Drei künstlerische Positionen: what a feeling!?

Drei künstlerische Positionen begleiten jede Ausgabe des Bildpunkt und sind als eigenständige Kommentare und Reflexionen zum jeweiligen Thema des Heftes zu verstehen.

Eine Fotografie am Set von The Alphabet of Feeling Bad, einem Film von Karin Michalski, ist in dieser Ausgabe auf dem Poster zu sehen. Der Film zeigt ein experimentelles Interview mit der Theoretikerin und Aktivistin Ann Cvetkovich. Die auf Gesprächen mit der Filmemacherin beruhende Performance erläutert von A bis Z Begriffe wie Depression und alltägliche negative Gefühle wie die Vorstellung, in einer Sackgasse zu stecken, nicht zu genügen und nicht weiter zu kommen und versieht sie mit neuen Bedeutungen. In der Tradition von Initiativen wie dem Sozialistischen Patienten Kollektiv (SPK) der 1970er Jahre werden negative Gefühle nicht als individuelles Scheitern oder Krankheit verstanden. Eher soll die Frage gestellt werden, ob sich diese Gefühle auch als „öffentliche“ begreifen und politisieren lassen. The Alphabet of Feeling Bad versucht so, Instrumente zu liefern, um gemeinsam Gefühle und ihre Bedeutungen neu zu verhandeln und sie in eine queer-feministische Praxis einzubinden. Dabei bezieht sich der Film auf Arbeiten u.a. von Lauren Berlant, Heather Love, Sara Ahmed und Ann Cvetkovich.

Auf der Rückseite ist die Arbeit Nudo gordiano, es más fácil cortarlo que desatarlo von Sandra Monterroso zu sehen, die Teil eines größeren installativen Werkes mit dem Titel Efectos Cruzados ist. Zu sehen ist ein Fadenknäuel und eine Machete, in die der Titel der Arbeit eingraviert ist. Hier wie in anderen Elementen des Werkes bezieht sich Monterroso auf die Metapher des Gordischen Knotens: Es ist einfacher, ihn zu zerschneiden als ihn aufzulösen. Die Fäden fungieren als Metapher für soziale Beziehungen und sind zugleich ein Basismaterial menschlicher Produktion, der Textilarbeit, die noch immer größtenteils von Frauen_ verrichtet wird. Knoten, die von diesen Fäden geknüpft werden, sieht Monterroso als Punkte des Widerstands. In ihren Arbeiten untersucht sie Wechselbeziehungen zwischen Sozialem, Intimen, Politischem, zwischen Gegenwart und kulturellem Erbe. Dabei setzt sie sich ebenso mit Identitätskonstruktionen und Materialien des „Weiblichen“ wie des „Guatemaltekischen“ auseinander.

Arbeiten des Fotografen Muhammed Mustafa Syed, eines der Aktivisten des Refugee Protest Camps Vienna, sind in der Bildstrecke zu sehen. Syed hat sich während der Proteste der Repräsentation und Dokumentation der Flüchtlinge und ihres Alltags gewidmet. Dabei vollziehen diese Fotografien, ebenso wie die vielen weiteren Formen selbstorganisierter und selbstbestimmter Repräsentationen der Aktivisten_, eine Wendung vom Objekt zum Subjekt ihrer öffentlichen Darstellung. Syeds Porträtfotografien zeigen die Aktivisten_ vor dem Hintergrund der Votivkirche, den der Fotograf jedoch per Collage nachträglich eingefügt und so die Abgelichteten inszeniert hat. Damit wendet er eine klassische Studio-Technik an, bricht mit dem scheinbar dokumentarischen Charakter der Fotografien und setzt die Flüchtlinge an und mit dem Ort, in dem sie Schutz suchten, repräsentativ in Szene. Nicht nur ihre Porträtierung, auch der Ort, an dem sie Obdach suchten, erfährt so eine Aneignung. Die Bilder stellen im Rahmen der soziopolitischen Bedingungen, in denen wir leben, einen Appell an die Solidarität, Unterstützung und Empathie (österreichischer) Bürger_innen dar. Zugleich sind sie Zeugnisse widerständiger Selbstbehauptung von Menschen, die hier und heute als „Andere“ konstruiert und entrechtet werden.