Im Dezember 1996 wurde in Guatemala der Friedensvertrag zwischen der Guerilla und der Nationalen Armee unterzeichnet. Mehr als drei Jahrzehnte der politischen, intellektuellen und sozialen Verfolgung hatten die Geschichte in Trauer getränkt. Während dieser Zeit wurden sämtliche sozialen Ereignisse, bei denen sich Leute zusammenfanden, als Gefahr für den Staat betrachtet. Die Kampagne, die in den 1980er Jahren gegen die Intelligenz geführt wurde, machte es unmöglich, mit einem Buch in der Hand herumzulaufen – ganz zu schweigen von der Möglichkeit, sich auszudrücken. Aber die gegenwärtige Epoche markiert nicht den Beginn der Nachkriegszeit. Es ist vielmehr so, dass die damalige Ermächtigung der Angst, des Schweigens und des Misstrauens den Nährboden für den heutigen Zusammenbruch des sozialen Gefüges in Guatemala darstellt.
Stark beeinflusst von Dada und der Beat Generation wurde im Januar 1997 das Casa Bizarra gegründet. Inmitten der Dürre des kulturellen Angebots, der Abwesenheit von Kritik und fehlender Kunsträume oder -schulen, entwickelte sich das Casa Bizarra zu einem Laboratorium, in dem DichterInnen, MusikerInnen der guatemaltekischen Avantgarde, MalerInnen, DenkerInnen und ProtagonistInnen einer entstehenden Kunst sich zusammenfanden.
Die beiden Schriftsteller Simón Pedroza und Javier Payeras fielen in die Szenerie ein und provozierten in den Cafés und Bars mit „performativen“ Lesungen, die nicht nur von Worten, sondern auch von saloppen und spontanen Gesten getragen wurden und schräge Situationen hervorriefen – Happenings, die durch ihre Unmittelbarkeit und Ungeplantheit bestachen. Kollektiv und ohne institutionelle Legitimation oder Betreuung, wandelten sich die Initiativen sehr bald in öffentliche Demonstrationen und in Aktionen, die versprachen, das System von unkonventionellen Punkten aus in Frage zu stellen. In einer dieser Übungen des Casa Bizarra wurde nach einem Vorschlag des Künstlers Giovanni Pinzón der Zentralpark gegenüber des Regierungspalastes kollektiv besetzt. Diese bestanden darin, die zufällig vorbeikommenden PassantInnen und das interessierte Publikum, das an diesem offenen Fenster des freien Ausdrucks teilhatte, mit bunter Kreide zu bemalen. Der Besuch der Polizei war unvermeidlich, obwohl das Geschriebene und die Zeichnungen auf dem Boden nicht den bekannten politischen Pamphleten oder Zeichen zuzuordnen waren, sondern ihren Wert durch die Partizipation der Leute an den bildlichen Vorstellungen und Träumen erhielten. Die friedliche Intervention verwandelte sich in eine performative Aktion, in Verrücktheit und ein Theater des Absurden, um den Polizisten auszuweichen.
In diesem Kontext, dem es an kritischer Unterstützung und einer kulturellen Technik mangelte, die diese Phänomene einer Seite hätten zuordnen können, und ohne Kontakt zu den anderen Generationen, entstand im August 1998 die Gruppe Arte Urbano. Zeitgleich musste das Casa Bizarra vor den ökonomischen Realitäten kapitulieren und sah sich vor die Notwendigkeit gestellt, den geschlossenen Raum zu verlassen und die Straße als Basis und als konzeptuelles Imaginäres zu besetzen. Die Wiederaneignung des öffentlichen Imaginären für die kreative Demonstration, die kritische Dekodifizierung der Realität und die Verhandlung von Ideen machen den grundsätzlichen Strang aus, entlang dessen sich die künstlerische Produktion, die Partizipation und das Experimentieren entwickeln. Dieser Vorschlag nahm kollektive Formen an, die in einem Umfeld entstanden, das für Kreativität und Debatten im öffentlichen Raum aufgeschlossen war.
Schon bald wurden die Straße, die Dachterrassen, die Bars, die Schaufenster der Geschäfte im Stadtzentrum, später der Wind und die Dunkelheit der Nacht frei und spontan genutzt. Es entstand eine performative poetische Verschmelzung, die mehr an das Visuelle denn an das Theatrale gebunden war.
(Übersetzung aus dem Spanischen: Jens Kastner)
