Poster: Nils Norman
Rückseite: Guerrilla Girls
Bildstrecke: Wiebke Grösch / Frank Metzger
Die Bildstrecke zeigt Auszüge der fotografischen Recherche A Village in the City, Disappearing von Wiebke Grösch und Frank Metzger. Ausgangspunkt ist das erste Olympische Dorf der Neuzeit, das 1932 innerhalb von drei Monaten in Los Angeles erbaut wurde und nach einem Monat fast gänzlich wieder verschwand. Anlass für die aus Holz-Fertigbauteilen erstellten Unterkünfte für 1200 Menschen war die schlechte globale Wirtschaftslage. Das Angebot einer günstigen Unterbringung sollte als Kompensation für hohe Reisekosten dienen und verhindern, dass die erstmals außerhalb von Europa stattfindenden Spiele aufgrund zu geringer Beteiligung ausfallen müssten. Mit Wachpersonal und Patrouillen rund um das von Maschendrahtzaun umgebene Areal wurde für die Sicherheit der Bewohner_innen gesorgt. Auch ideologisch wurde das Projekt eingebettet: Als Dorf der Welt sollte es als Ort der „Völkerverständigung“ gesehen werden. Grösch und Metzger gingen 2005 Spuren und falschen Fährten dieses Ereignisses nach, das kaum dokumentiert ist und dessen materielle Reste durch die frühzeitige Organisation von Weiterverkäufen fast gänzlich von Ort und Stelle entfernt wurden.
Auf dem Mittelposter von Nils Norman wärmen sich Richard Florida und Mickey Mouse an einer Feuertonne, die mit Kunst- und Finanzmagazinen gespeist wird. Während Florida meist zitierter Kopf in der Debatte um kapitalistische Aufwertung städtischer Gebiete durch gezielte Ansiedlung der sogenannten „kreativen Klasse“ sowie Erfinder u.a. des „Gay Index“ für Stadt-Rankings ist, steht Mickey für die „Disneyfizierung“ der Gesellschaft. Diese bezeichnet kritisch den oftmals städteplanerischen Versuch, themenparkhafte Raumgestaltung nicht bloß als kurzweilige Unterhaltung zu präsentieren, sondern die darin vermittelten Wertvorstellungen „authentisch“ und nachhaltig in die Gesellschaft eingreifend zu vermitteln. Vor dem Hintergrund einer Zeltstadt, in der segregierende Wegweiser ins Leere zeigen, wirken die beiden Figuren recht deplatziert. Dass die nun mit Occupy assoziierten Zelte auch daran erinnern, wie Segregationsstrukturen und Eventhaftigkeit in kollektive Organisationsversuche hineinwirken können, war vorerst nicht so gemeint: Die Zeichnung entstand 2009 als Teil der Ausgabe The Creative City in Ruins des Magazins mute. culture and politics after the net.
Auf dem Rückencover zeigen wir mit Benvenuti alla Biennale Femminista eines von sechs Bannern der Guerrilla Girls, die 2005 bei der 51. Venedig Biennale zu sehen waren. In jenem Jahr kuratierten zum ersten Mal in der 120-jährigen Geschichte der Veranstaltung zwei Frauen die internationalen Ausstellungen: María de Corral und Rosa Martínez. Das veranlasste die Guerrila Girls, die erste „feministische Biennale“ auszurufen und so kurzerhand fatale, aber weit verbreitete Ansichten über den angeblich positiven Stand feministischer Kämpfe zu entlarven. Die von ihnen recherchierten Zahlen offenbaren zudem, dass die sogenannten westlichen Zentren keinesfalls Vorreiter_innen im Bereich Repräsentation weiblicher Künstler_innen sind und machen u.a. auf die massive Unterrepräsentation afrikanischer Künstler_innen aufmerksam. Zwar muss das Abzählen von Nationalitäten- und Genderangaben von Natur aus an gelebten Realitäten vorbeigehen. Doch haben die Guerrilla Girls mit ihren Aktionen erheblich dazu beigetragen, eben jene Diskurse zu diskreditieren, die sich selbst so gern mit statistisch erfassbaren Werten zu schmücken suchen – aber dabei immer wieder materielle Bedingungen vernachlässigen.
