Jens: Wir produzieren diese Ausgabe unter Bedingungen des Ausnahmezustands, der durch die Corona-Krise ausgelöst wurde, und machen ihn zum Schwerpunktthema. Ausnahmsweise führen wir das Gespräch dieses Mal redaktionsintern. In der Planung zu dieser Nummer – selbstverständlich per Zoom-Konferenz – haben wir viel über die Ambivalenzen dieses Ausnahmezustands gesprochen: Unterschiedliche Zeitlichkeiten beispielsweise, die partielle Verlangsamung des Alltags geht mit einer gesteigerten Geschwindigkeit der Nachrichtenlage einher (Texte von vor einer Woche wurden als „alt“ bezeichnet). In Bezug auf den Staat geht der Ausbau der Sicherheitsapparates mit der Neuaufnahme von immensen Schulden einher, das war vor Wochen noch unvorstellbar. Und nicht zuletzt in Bezug auf das kulturelle Feld: Seit dreißig Jahren sind wir hier Expert*innen der Prekarität, plötzlich ist angesichts der allgemeinen Unsicherheit normal, was zuvor (nicht nur, aber vor allem) für bestimmte Milieus galt. Wird Ambivalenz das Zeichen des Ausnahmezustands?
Sophie: Jedenfalls passiert auch eine merkwürdige Einebnung geographischer Distanz, die Isolation produziert zugleich eine Nähe. War bisher nur ich die Zugeschaltete in der Redaktion, begegnen wir uns nun alle im gleichen medial vermittelten Format. Auf der Oberfläche des Bildschirms scheint es irrelevant, aus welchem Winkel, welchem Zuhause gesprochen wird. Zumindest dann, wenn gesprochen werden kann. Hier in Kapstadt bedeutet bspw. die zwangsweise Räumung von Unterkünften am Campus für viele Studierende zugleich den Verlust des Zugangs zu Wifi. Der zwangsweise Rückzug ins Private spitzt auch eine milieubedingte Abschottung zu. Die im öffentlichen Raum teils illusorisch, teils tatsächlich stattfindende Zusammenkunft oder zumindest ein Aufeinandertreffen mit Personen außerhalb der eigenen Blase lässt die eigene soziale Eingeschränktheit noch krasser hervortreten.
Jens: Die Einschränkung von Öffentlichkeit und die Zurückdrängung ins Private hat geschlechterpolitische Auswirkungen, die längst überwunden geglaubte Arbeitsteilungen und Rollenmuster stabilisiert. Für den Kulturbereich ist diese Art Ausnahmezustand ein furchtbarer Einschnitt, dessen Effekte noch gar nicht absehbar sind. Wie sind eure konkreten Erfahrungen in dieser Hinsicht? Von der Nutzung von Online-Formaten in der Lehre über die Kinderbetreuung bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit.
Eva: Dass sich home office und home schooling nicht wirklich vertragen, haben wir alle schnell gespürt. Ich unterrichte einige Stunden an der Graphischen und kommuniziere mit meinen Schüler*innen seit mehr als einem Monat virtuell. Gleichzeitig habe ich meine Tochter den ganzen Tag live und analog bei mir zu Hause. In meinem Fall übernimmt Carlos, der Vater, die Betreuung zu gleichen Teilen. Ich denke aber, das ist die Ausnahme und ich befürchte, dass in den meisten Fällen die Frauen automatisch die Verantwortung für Unterricht, Versorgung und Betreuung übernehmen, auch wenn sie nebenbei noch arbeiten. Und ich denke, das gilt auch im Kulturbereich!
Jannik: Wer Care-Arbeit leistet, besonders wer alleinerziehend ist, hat kaum die Möglichkeit zur Bewerbung auf eines der Arbeitsstipendien, die in mehreren Bundesländern aufgrund der Krise ausgeschrieben wurden: Wie in dieser Situation ein neues Projekt erarbeiten, ausführen und dokumentieren?
Carlos: In der Vorbereitung meines Lehrauftrages an der Universität für angewandte Kunst zur künstlerischen Begleitung der interuniversitären Ringvorlesung Lectures for Future erstreckten sich meine Gedanken von der möglichen Verantwortung der „Menschheit“ auf die Pandemie (im elektronischen Austausch mit befreundeten Umweltaktivist*innen in Guatemala) bis hin zu Überlegungen eines „slowdowns“, also weniger zu tun im globalen Norden, in der Produktion sowie im Konsum, auf der Universität so wie in dem von Konkurrenz und Aufstreben bestimmten Schulsystem. Und ich versuchte, mit unserer Tochter (10 Jahre alt!) und meinen Studierenden über das Recht auf Faulheit (Paul Lafargue, 1880) nachzudenken. Dies steht im Widerspruch zum Wunsch der Regierung, „Das System wieder hochzufahren“ mit autoritären Elementen.
Paula: Die Möglichkeit zur Faulheit ist ja leider eng mit der Kategorie Klasse verknüpft – und gilt im Fall von Corona außerdem definitiv nicht für Eltern mit Kleinkindern. Wir haben ein Baby und ein Kindergartenkind und für uns hieß der Shutdown nicht nur sechs weitere Stunden im Leben des Größeren zu füllen, sondern er führte zum Wegfall von ganz, ganz vielem, von Struktur und Klarheit und Freunden und spielerischen Bereicherungen, die wir nicht so einfach, mir nichts dir nichts zwischen zwei zu schreibenden Artikeln und einer zu wechselnden Windel kompensieren konnten. Das heißt, ich habe einfach meine Arbeiten abgesagt, trotz Selbstständigkeit, zum ersten Mal – zwar ist der Papa grade in Karenz, das war aber nicht anders zu bewerkstelligen. Und ich musste mich wahnsinnig drüber ärgern, wie mit Kindern und Eltern verfahren wurde; selbst von Seiten des Kindergartens gab es – auf meine Anfrage nach einer Öffnung – Vorschläge, wie wir unseren Alltag doch besser organisieren sollten, damit ich doch arbeiten kann: Wo man doch wissen müsste, wie anspruchsvoll Care-Arbeit ist; dass man nicht gleichzeitig zwei Jobs, also Kinderbetreuung und Lohnarbeit machen kann. Was natürlich vor allem für die Politik gilt, die ganz bewusst keine Lösung gesucht hat, alles ins Private abgewälzt hat – aber ich brauch euch da eh nichts zu erzählen …
Jens: Ich erlebe das auch als eine starke Teilung – neben anderen – zwischen denjenigen mit Kindern, die zu allem anderen jetzt auch noch Lehrer*innen spielen und die zusätzlichen, familiären Konflikte abfedern müssen und denjenigen, die keine Kinder und dadurch wirklich mehr Zeit zum Spanischlernen, Fahrradflicken oder anderen Entdeckungen haben, von denen im Feuilleton dann die Rede ist. Es scheint sich eine unheimliche Mischung der Privatisierung von Problemen einerseits, die Du, Paula, ja ansprichst und die sich vor allem im Kulturbereich abspielt, und einer Verstaatlichung auf der anderen Seite zu entwickeln, die vor allem sicherheitspolitische Agenden betrifft. Da steht einiges an sozialen Kämpfen an in den nächsten Wochen und Monaten. Wo seht ihr die zentralen Kampfplätze?
Sophie: So blöd das klingt, mir scheint mittlerweile, es werden die gleichen Probleme sein wie vorher, nur krasser. Das betrifft die angesprochenen Kinderbetreuungsprobleme und die Last der Reproduktionsarbeit, die prekär Beschäftigten, allgemein all jene mit weniger und keinem Kapital, die rassialisierte Verteilung von Menschen in Berufen, die einem besonders hohen Risiko der Ansteckung ausgesetzt sind, das ungleich höhere Risiko für Immunschwache und chronisch Kranke. Für die USA und das UK gibt es ja schon die entsprechenden Berichte, die belegen, dass Schwarze Personen ungleich öfter am Virus gestorben sind. Vor Kurzem habe ich einen Artikel gesehen, in dem es hieß, Frauen würden seit Covid weitaus weniger wissenschaftliche Artikel bei Journalen einreichen, während die Einreichungen von Männern um 50% gestiegen seien. Behinderte Menschen haben sich wieder einmal erst als besonders schwer betroffene Risikogruppe einklagen müssen. Etc. Während es mir am Anfang noch so schien, als ob dieser Virus die Finger so gekonnt in all die vom Kapitalismus zugespitzten Wunden legen würde, dass wir wirklich nicht weitermachen können würden wie bisher, glaube ich inzwischen das Gegenteil. Ich erwarte schlicht eine weitere gegenderte, rassialisierte und ablistische Polarisierung der Gesellschaft.
Carlos: In meiner Lektüre (als Teil meines Home-Unterrichts) von The great Transformation (Karl Polanyi, 1944) spiegelt sich die aktuelle Krise im Ruf nach mehr Staat wider. Also es liegt an uns, dass wir – nach der Krise – eine radikaldemokratische Variante dieses erstarkten Staates formen. Denn wenn wir das nicht fordern und erkämpfen, wird ein autoritärer Neoliberalismus kommen. Und das war in den 1930er Jahren der Faschismus. Wenn wir nicht historisch denken, können sich dieselben Fehler wiederholen. Also mit Polanyi will ich mir eine neue post(neo)liberale Gesellschaft vorstellen, in der Arbeit und Natur keine Waren mehr sind.
Eva: Ja, wir sind der Staat! Aber wie verschaffen wir uns Gehör? Nachdem Demonstrationen mehr oder weniger abgesagt sind, und sich auch die Frage stellt, wie wirksam diese (momentan) sind, frage ich mich, mit welchen Mitteln wir kämpfen sollen? Reichen Facebook und Co? Geht so etwas im virtuellen Raum? Vielleicht ja? Vielleicht müssen wir diese Medien kämpferischer nützen? Wie geht das, sich im Netz zu solidarisieren, ohne dabei immer wieder darauf reinzufallen, sich selbst bestmöglich zu präsentieren? Und gibt es überhaupt so etwas wie öffentlichen Raum im Netz?
Jannik: Die Privatisierung von Problemen findet auf ganz vielen Ebenen statt, oft weitgehend abseits großer Medienöffentlichkeit. Anliegen von inter* und trans* Aktivist_innen wurden schon vor der Krise immer wieder als „Luxusprobleme“ diffamiert. Politische Forderungen nach Zugang zu Personaldokumenten, die der Identität entsprechen, ohne medizinisches Gate-Keeping und Pathologisierung, oder nach einer nicht-binären geschlechtergerechten Sprache finden zurzeit noch weniger Gehör. Gleichzeitig erfahren trans*, inter* und nicht-binäre Personen aktuell in vielen Ländern massive Einschränkungen ihrer Rechte. So hat Ungarn gerade ein Gesetz verabschiedet, das eine Änderung des bei der Geburt eingetragenen Geschlechts unmöglich macht. In Österreich erklärte zwar im Februar ein Landesverwaltungsgericht den restriktiven Erlass von Ex-Innenminister Kickl zum dritten Geschlechtseintrag für nicht bindend. Innenminister Nehammer will den Erlass dennoch beibehalten, der intergeschlechtlichen Menschen keine Selbstbestimmung einräumt, sondern sie erneut medizinischer Diagnostik unterwirft. Er schließt viele vom Zugang zur Dokumentenänderung aus – oder zwingt sie, diese jeweils individuell, beziehungsweise individualisiert, einzuklagen. Wie kann es gelingen, politische Anliegen nicht gegeneinander auszuspielen, sondern eben sich zu solidarisieren? Die Frage stellt sich aber auch nicht erst, seitdem es um alternative Aktionsformen angesichts von Versammlungsbeschränkungen geht.
Paula: Und ein massives Problem, das wir jetzt noch nicht angesprochen haben, ist natürlich die drohende Marginalisierung der Klimakrise. Angesichts der massiv krachenden Wirtschaft wird das Argument der Finanzierbarkeit wohl in den nächsten Monaten und Jahren immer wieder vorgeschoben werden, wenn es um Klimapolitik geht – und höchstwahrscheinlich nicht nur da. Aber, um es noch einmal positiv zu wenden, natürlich bietet die Krise auch die Chance, Fragen der Verteilungsgerechtigkeit anders in den Mittelpunkt zu rücken, jetzt, wo die Wunden des Systems offener daliegen als sonst. Das ist aktuell in den Massenmedien schon stärker zu beobachten als sonst.
Carlos: Das neoliberale System siegte vor ca. 30 Jahren mit der Prämisse der Freiheit, die die Diversität inkludiert. Und jetzt braucht es sie nicht mehr, das schildert Jannik sehr gut. Es gibt Linke, die im Diversitätsdiskurs den Schuldigen dafür suchen, dass es bisher keine Alternativen (im globalen Norden) zur neoliberalen Marktwirtschaft gab. In der Krise zeigt sich, dass das System die Freiheiten nicht mehr braucht, sondern den Staat (aus)nutzt, um nur die Freiheit des Marktes zu bewahren. Und diese steht im Widerspruch zur Bewältigung der Klimakrise. Morde an UmweltaktivistInnen sind in Lateinamerika an der Tagesordnung und die Leute kämpfen trotzdem weiter, und das auch im Sinne ihrer „kulturellen“ Identität. Aber wie Paula sagt, es kriselt und das bringt das System ins Wackeln. Und da gibt es Potenziale für eine gerechtere und nachhaltigere Welt.
Das Gespräch fand im April und Mai 2020 statt und wurde per E-Mail geführt.
