternommen, die „Trennung zwischen Produktion, Auswahl und Vermittlung“ (Arie Hartog) temporär aufzuheben.
Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker und unterrichtet an der Akademie der bildenden Künste Wien. Zuletzt erschien von ihm Die Linke und die Kunst. Ein Überblick (Münster 2019).
David Didebulidze & Katharina Groth (Hg.), Ausnahmezustand. Bremen 2018, nomen nominandum verlag.
Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt (Hg.), Alltäglicher Ausnahmezustand: Institutioneller Rassismus in deutschen Strafverfolgungsbehörden. Münster 2016, edition assemblage.
Fred Luks, Ausnahmezustand. Unsere Gegenwart von A bis Z. Marburg 2018, Metropolis Verlag.
Matthias Lemke (Hg.), Ausnahmezustand: Theoriegeschichte – Anwendungen – Perspektiven. Wiesbaden 2017, VS Verlag.
Michael Meyen, Breaking News: Die Welt im Ausnahmezustand. Wie uns die Medien regieren. Frankfurt am Main 2018, Westend Verlag. Nassim Nicholas Taleb: Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse. München 2015, 4. Aufl., Knaus Verlag.
