Drei künstlerische Positionen: smrt postnazismus

Drei künstlerische Positionen begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen.

Poster: Plattform Geschichtspolitik
Rückseite: Michaela Melians
Bildstrecke: Eva Dertschei und Carlos Toledo

Das Mittelposter ist diesmal von der Plattform Geschichtspolitik – einer Initiative von Student_innen, Aktivist_innen und Lehrenden, die der Akademie der bildenden Künste Wien nahe stehen. Ziel des offenen Kollektivs ist, einen kontinuierlichen Prozess zu evozieren, in dem die Teilhabe der Akademie an Kolonialismus, (Austro-)Faschismus und Nazismus kritisch reflektiert und öffentlich verhandelt wird. Am 4. November 2010 zerlegten Teilnehmer_innen eines von der Plattform organisierten Workshops, einen sich im Besitz der Akademie befindlichen Tisch, von dem hinter vorgehaltener Hand erzählt wird, er sei „arisiert“, also im Zuge der systematischen Enteignungen von Jüd_innen und jenen, die den Nazis als solche galten, geraubt worden. Sie schlichteten seine Bestandteile zur Blockade des Rektorats vor dessen Tür auf. Zusammen mit dem Budgetantrag der Plattform Geschichtspolitik für die Einrichtung einer Stelle für Provenienzforschung an der Akademie bildet diese Anordnung das Denkmal der Forderung nach Provenienzforschung und Restitution. www.plattform-geschichtspolitik.org

Michaela Melians Arbeit Föhrenwald – eine 60 minütige Diainstallation mit Soundtrack aus dem Jahr 2005 – bildete die Grundlage für das Rückencover dieser Ausgabe. Es zeigt zwei Zeichnungen – aktuelle Ansichten einer historisch mehrfach überlagerten Kleinstadtidylle: Föhrenwald wurde Ende der 1930er Jahre als nationalsozialistische Mustersiedlung südlich von München gebaut. 302 kleine Doppel- und Reihenhäuser gruppieren sich ringförmig um größere Gebäudekomplexe im Zentrum der Anlage. Der Ort wurde ab 1940 als Lager für zwangsverpflichtete Arbeiter der nahe gelegenen Munitionsfabriken benutzt. Nach Kriegsende diente er mehr als zehn Jahre lang als exterritoriale Siedlung für sogenannte Displaced Persons, für jüdische Überlebende aus ganz Europa, die nicht mehr in ihre Heimatländer zurückkehren konnten. Nach Auflösung des selbstverwalteten Lagers, das als das letzte jüdische Schtettl in Europa bezeichnet wird, wurden hier seit 1956 schließlich deutsche heimatvertriebene Familien angesiedelt.

Die Bildstrecke von Eva Dertschei und Carlos Toledo versteht sich als redaktionell-gestaltetes Kommentar zum Thema dieses Heftes. Die Serie Drugi i drugarici! entstand 2007 und stellt eine typografische Aneignung der PartisanInnen-Denkmäler um Sv. Lovrec ˇ in Westistrien dar. Vom Hügel Rusˇnjak, strategisch gelegen zwischen Pula, Porecˇ und Pazin, ging 1943 der Kampf gegen Nazi-Deutschland und das faschistische Italien in Istrien aus. Diesem Kampf und seinen Opfern gelten die Denkmäler in dieser Region. Sie wurden zwischen 1945 und 1991 aufgestellt. Die KünsterInnen sind meist unbekannt. Die Bildstrecke dokumentiert die Typografie und untersucht politische Schriftgestaltung vor der Digitalisierung: Interessant ist die Entwicklung der Verwendung von modernen Schriften in den ältesten Denkmälern, hin zu Antiqua-Schriften in den neuesten. Die formale Aneignung erfolgt durch das kroatische Adjektiv likovna (bildende, formgebende, gestaltende): Mittels Abpausen mit schwarzem Fettstift wurden zehn Denkmäler zu einen kleinen Archiv zusammengestellt.