Immerhin ein paar schöne Alben

Glosse

„Die höchste Kunst wird diejenige sein, die in ihren Bewusstseinsinhalten die tausendfachen Probleme der Zeit präsentiert“, hat Richard Huelsenbeck 1918 im Manifest Der Dadaismus im Leben und in der Kunst formuliert. Die Grenze zwischen Kunstwerk und außerkünstlerischer Realität, zwischen Kunst und Leben, künstlerischem und politischem Ausdruck sollte aufgehoben werden. Ein Echo dieser Forderung findet sich in der als Hamburger Schule bekannt gewordenen Szene der frühen Neunziger. Künstlerisch suchte sie nach neuen Wegen, war ästhetisch und inhaltlich herausfordernd, hatte aber vor allem den Anspruch, auf die gesellschaftliche Realität der Post-Wiedervereinigungszeit, den Rassismus und die Pogromstimmung im Land, mit Kunst zu reagieren und gleichzeitig den politischen Aktivismus als Teil der eigenen künstlerischen Artikulation zu verstehen, kurz: die Grenze zwischen Kunst und Leben einzureißen.

„Mischt euch ein! Geht zu den Flüchtlingen in die Lager. Solidarisiert euch. Brecht die Isolierung. Gegen die herrschende Ordnung der Welt. Bleiberecht für alle“, appelliert etwa die Maxi 80.000.000 Millionen Hooligans der Goldenen Zitronen von 1993 im Beiheft. Die Veröffentlichung bringt Theorie und Praxis, politische Agitation und Musik zusammen und ist Ergebnis eines politischen Zusammenschlusses, der sich Ende 1992 als Reaktion auf die rassistische Stimmung im Land in Hamburg gefunden hatte. Im Dezember 1992 fand im Mekka auf St. Pauli die erste öffentliche Veranstaltung des Hamburger Wohlfahrtsausschusses statt, bei der unter anderem Diedrich Diederichsen, Andreas Fanizadeh und Günther Jacob über die rechte Bedrohung diskutierten und über die Möglichkeiten, dieser eine konkrete politische Praxis entgegenzusetzen. Teil dieser Praxis war es, mit Theorie und Musik im Gepäck in Richtung Osten aufzubrechen: „Ein halbes Jahr später setzte sich ein Tross von etwa 250 Musikern, Intellektuellen und Antifas in Bewegung. Von den alten in die neuen Bundesländer ging es, um in Zusammenarbeit mit örtlichen linken Gruppen in Rostock, Dresden und Leipzig die Rechten herauszufordern und ihnen öffentlich den Raum streitig zu machen“, fasst Fanizadeh zusammen. Am Start waren unter anderen Die Sterne, Blumfeld, Absolute Beginner und Die Goldenen Zitronen, als Referent:innen Isabelle Graw, Jutta Koether und Fanizadeh. Aber: Im Osten interessierte sich niemand für die Bildungsreise, weder Rechte noch Linke: „Die Aktion war in jeder Hinsicht gut vorbereitet. An Schlagkraft hätte der Zug auch eine glatzköpfige Hundertschaft nicht zu fürchten gehabt. Zu erwartende Repressalien der Polizei wären ein gefundenes Fressen für die mitreisenden JournalistInnen gewesen. Aber, kein Nazi ließ sich blicken, kein Staatsschützer versperrte den Weg. Provinzpolitiker und Lokaljournalisten waren wie vom Erdboden verschluckt“, so Fanizadeh. „Theoriediskussionen in Zentren östlicher Subkultur? Die linke Szene hatte, mit Ausnahme in Leipzig, kein Interesse.“ Dada war zwar daran gescheitert, die Revolution herbeizuführen, hat aber zumindest die Kunst revolutioniert. Und die Hamburger Schule hat zwar die rechte Gefahr nicht bannen können, aber mit ihrer Musik die Charts erobert und immerhin ein paar schöne Alben hinterlassen.


Jonas Engelmann ist Autor und Verleger (www.ventil-verlag.de), arbeitet in der politischen Erwachsenenbildung und lebt in Wiesbaden.