Der streikende Körper

Wessen Lebenszusammenhänge werden gedacht, wenn Streik ausgesprochen wird? Aus welchen Perspektiven, Haltungen und aus wessen Realitäten heraus? Wenn es so ist, dass es immer auch streikende Körper aus widerstreitenden Positionen sind, ist der Weg zum Streikbrecher des eigenen (?) Streiks in Sicht. Trotz Streikbeschluss und Streikabsicht könnte jede Streikmaßnahme eine Reproduktion ihrer selbst werden, unabhängig von der Streikdauer und den Streikmitteln. Es könnte auch ein Streik gegen uns selbst sein, wie immer häufiger beteuert wird. Kausal hergestellte Zusammenhänge, als Momente aus diskursiven Pro- zessen herausgegriffen, verschieben Ordnungs- und Gestaltungs- mächte. Welcher Körper gehört jetzt der Belegschaft, welcher der Unternehmensführung und welcher der Gewerkschaft? Welcher mir selbst? Welcher dem Streik? Wie kann die Gestaltungsmacht über den eigenen Körper wieder erlangt werden. Ein vielleicht aussichtsloser Kampf, wenn nur auf einer Ebene sozialer Funkti- onszuschreibungen gehandelt wird. Das alte, zum Unwort gewor- dene, könnte neu belegt und gefüllt werden. Auch von den Aus- geschlossenen. Der Hungerstreik – ohne Streikantrag und Strei- kaufruf, ohne Streikrecht und Streikposten – als individualisierte Handlungsmöglichkeit, wird manchen oft als einzige Handlungs- kompetenz zugesprochen und zugleich abgesprochen. Mit Sonden und Infusionen. Mit Schlägen und Tod.

Wo bleibt die Solidarität – nicht die definitorisch vorbestimmte! – als notwendige Bedingung für eine Politik der Ausverhandlungen und Handlungen abseits strukturell vorgegebener Rahmen, abseits von Spaltungen in Körper und Arbeitende? Kann ein ver- unmöglichter Streik Solidaritäten bewirken, die nicht in Struktu- ren von Belegschaften oder Gewerkschaften enden, sondern diese sprengen und erweitern? Sich selbst und eigene Positionen und Haltungen benennen und kontextualisieren zu können, kann als Selbstverständlichkeit eines arbeitspolitischen Handelns ange- nommen werden. Wie weit kann die Kontrolle von Menschen und ihren Körpern durch die Bestimmung ihrer Umwelt, durch das Vorbestimmen ihrer Handlungen im Setzen von Rahmen, Ver- boten und Geboten, durch das Voraussagen ihrer Fähigkeit, ratio- nal zu sein oder nicht, gehen?

Es streiken Körper von MigrantInnen, Lesben und Schwarzen. Schwulen, Transgender und Studierenden. Von FeministInnen und MarxistInnen. Bisexuellen und AktivistInnen. Illegalisierten und Legalisierten. Es streiken Körper mit und ohne Privilegien und viele mit ein bisschen davon
Vlatka Frketic beschäftigt sich mit queer politics im Antirassismus und lebt in Wien.