Bildpunkt: Aljoscha, du hast gemeinsam mit Xavier Laboulbenne 2008 das Buch Fraktur. Gespräche über Erinnerung in der Berliner Republik herausgegeben. Die darin abgedruckte Gesprächsserie zum Verhältnis von Erinnerung, Kunst und Politik in der Berliner Republik wurde – dem Beschreibungstext zufolge – aus einem Ausstellungsprojekt entwickelt, das nicht realisiert werden konnte. Was war der Grund dafür? Und kannst du für den Bildpunkt einige wesentliche Punkte aus den Gesprächen formulieren und somit einen Einblick in die geschichtspolitische Situation in Berlin geben?
A.W.: Es ist schwierig, eine einheitliche Linie aus den unterschiedlichen Gesprächen mit KünstlerInnen, TheoretikerInnen, FilmemacherInnen, KuratorInnen und SammlerInnen abzulesen. Wir waren vielleicht so etwas wie SeismographInnen und gingen der Frage nach, was für ein Begriff der Geschichte in künstlerischen Produktionen im Vordergrund steht, welcher sich stark von den 1960er und 1970er Jahren unterscheidet. Wie manifestiert sich die „Globalisierung der Erinnerung“ in der Kunst? Wie stark ist das nationale Framing bei KünstlerInnen ausgeprägt? Wie lässt sich so ein seltsames Phänomen wie Jonathan Meese erklären, der im Modus der Überschreitung scheinbar Tabus brechen will? Die Frage war demnach, wie haben sich erinnerungspolitische Interventionen im Feld der Kunst verändert, was hat sich da verschoben, gibt es überhaupt noch ein Interesse an NS-Geschichte oder eher nur eine Verharmlosung bzw. Indifferenz?
Bildpunkt: Bini, du hast in den letzten Jahren immer wieder darauf gepocht, Verstrickungen zusammen zu denken und sowohl auf der Ebene der Analyse als auch auf jener des Aktivismus queere Politiken mit Kämpfen gegen Deutschland und gegen Antisemitismus zu verbinden versucht. Wie lassen sich deiner Meinung nach nationale Erinnerungen herausfordern? Und wie kann die Geschichts- und Erinnerungspolitik verqueert werden?
B.A.: Queere Politik hat den traditionellen Modi linker (Theorie-) Praxen einige erfreuliche Erweiterungen zukommen lassen. An die Stelle von Kritik setzt sie eher Dekonstruktion, statt mit Opposition(en) arbeitet sie mit Veruneindeutigungen, konstruiert und affirmiert Begehren und dessen Vervielfältigung eher als moralische Anklagen zu produzieren. Bezüglich der Bewegungen, die sich gegen Deutschland artikulieren, ist diese Subversion weiterhin dringend nötig, sind diese doch sowohl publizistisch als auch organisatorisch weiterhin bis über den Überdruss hinaus durch einen maskulinistischen Politikstil und den mitgelieferten Subjektmodus gekennzeichnet. Pink Rabbit, ein Rosa Kaninchen (pinkrabbit.org), das 2009 beispielsweise bei den Gedenkfeierlichkeiten zur Varusschlacht, die germanischen Krieger mit einer bunten Wasserpistole angriff oder der für die Kamera posierenden deutschen Familienministerin ein Kondom mit der Aufschrift „Deutschland verhüten“ in die Hand drückte, hat hier Großes geleistet. Bezüglich des deutschen Projektes selbst ist aber die Frage, ob es sich dabei nicht um eine Herrschaftsformation handelt, die gegen queere Politikstrategien weitgehend immun ist. Veruneindeutigungen wären hier analog in den Versuchen zu sehen, den Begriff dessen, was deutsch ist, auszudehnen zu einem alternativen Nationalismus, der beispielsweise auch Schwarze Deutsche inkludiert. Ich bin diesbezüglich leider pessimistisch und würde darüber hinaus gehend im Sinne einer freundlichen Welt weiterhin auf ein deutlich negatives Konzept gegen Deutschland setzen: Das muss halt weg.
Bildpunkt: Wo seht ihr Allianzen zwischen geschichtspolitischen Positionen, die Deutschland, den Antisemitismus und den Nazismus adressieren auf der einen und queeren, postkolonialen und antirassistischen Kämpfen auf der anderen Seite? Gibt es da Widersprüche, denen wir uns stellen müssen?
A.W.: Ich sehe da ein Dilemma. Man darf unterschiedliche Diskurse nicht gegeneinander ausspielen, diese aber auch nicht krampfhaft ineinander verschränken, was im Umkehrschluss nicht bedeutet, dass diese unterschiedlichen Diskurse und Theorieansätze getrennt werden sollten. In einem bestimmten linken, Cultural Studies inspirierten Jargon avanciert einerseits auf skurrile Weise das theoretische Erbe des Postkolonialismus zur Legitimation des Antizionismus, andererseits verkennt es die Potentialität der postkolonialen Theorie – von Bhabha bis Mbembe –, diesen auf Antizionismus zu reduzieren. Doch wird die Faszination für scheinbar sophisticated anmutende Begriffsschöpfungen wie „queerer Jihad“ oder die Fixierung auf den „Homo-Nationalismus“ Israels immer sichtbarer und hörbarer. Es geht aber nicht um normative Setzungen, wie die Queer-Theoretikerin Jasbir Puar ihrem Kritiker Micha Brumlik vorwarf, sondern um einen minimalen adornitischen Impuls in der Dekonstruktion dieser neuen Denkbewegungen.
B.A.: Ich habe den Eindruck, als würden nach Jahrzehnten, die vor allem von offener Feindschaft und Nichtbeachtung gekennzeichnet waren, jetzt Möglichkeiten von Allianzen, vor allem auf transnationalem Niveau, entstehen. Als Judith Butler bei ihrem vorletzten Berlinbesuch für ihre irrwitzige Idee kritisiert wurde, Hamas und Hiszbollah als Teile der globalen Linken zu bezeichnen, war sie völlig überrascht. Auf Beschreibungen von deren reaktionärer Politik hatte sie geantwortet: „Sind das die Informationen, die Sie hier kriegen?“ Trotz mancher Kritiken, die ich an dem Interview habe, das Butler der Jungle World später gegeben hat, freue ich mich sehr, dass hier zum ersten Mal ein Gespräch eröffnet wird, in dem (jüdische) Linksintellektuelle aus USA und Kritikerinnen deutscher Verhältnisse potentiell ihre wechselseitigen Begrenzungen erkennen können. Wie sich zuletzt an den Auseinandersetzungen um die [von Jasbir Puar vertretene] These, Israel betreibe mit queerfreundlicher „Propaganda“ ein „pinkwashing“ seiner „Kriegspolitik“ und die Gegenthese, postkoloniale Theorie sei ein „Karriereticket“ für „migrantische Theoretikerinnen“ gezeigt hat, wird dieses Gespräch (zunächst) vor allem als Streit (auf niedrigem Niveau) geführt.
Bildpunkt: Was ist eure Einschätzung der geschichtspolitischen Situation im deutschsprachigen Raum heute?
B.A.: Bei der Betrachtung deutscher Politik mindestens seit 1990, habe ich – ganz gegen meine sonstige Gewohnheit – das Bedürfnis zum Begriff der Teleologie zu greifen. Wenn du dir antideutsche Texte von vor 20 Jahren anschaust, kannst du feststellen, dass sie die späteren restaurativen Entwicklungen ziemlich präzise prognostizieren konnten. Dabei ist deren quasi hegelianische Logik stets die gleiche: Irgendeine Tabubrecherin prescht mit besonders rechtsradikalen Thesen vor, wird öffentlich abgecancelt und (mit Blick aufs Ausland) der Überschreitung geziehen, während inhaltlich die Idee in leichter Abschwächung übernommen wird. Für die Asyldebatte wurde diese Rolle vom Neonazimob gespielt, für den Diskurs um Antisemitismus und Nationalismus vor allem von Martin Walser und für die so genannte Integrationsdebatte jetzt von Sarrazin.
A.W.: Ich sehe es ähnlich. Ich erinnere mich allerdings auch an Analysen, die 1989/90 ein „4. Reich“ prognostizierten. Ich denke, dass es wichtig ist, nicht in ein teleologisches Denkmodell zu verfallen, sondern die Brüche des Laufs der Geschichte stärker zu fokussieren. Wir leben momentan unter den Vorzeichen eines globalen Kapitalismus sowohl in einem germanisierten Kerneuropa, als auch in einer postnationalen Situation. Gleichzeitig kann Deutschland mit seiner ökonomischen Niedriglohn-Exportpolitik die kapitalistische Krise mindestens für Europa nur deswegen verschärfen, weil es Gewerkschaften und Bevölkerung so fest in den nationalen (Verzichts)Konsens eingebunden hat. Auch das hat Einfluss auf den geschichtspolitischen Staus Quo.
Bildpunkt: Welche Möglichkeiten für eine Re-politisierung der Geschichtspolitik seht ihr?
A.W.: Ich bin da etwas skeptisch. Es gibt kein Außen zur Geschichte, klar. Es gibt auch keine Kontinuitätsgeschichte. Sicherlich ist auch die Analyse einer „Stilllegung der Geschichte“ ein zweifelhafter Begriff im linken Diskurs. Es geht also um keine Repolitisierung einer Geschichtspolitik, sondern um das Aufspüren der Verbindungslinien von Geschichte und aktuellen politischen Debatten, die immer Krisen des Hier und Jetzt und damit Krisen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung aufzeigen und das Phänomen einer Revision oder Relativierung etc. verdeutlichen. Joschka Fischer und Co. benötigten Auschwitz, um den Jugoslawienkrieg der Bundeswehr zu legitimieren. Der AfghanistanKrieg, so zeigt es die Debatte um Horst Köhler, wird mit der Sicherung von Handelswegen legitimiert, die als deutsches Interesse ausgegeben werden. Ich denke aber, dass das klassisch modernistische Projekt der Kritik begrenzt ist. Möglichkeiten sehe ich eher in spezifischen Transmittern des Geschichtlichen. Und das ist nicht als post-kritisch abzutun. Das Medium Film ist deshalb so wichtig, um sich einerseits mit dem Problem der „Bilder der Geschichte“ gegenüber einem „Leben in Bildern“ zu konfrontieren und um andererseits der widerstreitenden und zerstreuten Politik der Bilder eine Geschichtlichkeit zu entreißen. Anders gesagt: Es geht um mehr Parallel-Montagen: Raul Hilberg lesen und mit postmodernistischen Interventionen à la Omer Fast (Spielberg’s List z.B.) verbinden, um die Bilder-Bilder zu verstehen, d.h. die Re-Komposition der historischen Bilder in artifiziellen Filmkulissen als Bild der Geschichte aufzunehmen, ohne sich darin zu verlieren, sondern diese Artefakte als Denk-Bilder für sich begreifbar zu halten.
B.A.: Mir leuchtet die Frage nach einer Re-Politisierung ein. Denn was wir in den letzten Jahren erleben – sicherlich durch Abriss der stärker materialisierten Erinnerungspolitik der Berliner Mauer initiiert oder verstärkt –, ist eine Kulturalisierung oder Musealisierung der Geschichtspolitik. In den spezialisierten Debatten um verschiedene Mahnmalentwürfe/Gedenkstättenpolitiken geht der politische Antagonismus meist schleichend verloren. Egal wie lange kleinste Initiativen gegen heftigsten Widerstand für eine Plakette für ermordete Sinti und Roma gekämpft haben mögen – kaum ist sie angebracht, ist sie auch schon Aushängeschild für den Erinnerungsexportmeister Deutschland. Das frappierende, das der Aufmerksamkeit zu oft entgeht, ist, dass große Bereiche der Politik, die lange untrennbar mit der Geschichte des Nationalsozialismus verknüpft waren, aus dieser herausgelöst werden. Sowohl das Führen und immer offenere Bewerben (Truppenbesuch im TV-Format) von Kriegen als auch der nationalistische Massenwahnsinn bei internationalen Männerfußballevents – meines Erachtens das wichtigste Werkzeug im erinnerungspolitischen Revisonskasten der Republik – werden als neutrale Gegenwart inszeniert. Zur Zeit der EM 2008 wurden 14- bis 18-jährige – also genau die, die nach der begonnenen Wiedervereinigung der Deutschen mit ihrer Geschichte sozialisiert wurden – gefragt, ob sie stolz sind, Deutsche zu sein. 86% stimmten mit ja, 9% mit ein wenig, 3% mit nein. Ein großer Teil dieser Miniminorität begründete seine Ablehnung mit der „Nazi-Vergangenheit“. Das sagt fast alles.
Bini Adamczak erscheint z.B. als unstetes Bündnis zänkischer Gespenster, unerbetener Erbschaften, nächtlicher Reproduktionsläufe.
Aljoscha Weskott lebt in Berlin und arbeitet als Autor und Filmemacher.
Das Gespräch wurde Mitte Januar 2011 von Nora Sternfeld und Jens Kastner per email geführt.
