Eine Polizeistation. Im Minutentakt kommen Polizisten um die Ecke, auf den paar Metern vom Funkwagen zum Eingang der Wachstube. Sie gehen diese Schritte seit Jahren, wie im Schlaf, tour retour. Dass sich an dieser Ecke etwas verändert hätte, ist keinem von Ihnen aufgefallen. Schließlich haben sie, wie die Mehrheit der Wienerinnen und Wiener, den Anblick einer „N**** raus“-Beschmierung an einer Hauswand bereits in das gängige Repertoire alltäglicher visueller Eindrücke aufgenommen, die vom Gehirn in der Wahrnehmungsarbeit als redundant ausgeschieden wird. „N**** raus“-Beschmierungen sind so unsichtbar wie Schilder mit Straßennamen oder Autonummern, Hakenkreuze wie Zigarettenautomaten oder Mülleimer. Vielleicht könnte mal jemand diese Art des Verdrängungs-Wahrnehmens unter dem Stichwort „Wien-Blick“ für Wikipedia zusammenfassen.
„Schon wieder?“ sagt der Beamte, als Philipp Sonderegger, Sprecher von SOS-Mitmensch und Mitinitiator der Kampagne Rassismus streichen die Beschmierung als Verhetzung anzeigen möchte, „hat schon wieder wer was hingeschmiert?“. Beim Lokalaugenschein vor der Türe erkennt der Beamte die Beschmierung wieder. Ist eh die alte. Glasklar wie unsichtbar. Warum sie noch da wäre, könne er nicht sagen, sie hätten das eh schon weitergegeben. Weiter wohin bleibt unklar, entfernt wurde die Beschmierung jedenfalls nicht. Dafür schaffte sie es auf YouTube, seit 13. April 2007 führt sie sich dort allen vor Augen, die nach den Begriffen „Rassistische Beschmierung“ suchen. Wien muss man gar nicht extra angeben, versteht sich scheints von selbst.
Drei Wochen später kommen wir für Dreharbeiten zum Thema rassistischer Beschmierungen zum Deutschmeisterplatz. Wir filmen die Beschmierung (strahlt in alter Frische), machen Fotos, und dann betritt unser Protagonist die Polizeistation, um eine Anzeige wegen Verhetzung zu machen. „Wo steht da was, das muss ganz neu sein, das höre ich zum ersten Mal“, so die Reaktion des Beamten. Auch er kommt mit vor die Türe. Er sehe das zum ersten Mal. Mehr als einen Monat schon? Unmöglich, niemals. Von einer Anzeige wisse er nichts, aber sie werden das jetzt erledigen. Ja, sofort. Auf „ihre“ Weise. Lieber ohne Kamera. Wir machen noch ein paar Aufnahmen, und ziehen ein Eck weiter. Es geschieht das Unerwartete: Zwei Beamte kommen mit Kübel, Schwamm und Putzmittel angerückt und waschen die „N*** raus“-Hetze von der Wand. Drei Minuten Arbeit nach wochenlanger Hetze im öffentlichen Raum. Eine Beschmierung unter Tausenden anderen, die nicht zufällig auf einer Polizeistation zu lesen stehen. Zwei Beamte, die eine „private“ Lösung liefern, weil es keine funktionierende öffentliche Praxis gibt.
Wenn sich Wien kein Problembewusstsein samt troubleshooterQualitäten zu dieser Frage aneignet, wird es bleiben, was es ist: die Welthauptstadt des Hauswandrassismus.
Markus Wailand ist Mitgründer des Dokumentarfilmkollektivs pooldoks und lebt in Wien.
