„… kein Denken ohne Affizierung, geschweige denn ein kritisches.“

What a feeling! im Gespräch mit Brigitta Kuster und Karl Reitter

Bildpunkt: Im Kunstfeld sind der Affekt bzw. die Affizierung schon lange Thema. Die Konzeptkünstlerin Andrea Fraser hat das Wiedererstarken des Affektdiskurses 2007 als Gegen bewegung zu (postkolonialistischen und kritischen) Theorien sozial und historisch verwurzelter Subjektivitäten beschrieben. Andere sehen in ihm gerade deren Fortsetzung. Wie seht Ihr das?

K.R.: Diese Frage kann ich nicht beantworten, dazu fehlen mir leider die notwendigen Kompetenzen.

B.K.: In der Tat scheint es eine neue Affinität gegenüber Brian Massumis oder anderen affekttheoretischen Ansätzen im Kunstfeld zu geben, die mit einer Abkehr von diskurstheoretischen Konzepten einhergeht. Und in der Tat, auch in meinen Augen ist es sinnvoll, von der Ära einer Art Diskursfixierung Abschied zu nehmen. Allerdings fehlen in dieser Gegenüberstellung die feministischen Anstrengungen an diesem Schnittpunkt, die mit dem Label des New Materialism verbunden sind.

Bildpunkt: Der Philosoph Baruch de Spinoza (1632–1677) scheint so etwas wie der Grandfather der poststrukturalistischen Affizierungsdebatte zu sein. Karl, in deinem Buch Prozesse der Befreiung. Marx, Spinoza und die Bedingungen des freien Gemeinwesens (Münster 2011) spielen der Affekt oder Aspekte der Affizierung keine große Rolle. Warum nicht? Oder anders gefragt: Um Befreiungsprozesse zu verstehen oder gar anzustoßen, ist da die Auseinandersetzung mit Ideologie und Ideologiekritik wichtiger als die mit dem Affekt?

K.R.: Also ich finde, Affekte spielen in meinem Text sehr wohl eine bedeutende Rolle. Ich unterscheide bei Spinoza zwei Achsen der Befreiung. Einerseits den Gegensatz von Autonomie und Heteronomie, oder Freiheit und Gezwungenheit. Andererseits das Mehr oder Weniger an Tätigkeitsvermögen (agendi potentiam). Beide Dimensionen sind engstens mit den Affekten verbunden. Alles was auf uns einströmt, alles was wir erfahren und erleben, also die Affektionen verändern beide Dimensionen. Dieser prozesshafte, molekulare Ansatz bei Spinoza hat mich immer sehr angezogen. Für den Prozess der Emanzipation ist beides nötig, positive Affektionen, die das Vermögen des Körpers und des Geistes steigern, aber auch das Handeln aus Einsicht und Erkenntnis, wobei es bei Spinoza stets um das Streben geht, im eigenen Sein zu verharren. Die Pointe dabei ist: Dieses scheinbar so „egoistische“ Streben gelingt umso besser, je mehr andere Menschen ebenso selbstbestimmt leben. Das Wichtigste für die eigene Freiheit ist die Freiheit der anderen. Alles an diesem Prozess ist bei Spinoza affektiv, auch und vor allem das Erkennen selbst.

Bildpunkt: Im Begriff der affektiven Arbeit, der vor allem in postoperaistischen Theorieansätzen benutzt wird, soll u.a. eine Ambivalenz heutiger prekärer Arbeitsverhältnisse zum Ausdruck kommen: Emotionale, kommunikative Aspekte des Lebens werden wertgeschätzt, dabei allerdings auch in den ökonomischen Verwertungsprozess eingegliedert. Brigitta, in dem Buch sexuell arbeiten. eine queere perspektive auf arbeit und prekäres leben (Berlin 2007), das du gemeinsam mit Renate Lorenz gemacht hast, sprecht ihr von „sexueller Arbeit“. Dabei geht es darum zu verstehen, „wie Individuen unter historisch- und kontextspezifischen Bedingungen zu Subjekten werden und welche Praxen in diesen Prozess involviert sind.“ Worin besteht der Unterschied zur Affizierung?

B.K.: Ein Kapitel unseres Buches befasst sich ausführlicher mit den Problemen, die unserer Ansicht nach mit dem Begriff der affektiven Arbeit als Unterkategorie der immateriellen Arbeit bei Antonio Negri, Maurizo Lazzarato und anderen verbunden sind. Diese Arbeit, die die Autoren mit vor allem weiblich konnotierten Eigenschaften wie Zuwendung, Sorge und Reproduktion der Körper verbinden, scheint jeglicher Erinnerung an die feministischen Analysen und Politikformen (wie etwa der Lächelstreik) der operaistischen Genossinnen aus den 1970er Jahren verlustig gegangen zu sein, welche die Frage der Reproduktion gesellschaftlicher Produktionsbedingungen wie etwa Geschlechterverhältnisse – und, wie wir aus der Perspektive der sexuellen Arbeit ergänzen würden, der Reproduktion von Heteronormen – ins Zentrum ihrer Analysen gestellt haben. Im strengen Sinne, so lässt sich aus der Perspektive der sexuellen Arbeit besonders gut sehen, handelt es sich bei dem Konzept der affektiven Arbeit nicht unbedingt um Affekt bzw. Affizierung, sondern um Emotionen, da wir es mit der Subjektivität einer Arbeitskraft zu tun haben, die sich verausgabt und somit in die Produktion vergeschlechtlichter Expressionen verwickelt ist: die tradierten Modalitäten des „verkauften Herzens“ (Arlie Russel Hochschild).

Bildpunkt: Mal vorausgesetzt, Affiziert-Werden ist nicht das Gegenteil von Denken und kann insofern durchaus kritisch geschehen. Und auch wenn wir Affizierung als einen umfassenden Prozess von Teilhabe und -nahme an der Welt verstehen, wie etwa die Philosophin Michaela Ott es tut: Brauchen wir für die politische und auch die künstlerische Praxis nicht Kriterien, die etwa grundlegende Affizierungserfahrungen wie das Aufwachsen in einem bestimmten Milieu von eher spontanen wie der Ergriffenheit beim Schauen eines Films (oder gar beim Betrachten einer künstlerischen Arbeit) unterscheiden? Uns scheint das in der Debatte manchmal etwas eingeebnet, als wären gewissermaßen Effekte durch Affekte immer und überall möglich.

B.K.: Es gibt kein Denken ohne Affizierung, geschweige denn ein kritisches. Während mir im Kontext der von euch zitierten Ergriffenheit beim Schauen eines Films eher die emotionale Bestätigung des Normenkanons eines bürgerlichen Subjekts eine Rolle zu spielen scheint, gilt es, Affizierung als einen Umgang mit der Unterwelt des Universalen unter Voraussetzungen extremer Ungleichheit und Differenz zu verstehen. Ich denke, da beginnt der Unterschied zwischen Kunst und Akademismus oder Kunsthandwerk.

K.R.: Zum Künstlerischen kann ich nicht all zu viel sagen. Was nun das Politische betrifft: Affekte sind bei Spinoza untrennbar mit der Alltäglichkeit verbunden und in sie eingebettet. Was im Alltag geschieht, ist relevant. Es gibt wohl eine für sich analysierbare Sphäre der politischen Konstitution des Gemeinwesens bei Spinoza, diese beruht jedoch auf den Ereignissen, eben den Affekten, in den Poren des Alltags. Spinozas Philosophie erlaubt es nicht, avantgardistische Praktiken oder Milieus zu denken, Kunst und Ästhetik spielen bei ihm keinerlei Rolle. Tatsächlich sind für ihn „Effekte durch Affekte“ allgegenwärtig und unhintergehbar. Es kommt aber darauf an, welche Ursachen welche Wirkungen erzielen. Emanzipation bedeutet, jene Ursachen zu befördern und zu verstärken, die Wirkungen nach sich ziehen, die sowohl unser Tätigkeitsvermögen als auch unser Erkenntnisvermögen steigern. Diese Vermehrung, ebenso wie die Verminderung, ist unmittelbar affektiv, ersteres bewirkt Lust, zweiteres Unlust. Affektfreie, neutrale und objektive Rationalität ist für Spinoza ein Unding, schlichtweg eine Unmöglichkeit, eine Illusion.


Brigitta Kuster ist Künstlerin.

Karl Reitter lehrt Philosophie an den Universitäten Wien und Klagenfurt und ist Redakteur der Zeitschrift grundrisse. Er lebt in Wien.

Das Gespräch wurde Mitte September 2013 per eMail von Sophie Schasiepen und Jens Kastner geführt.