„Schaffe ich das?“

Bei allen theoretischen Diskursen, die auf einer Kunstuni so rumgegeisterten, damals war Poststrukturalismus ziemlich en vogue, habe ich mir seinerzeit als Studentin die wichtigsten Vertreter:innen und deren wichtigste Thesen gemerkt. Damit bin ich auch zu 90% ganz gut gefahren. Kaum ein Mensch merkte je und eigentlich bis heute, dass ich davon so gut wie keine Ahnung habe. Hinter dieser Koketterie verbirgt sich in Wirklichkeit Scham. Die meisten Bücher sind unfreiwillig un-halb-viertel-gelesen, wochenlang im Tagesgepäck verharrend in der Hoffnung, dass sie sich durch Interpassivität irgendwie in meinem Gehirn einspeisen. Seminare wurden nach prüfungsimmanenter Benotung ausgesucht oder es wurden Referate gehalten, niemals – in meinem ganzen Studium nicht – habe ich eine einzige Seminararbeit geschrieben. Ich konnte mein Studium erfolgreich abschließen und mein Zeugnis landete sogar an der Bürowand meines Vaters.

Tatsächlich schrieb ich verdammt viel. Ich habe geschrieben und ich habe nicht geschrieben, ähnlich wie es die australische Komikerin Hannah Gadsby in ihrem TED-Talk Three ideas. Three contradictions. Or not. beschreibt: Ich kann nicht reden, habe aber ein Beruf, in dem ich viel rede. Ich mache Comedy und ich habe mit Comedy aufgehört. An dieser Stelle erzählt sie von ihrem Erfolgsprogramm Nanette. Sie beschreibt den Inhalt dessen, was sich wie ein Jagen nach der nächsten Punchline anfühlt, die ihr Leben in einen humoristischen Warmfilter taucht und dem Publikum das erlösende Lachen bringt. Sie sei gefällig unterhaltend auf die Kosten ihrer eigenen Traumata gewesen, führt sie aus. In Nanette dreht sie den Spieß um und seziert Mechanismen des Bühnenhumors. In dem Buch Radical Belonging wiederum seziert Lindo Bacon unser Gehirn dahingehend, um zu erforschen, welche teils irreparablen Auswirkungen und Veränderungen Entfremdung („Alienation“) und Traumata auf unseren ganzen Körper haben. Als eine Messiwohnung beschreibt Kurt Krömer sein Gehirn und Ronja von Rönne wird in einem Interview dafür gelobt, dass sie doch so umtriebig sei und viel erreiche. Faul sei sie, erwidert Rönne (deep & deutlich, 2021), sie habe nur gelernt, in den Phasen, in denen sie gerade mal nicht depressiv sei, maximal effizient zu sein. Das räsoniert in mir.

All die genannten Beispiele haben drei Dinge gemein: 1. Man hat es sich nicht ausgesucht, 2. Es gibt nichts daran zu beschönigen, 3. Man muss sich nicht dafür schämen. Die Messiwohnung im Oberstübchen, die falsche Effizienz, das Impostersyndrom. „Ich lebe seit einem Vierteljahrhundert mit Depressionen und we are not friends but we come along with each other“, so sagte ich das sinngemäß zu einer Freundin, mit der ich unlängst eigentlich wegen anderer Sache videotelefonierte. Sie erzählte mir von dem Suizid des Vaters als Jugendliche und von der neuen Erfahrung mit einer Depression leben zu müssen und fragte: „Veronika, schaffe ich das?“ – „Schaffe ich das?“ ist ein dringender Appell anzufangen, viel offener über Neurodiversität zu reden und radikale Zugehörigkeit einzufordern, ohne sich dabei verstecken zu müssen. Im Rampenlicht ist noch genug Platz, Leute, wer tritt als nächstes vor?

 


Veronika Merklein ist bildende Künstlerin und Aktivistin, lebt und arbeitet in Wien.
www.galerie-stock.net/archiv-2021/1384-salon-real-virtual-5-salon-veronika-merklein-der-wunde-punkt