Eine Verdichtung der politischen Geschichte findet sich in den Formen selbst eingeschrieben und spürt das auf, was man als Ideologie der Form bezeichnet. Bei Tilo Schulz ist die persönliche Komponente des Zusammenlebens mit diesen Ideologien [als in der DDR aufgewachsener Künstler, Anm. d. Red.] hinter formalen und ästhetischen Schichten verborgen, deren Bedeutungsproduktion sich dann durch eigene, der formalistischen Tradition entlehnte Vorgehensweisen generiert; eine Umkehrung der Methode, die damit beginnt, das Psychologische, das Biografische und andere subjektive Analysen zu umgehen, indem sie sie zunächst in Form, Technik oder Struktur aufnimmt, sie so aufzeichnet, um sie dann an das Leben als Gesamtes und die lebendige Erfahrung innerhalb des Kunstwerks selbst zu binden. Dies beinhaltet eine Vorstellung von Geschichte, ein Bewusstsein vom Wandel der sozialen Formen, der Geschichte der Medien und von den Formen der Wahrnehmung. Hinter seiner Arbeit verbirgt sich der soziale und politische Ausdruck dieser Formen und der verwendeten Mittel: Er nennt diesen Prozess „sozialen Formalismus“.
Tilo Schulz wählt Medien nicht nur als Vermittler, seine Wahl impliziert bereits eine Bewertung (beispielsweise der Malerei), enthält immer einen Grad an Selbstreflexion und Metakommentar, d.h. einen Kommentar zu den Existenzbedingungen der bearbeiteten Fragestellungen, welcher, in ein ästhetisches Vokabular überführt, eine Tendenz zum Design, zur Metadarstellung annimmt. Alles andere als beiläufig entwickelte der Künstler aus der Strategie des Designs heraus – als Vermittlungssystem von Konzepten, als Kommunikationsform – seine Rolle als „Kunst-Vermittler“. Aber woraus sich diese Praxis vielleicht am stärksten speist, sind die Beziehungen und Schnittmengen, die sich zwischen Kunstgeschichte und dekorativen Künsten, der Funktionsskizze und der Innenarchitektur ergeben. Die Frage des Stils erscheint so als ein Interpretationssystem und als ästhetisches Paradigma, als eine Variante des Geschmacks, die sich aber von der Mode unterscheidet.
In einer für Schulz typischen Pädagogik des Stils schwächen sich die Hierarchien und Differenzen zwischen den maskulinen und femininen Merkmalen ab, und die Vermischung verschiedener Genres/Geschlechter (géneros) – Popliteratur, Inneneinrichtung, Webereien, Mangacomics, formalistische Skulptur, Countrymusic und anderer – schafft so die Grundlage für das Erkennen von Mustern durch den/ die BetrachterIn. Tilo Schulz plädiert für eine Erneuerung der Wahrnehmung künstlerischer Arbeit und ihrer Umstände, die man in der einen oder anderen Version moderner Kunst und ihrer Ästhetik finden kann (und nicht nur im Formalismus) und die eines der ersten Anzeichen der Vorrangstellung des Neuen an sich ist. Konzepte wie Form, Display, Technik, Struktur, Kontext und Fläche verwandeln sich so in eine unerschöpfliche Quelle der Neuinterpretation.
Peio Aguirre ist Kunstkritiker und Kurator und lebt in Donostia – San Sebastián, Baskenland, Spanien.
Dieser Beitrag ist die Kurzfassung eines Textes, der im Katalog zur Ausstellung Stage Diver von Tilo Schulz in der SECESSION (19. September bis 9. November 2008) erscheint. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors, des Künstlers und der Secession. Aus dem Spanischen übersetzt von Jens Kastner und Max Hinderer.
