… und auf solidarische Beziehungen hinzuarbeiten.

Anders Handeln im Gespräch mit Raven Dérive und Kai Radic (W.E.G.) und Ruth Kaaserer

Alternative und Solidarische Ökonomie ist vielfältig und in aller Munde: Vom Staaten übergreifenden Mega-Projekt ALBA bis zum Kostnix-Laden von nebenan werden Projekte betrieben, Nischen gesucht und Gegenmodelle zum neoliberalen Kapitalismus diskutiert. Derweil zählt der Kunstmarkt zu den ungerechtesten Märkten überhaupt, hohe Gewinnspannen für wenige, prekäre Arbeits- und Lebensbedingungen für die meisten machen ihn aus. Dennoch oder gerade deshalb wird auch im künstlerischen Feld an alternativen Praktiken gearbeitet, die von den sozialen Bewegungen inspiriert sind und wieder in diese eingespeist werden. Der Bildpunkt zum Thema Anders Handeln widmet sich diesen Schnittmengen zwischen künstlerischer Produktion und Aktivismus und stellt die Bedingungen und Möglichkeiten für Handeln – Tun wie Wirtschaften – ebenso zur Debatte wie das prinzipiell „andere“ daran.

Bildpunkt: Ihr betreibt unter dem Namen Wertkritische Emanzipatorische Gegenbewegung den Verschenk-Laden Schenke. Das ist nicht als altruistisches Projekt gedacht, das Bedürftigen helfen, sondern als ein interventionistisches, das politischökonomische Alternativen anzeigen soll. Wie vermittelt sich die Politik beim Verschenken?

K.R.: Der Name der Initiative zeigt ja bereits zweierlei an: In der Schenke geht es um das Verschenken von Gegenständen, aber auch um Ausschank. Wir haben einen ziemlich großen Raum, in dem wir ein Café betreiben, in dem es Leseecken gibt und Kommunikation stattfinden kann. Es war uns ein großes Anliegen, dass nicht die Gegenstände im Mittelpunkt stehen, sondern das Gespräch. Wichtig ist uns aber auch, nicht jede Person, die den Laden betritt, dogmatisch-missonarisch mit unseren Ideen zu beladen. Es gibt auch gar keine einheitliche Linie, sondern durchaus recht unterschiedliche Ideen und Ansätze sowohl in der Schenke als auch bei W.E.G.

R.D.: Die Idee war ja immer auch, den Laden für ganz unterschiedliche Personengruppen zur Verfügung zu stellen. So wird die Schenke sowohl von einem studentischen Publikum als auch von den NachbarInnen oder Leuten aus anderen Bezirken genutzt. Auch, was das Alter und die Herkunftssprachen betrifft, sind die NutzerInnen mittlerweile sehr gemischt – nachdem das Publikum anfänglich eher studentisch war. Stammgäste aus dem Laden kommen im Laufe der Zeit ins Café, so dass die Vielfalt wirklich gegeben ist. Zur Eröffnung hatten wir in der ganzen Umgebung Flyer verteilt und bei allen BewohnerInnen des Hauses geläutet, die Leute waren dann neugierig und viele sind gekommen. Und im Gegensatz beispielsweise zu Infoläden ist die Hemmschwelle, einen Verschenkladen zu betreten, wesentlich niedriger.

K.R.: In Bezug auf das Orga-Team ist es uns allerdings noch nicht gelungen, die weiße, studentische Dominanz mit bildungsbürgerlichem Hintergrund aufzubrechen. Ausschlussmechanismen sind aber durchaus permanentes Thema.

Bildpunkt: In mehreren Großstädten gibt es seit einiger Zeit Gemeinschaftsgärten, in denen verschiedene Menschen zusammen kommen, Flächen nutzen, Gemüse anbauen. Ruth, Du hast Community Gardens in New York künstlerisch begleitet. Inwieweit handelt es sich dabei um Projekte, die sich quer zur Ökonomisierung des öffentlichen Raumes legen? Geht es in den Projekten mehr um soziale, nachbarschaftliche Beziehungen oder um so etwas wie Subsistenzwirtschaft?

R.K.: Die Geschichte der Community Gardens in New York hat ihren Ursprung in den frühen 1970er Jahren, als Stadtteile wie die Lower East Side, die Bronx, Harlem und Brooklyn von der innerstädtischen Krise von Armut und Arbeitslosigkeit in den USA gekennzeichnet waren. Als Reaktion darauf begannen Einzelpersonen, AktivistInnen- und KünstlerInnengruppen, sich ihre Stadtviertel wieder anzueignen, indem sie dort selbstorganisierte Gemeinschaftsgärten gründeten. Mittlerweile gibt es über die ganze Stadt verteilt mehr als 600 Community Gardens und ein großes Netzwerk von städtischen Organisationen und NGOs, die diese unterstützen. Sie sind von der enormen kulturellen Vielfalt ihrer BetreiberInnen geprägt. Die Kommunikation, der Gemüseanbau aber auch die therapeutische Wirkung der Arbeit in der Natur spielen überdies eine wichtige Rolle. Viele der Gärten, besonders in einkommensschwachen Gegenden, legen viel Wert darauf, Obst und Gemüse anzubauen und an die Gemeinschaft zu verteilen, z.B. in Form von erschwinglichen Farmers Markets. Außerdem lernen die Menschen in den Gärten voneinander. Sie tauschen sich aus und warten aufgeregt auf die erste Ernte. Es ist ein spannender Lernprozess, der hier stattfindet. Vor allem aber sind diese Gärten auch Orte, die Menschen, die wenig Platz zu Hause haben, einen erweiterten Lebensraum bieten.

Bildpunkt: Du hast eine Diainstallation mit dem Titel Community Garden gemacht, die mit Ton unterlegt wird. Warum hat sich dieses künstlerische Mittel für Dich angeboten?

R.K.: Der Ausgangspunkt für diese Arbeit war meine Faszination für Gärten. Über den Begriff der Gemeinschaft hinaus geht es mir um das Verhältnis von Mensch und Natur, um die Jahreszeiten und um deren Abfolge. Die Zweikanal-Diaprojektion ist mit einer Tonebene aus Originalgeräuschen der Gärten wie Vogelgezwitscher, Stimmen spielender Kinder, Geräuschen der Stadt sowie Interview auszügen mit GärtnerInnen unterlegt, die den Bildern leicht vorauseilt. Ähnlich wie bei einem Film spielt bei dieser Art der Präsentation die Bedeutung von Zeit eine wichtige Rolle. Durch das Klicken des Diaprojektors, das Angehalten-Werden der Bilder für Sekunden, sowie das Zusammenspiel von Bild und Ton können sich wiederum neue Räume eröffnen.

Bildpunkt: Das Kunstfeld ist geprägt von individueller Konkurrenz und einer krassen Ungleichheit hinsichtlich Bezahlung und Anerkennung, also durch alles andere als solidarische Austauschverhältnisse. Kann die inhaltliche und formale Beschäftigung mit „solidarischer Ökonomie“ auch in diesem Feld Effekte zeitigen?

K.R.: Ausgangspunkt für die Schenke wie auch für W.E.G. ist die Kritik an der Tauschidee. Dabei steht das verallgemeinerbare Tauschmittel Geld sicherlich im Mittelpunkt, aber wir kritisieren auch Tauschbörsen, weil die ebenfalls noch auf der Gegenseitigkeit von Geben und Nehmen beruhen. Wir hingegen wollen Geben und Nehmen entkoppeln, das ist der Hintergedanke der Umsonst- oder Schenkökonomie.

R.D.: Künstlerische Produktion beruht ja, wie auch die wissenschaftliche, sehr stark auf einer bürgerlichen Identität. Ein Überleben im Kunstfeld hängt, mehr noch als in anderen Feldern, wesentlich vom Vermarkten des eigenen Namens ab, sei es ein individueller oder ein kollektiver Name. Über diesen Mechanismus lässt sich schwer hinausdenken. Es müsste aber darum gehen, Konkurrenzverhältnisse auszuschalten und auf solidarische Beziehungen hinzuarbeiten.

K.R.: Bei den Ansätzen der solidarischen Ökonomie geht es ja immer auch darum, gemeinsam auszuhandeln, wer was braucht und in diesen Prozessen auch Machtverhältnisse auszuhebeln.

R.D.: Die Schenkökonomie-Initiativen stellen letztlich auch eine Linke in Frage, die ihre Politik allein auf die „Freizeit“ beschränkt und in der die ökonomischen Grundlagen des eigenen Tuns unklar bleiben oder nicht thematisiert werden. Der Anspruch, in unserer Praxis mitzudenken, wie und wovon wir leben, lässt sich durchaus auf das künstlerische Feld übertragen.

Bildpunkt: Es geht also um Interventionen in Konkurrenzverhältnisse?

R.K.: Nicht zuletzt angesichts der Krise scheint ja auch in Europa ein Bedürfnis nach Kooperation und Selbstorganisation zu wachsen. Im Kunstbereich ist das Thema Community/Gemeinschaft gerade sehr aktuell. Das ist erfreulich und doch auch ambivalent, da Machtverhältnisse dadurch nicht unbedingt entkräftet werden. Machtverhältnisse gibt es überall, die sind im Kunstbereich genauso vorhanden wie in einem Gemeinschaftsgarten. Auch hier gibt es Konflikte, die letztlich bei der Definition von Unkraut beginnen.

Bildpunkt: Alternative Projekte, die ihr betreibt bzw. bearbeitet, sollen ja im besten Fall so etwas sein wie ein „sozialistisches Beginnen“, wie der Anarchist Gustav Landauer es verstanden hat: mit dem Aufbau einer „anderen“ Gesellschaft nicht bis „nach der Revolution“ zu warten, sondern im Hier und Jetzt damit anzufangen. Worin bestehen die größten Hürden: In der Integrierbarkeit durch den heutigen Kapitalismus, der von möglichst großer Differenz lebt, was viele der Alternativbetriebe der 1970er und 80er Jahre erfahren mussten? In der Ignoranz der Dominanzgesellschaft, die sich um solche Alternativen nicht schert? Oder in den selbst produzierten Ausschlüssen, die es einem nicht-akademischen, älteren, vielleicht auch migrantischen Publikum möglicherweise schwer macht, so einen Kostnix-Laden überhaupt zu betreten?

R.K.: Es besteht prinzipiell ein Unterschied zwischen dem Beobachten von solchen Projekten, wie ich es mache, und ihrem Betreiben. Für mich sind vielleicht gerade diejenigen Konflikte besonders interessant, für die ihr Lösungswege sucht. Aus der künstlerischen Analyse solcher Reibungen lässt sich einerseits lernen und es entstehen andererseits möglicherweise selbst neue, poetische Formen der Produktion.

R.D.: Es ist bezogen auf die Schenke sicherlich nicht einfach, aus dieser Haltung von Konsum und Dienstleistung herauszukommen. Innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft sind wir es eben einerseits gewohnt davon auszugehen, das andere die Hosen wieder ordentlich stapeln, die wir aus dem Regal ziehen und andererseits in Geldwerten und nicht an Bedürfnissen orientiert zu denken.

K.R.: Ein weiterer Widerspruch ergibt sich sicherlich daraus, dass wir einerseits Geben und Nehmen entkoppeln wollen, andererseits aber auch Miete, Strom und Wasser zu bezahlen haben. Darüber hinaus sind wir natürlich auch selbst dazu gezwungen, unseren Lebensunterhalt zu verdienen.

R.D.: Damit arbeiten wir natürlich eigentlich an zwei Strukturen, wobei die selbstverwaltete eben relativ wenig materiellen Output bereitstellt. Das wiederum hängt damit zusammen, dass in der Schenke eben keine Produktion stattfindet, sondern nur der Überschuss anders verteilt wird.

K.R.: Das Funktionieren eines solchen alternativen Projektes hängt nicht zuletzt auch davon ab, inwiefern es gelingt, an andere Bereiche alternativer Organisierung und an die Praktiken sozialer Bewegungen anzuknüpfen. Das ist bei der gegenwärtigen Durchökonomisierung aller Lebensbereiche zwar nicht gerade einfach, aber beispielsweise im Bildungsbereich hat es immer wieder anarchistische, selbstorganisierte Initiativen gegeben, in denen anderes Denken produziert wird.

R.D.: Die Idee ist schon, auch weitere Produktionsbereiche abseits von Geld- und Tauschwirtschaft zu realisieren.


Ruth Kaaserer ist Künstlerin und lebt in Wien.

Raven Dérive und Kai Radic sind Mitglieder der Wertkritischen Emanzipatorischen Gegenbewegung (W.E.G.) und betreiben mit anderen den Umsonstladen Schenke.

Das Gespräch wurde am 31. 3. 2011 in Wien von Nora Sternfeld und Jens Kastner geführt und in Absprache mit den Teilnehmerinnen gekürzt und überarbeitet.