Freiheit und Prekarität

Vernetzungstag und Symposium. Ein Bericht.

SI.SI. Klockers Dokumentarfilm Die Frau,die Arbeit, die Kunst und das Geld war nichtnur Teil des Programms der VeranstaltungFreiheit und Prekarität, die am 21. und 22.November 2008 in Linz stattfand, sondernsteckt mit seinem Titel auch in etwa denRahmen ab, innerhalb dessen unterschiedlichste Fragen rund um Freiheit und Prekarität zwei Tage lang (gegliedert in einen Vernetzungstag und ein Symposium) verhandeltwurden. Der Vernetzungstag stand in derKontinuität der Vernetzungstreffen kunstund kulturschaffender Frauen, das Symposium führte die Symposienreihe des Verbandes feministischer Wissenschafterinnen fort.

Kunst und Wissenschaft:prekär arbeiten, prekär leben
Den Auftakt am Vernetzungstag bestrittenPetja Dimitrova und Roswitha Kröll mit Projektpräsentationen. Während Petja Dimitrovaden Fokus auf die Prekarisierung von Lebenohne EU/EWR-Pass legte, standen bei Roswitha Kröll prekäre Arbeitsverhältnisse imMittelpunkt. Ihren Vortrag mit dem Titel Wirhaben Arbeitskräfte gerufen, und es sindMenschen gekommen begann Petja Dimitrova mit einem kurzen Aufriss vorherrschenderMigrationspolitiken seit den 1960er Jahrenund erläuterte anschließend die aktuellenrechtlichen Möglichkeiten von Künstler*innenund Wissenschafter*innen ohne EU/EWR-Pass in Österreich zu leben. Dass diese Prekarisierungsprozesse bereits mit dem Studium beginnen und dort auch Eingang in die(künstlerische) Auseinandersetzung finden,zeigte sie anhand von drei künstlerischenArbeiten von Studierenden exemplarisch auf.Kunstuniversitäten spielten auch in dem vonRoswitha Kröll vorgestellten Projekt flexible@art eine Rolle: Von der Kunstuniversität Linzmit Projektpartner*innen durchgeführt, beschäftigte sich das mehrjährige transdiszi-plinäre Forschungsprojekt mit „Prekarisierungs- und Flexibilisierungstendenzen imkulturellen, künstlerischen Sektor und darüber hinaus“. Mit einer Präsentation von verschiedenen Arbeiten, die auch im Rahmeneiner Ausstellung von flexible@art zu sehenwaren oder dem für die KulturhauptstadtLinz 09 eingereichten, aber abgelehntenProjekt Galerie der Siegerinnen zeigte Roswitha Kröll zudem Beispiele künstlerischerAuseinandersetzung mit den (eigenen) Arbeitsbedingungen in Kunst und Kultur.Anschließend stand ein Open Space auf demProgramm. Im Sinne des Vernetzungsgedankens sollte damit der Rahmen für einen Austausch zu bestimmten Aspekten im Kontextvon Freiheit und Prekarität geschaffen werden. Open Space ist ein nichthierarchisches,inhaltlich und formal offenes Verfahren fürgrößere Gruppen, das nach dem Kernprinzipder Selbstorganisation konzipiert ist. Dabeihaben alle Anwesenden zunächst die Möglichkeit, wichtige Anliegen, Themen oderFragen zu nennen, um sich anschließend inKleingruppen damit zu befassen. Am Endewerden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen ineinem Schlussplenum zusammengeführt.Somit lag es an den Teilnehmerinnen, denweiteren Verlauf des Tages inhaltlich selbstzu gestalten. Aus den eingebrachten Themenentstanden schließlich vier Arbeitsgruppen.

Wie lässt sich symbolisches Kapital umverteilen?
Von Kapitalbegriffen im Kontext künstlerischer Produktion ausgehend, setze sich dieArbeitsgruppe zu Kapitalien mit Machtstrukturen im Zusammenhang mit – sozialem,kulturellem, ökonomischen, geistigem – Kapital auseinander. Wie etwa ließe sich symbolisches Kapital umverteilen? Wie setze ichmeine einmal erarbeitete Macht ein? Wo beginnt die Selbstausbeutung? Für möglicheStrategien einer „Gegenumverteilung“ sollten Allianzen und Netzwerke geschaffenwerden. Dass hierbei aber auch (etwa in Bezug auf mächtigere Partner*innen in einer Allianz) Gefahren bestehen, hielt wiederumdie Allianzen-Arbeitsgruppe fest. Doch auchangesichts der Schwierigkeit strategischeZusammenschlüsse aufzubauen und aufrecht zu erhalten, resümierte die Allianzen-Arbeitsgruppe letztlich mit einem Plädoyerzweifellos für Allianzen – jedenfalls solangedie eigenen Ziele damit erreicht werden.An Plädoyers und Forderungen mangelte esauch nicht in der Arbeitsgruppe zu Verweigerung: Um Verweigerung einfacher zu gestalten, muss ein tool kit her! Watchlistsausbeuterischer Auftraggeber*innen erstellen, Infos über erhaltene Honorare austauschen, Offenlegung von Gesamt- bzw. Projektbudgets einfordern und in Relation zu(Künstler*innen-)Honoraren stellen, nichtdie „Alibi-/Quotenfrau“ in von Männern dominierten Kontexten spielen, nicht-geschlechtergerechte Sprache ablehnen, …und viele andere Vorschläge mehr wurdengesammelt. Wichtiger Faktor dabei: Solidaritäten – im Austausch von Wissen und Erfahrungen sowie in der Verweigerung!Den Stellenwert von Solidaritäten strich auchdie Arbeitsgruppe Galerie der Siegerinnen hervor. Gerade durch Vereinzelung im prekärenArbeitsleben, müsse „schamlose Sichtbar-keit“ statt „schamhaftem Verstecken“ gelten, um strukturelle Probleme aufzuzeigen.Als ein möglicher Ausweg aus dem ökonomisch prekären Leben wurde ein bedingungsloses Grundeinkommen diskutiert unddie Frage gestellt: Welche Folgen hätte das?

In Freiheit tätig sein
Angenommen, fragte Elfie Resch (in ihremDoppelvortrag mit Juliane Alton zum ThemaGrundeinkommen) das Publikum, Sie hätten1 500 Euro monatlich zur Verfügung: Wie würden Sie Ihr Leben gestalten? So startete dasSymposium Freiheit und Prekarität am zweiten Veranstaltungstag mit individuellen Utopien vom Leben ohne ökonomische Sorgen.Wie ein bedingungsloses und Existenz sicherndes Grundeinkommen aussehen könnteerläuterten die Referentinnen nicht ohne Umverteilungsnotwendigkeiten von reproduktiver Arbeit anzusprechen. Juliane Alton verwies dabei auf die Vier-in-Einem-Perspektivevon Frigga Haug zur gerechten Verteilungvon Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Gemeinwesensarbeit und Entwicklungschancen.Nicht nur unzureichend Geld, auch der„falsche“ Pass bedeutet Einschränkungenund Ausschlüsse. In ihrem Vortrag Bewegungsfreiheiten, Frauenmigration und Utopie setzte sich Luzenir Caixeta mit Perspektiven auf Frauenmigration auseinander. Siekonzentrierte sich dabei auf eine Befreiungslogik im Gegensatz zu einer Ausgrenzungslogik. Während Freiheit, Mobilität undFlexibilität einerseits positiv besetzt sind, istdiese Sichtweise auf eine Bewegungsrichtung beschränkt: Mobilität ist vom Nordenin den Süden erlaubt (früher durch Kolonialismus, heute durch Tourismus, auch Sex-Tourismus), so Luzenir Caixeta, in die andereRichtung hingegen ist Migration sehr begrenzt und wird ebenso stark kontrolliert.Gerade Frauen, die migrieren und in derSexarbeit tätig sind, werden oftmals in dieOpferrolle gedrängt. Migration als selbstbestimmter emanzipatorischer Akt wird hierbeiallzu oft ausgeblendet, sofort tritt der Verdacht von Menschenhandel auf.

Bleibe reicht für alle!
Die zweite Hälfte des Symposiumtagesstand für Workshops zur Verfügung. JoSchmeiser zeigte in ihrem Workshop Prekarität und Freiheit der Wahrnehmung – Sabotage/n und Utopie/n für eine egalitäre Gesellschaft den Film working on it (2008) vonKarin Michalski und Sabina Baumann. In deranschließenden Diskussion dominierte dieMigrant*innen so oft gestellte Frage „Woherkommst du?“ die Auseinandersetzung. Wasdaran rassistisch ist? Dass die Frage aufgrund von Aussehen, Sprache oder Namenüberhaupt erst gestellt wird; der implizierteVerweis auf ein Nicht-Hierher-Gehören; usw.usf. Viele Gründe wurden aufgelistet undWiderstand formuliert, als Angehörige einerMinderheit nicht immer wieder diese (unbezahlte) Aufklärungsarbeit zu leisten.Im Workshop Prekäre Freiheit – Paradox desBegehrens, Normativität, Migration, Bettund Widerstand fragten Tania Araujo undGalia Stadlbauer-Baeva die Teilnehmerinnennach ihren Begehren in der momentanen Situation. Es folgte eine Auseinandersetzungmit Zusammenhängen von Prekarität undBegehren. Schreiben im Handstand war derTitel des Workshops von Marty Huber zur„Manifestierung von Ideen der Tagung inPamphletform“. Entstanden sind sechsGrundsatzforderungen wie etwa: „Bleibereicht für alle“ oder „(Reproduktive) Arbeitmuss gerecht verteilt werden“.

Individuell und kollektiv: prekär weiterkämpfen
Das Abschlussplenum war Feedback und Zukunftsüberlegungen gewidmet. Wann wirdes ein nächstes Vernetzungstreffen, einnächstes Symposium geben? Wie lässt sichmit den Ergebnissen aus dem Open Spaceund den Workshops kollektiv weiterarbeiten? Für das individuelle Handeln gibt esbereits sehr konkrete Vorschläge aus denzwei Tagen intensiver Auseinandersetzungmitzunehmen. Zur gemeinsamen Weiterarbeit wird die Frauen-Vernetzungs-Mailingliste dienen. Am 8. März 2009 erscheint einePDF-Publikation mit Texten von Referentinnen der Veranstaltung.


Daniela Koweindl ist kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst und hat als Teilder Arbeitsgruppe Freiheit und Prekarität ander Konzeption und Organisation der Veranstaltung mitgearbeitet.