„We make art not money!“

Der Wert von „Kunst“ steigt – zumindest als symbolisches Kapital für die Bereiche Lifestyle, Mode, Tourismus bis hin zur Stadtentwicklung. KünstlerInnen interagieren mit Communities jenseits klassischen „Kunstpublikums“ – nicht zuletzt dank neuer digitaler Möglichkeiten und öffentlicher Räume. Mit der steigenden Aufmerksamkeit für aktuelle Kunst-Praktiken geht jedoch kaum Einkommenszuwachs einher, da eine einträgliche Perspektive für professionelle Kunst-Arbeit zwischen gelegentlichem Verkauf von Kunstwerken, schwindenden Ausstellungshonoraren, stagnierenden Förderungen und zeitraubenden Nebenjobs nicht und nicht sichtbar werden will. Weiterhin bestimmt der Verkauf über den Kunstmarkt wesentlich mit, was als relevante Kunst be-handel-t wird, während die aktuelle Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Gegenwart konzeptuelle, oft immaterielle Kunstprozesse hervorbringt, die keinen Anschluss ans Kunstmarkt-Geschehen anstreben, sondern vielmehr dessen Mechanismen in Frage stellen. Kritische Auseinandersetzung mit Prinzipien allgegenwärtiger Verwertungslogiken ist dem „Marktwert“ in unserer „Wissensgesellschaft“ leider nicht zuträglich; auch wenn Forderungen nach Authentizität und Emanzipation als „Künstlerkritik“ längst Mainstream des kreativen Vereinzelungsunternehmertums im „Netzwerk-Kapitalismus“ geworden sind (vgl. Boltanski/Chiapello 2003). Durch kontinuierliche Re-Organisation ihrer Wissensarbeit müssen KünstlerInnen (und nicht nur sie) immer wieder aufs neue „Invention und Konstruktion von Welt“ als „kommu nikatives Handeln“ leisten (vgl. Neundlinger/Lorey 2012). Ist analog ein Kunstmarkt möglich, der die eigenen Prämissen ständig neu in Frage stellt und aktualisiert, trotzdem Qualitätsparameter erkennbar und diskutierbar macht und diese sowohl an Publikum zu vermitteln als auch in Folge zur (Mit)Finanzierung von Kunst zu motivieren weiß? Hier setzt die von mir organisierte mART-Projektreihe an: über den ungewöhnlichen Verkauf von Kunstwerken wird zum aktiven Spiel mit Verwertungsbedingungen aufgefordert – und mit zeitlich begrenzten „experimentellen Marktsituationen“ den KünstlerInnen realer Umsatz beschert.

ARTmART, METAmART, MULTImART !

Bereits mit dem Projekt KUNSTMESSung (2006, Christine König Galerie) hatte ich die Kriterien von Kunst-KäuferInnen erforscht – um diese abschließend wiederum einem Geschmacks-Voting zu unterziehen. Fazit: Kunstwerke werden gekauft, „weil sie gefallen“. Das Problem: Progressive, kunst-immanente Fragestellungen spielen beim „Gefallen“ im breiteren Publikum vorerst nur eine untergeordnete Rolle. Diesen Widerspruch forderten die ARtmART-Verkaufausstellungen heraus. Es galt für mittlerweile mehr als 600 ausgewählte KünstlerInnen Kunstwerke für den vorgeschriebenen Einheitspreis von 70 ¤ (später: je 80 ¤) zu entwickeln und im Zuge einer jeweils einwöchigen „Ausstellung mit experimentellem Marktcharakter“im Künstlerhaus Wien einem breiten Publikum zum Verkauf zu bieten (2007–2010 gemeinsam mit Christian Rupp und Cheapart Athen). Tatsächlich erwiesen sich die Einsteigerpreise als günstiges Kommunikationsvehikel für die jeweilige künstlerische Praxis, um quer durch alle KäuferInnenSchichten niederschwellig Beziehungen zu neuen SammlerInnen herzustellen. Zwar macht die direkte Vergleichsmöglichkeit bei ARTmART die jeweils spezifische Herangehensweisen jedes/r KünstlerIn als immaterielle „Handschrift“ über das Werk hinaus sichtbar, mit zunehmender Etablierung des ARTmART-Formats als „Einstiegsmesse“ wurde auch der Einfluss der Kleinstpreise auf die gebotenen Werke sichtbar. Während hohe Preise Gefahr laufen, den Besitz von (oft auch: die Auseinandersetzung mit) zeitgenössischer Kunst auf gesellschaftliche Eliten zu beschränken und deren Diskurs mitunter die Frage nach gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit vermissen lässt, wurden bei ARTmART vermehrt Kunstwerke mit hohem Umsatz belohnt (und in Folge auch produziert), die ihre konzeptuellen, gar kritischen Interessen dem breiten Publikumsgeschmack vorzuenthalten wussten. In Folge machte 2011 das Projekt METAmART. Kunst & Kapitalden Einfluss ökonomischer Aspekte auf KünstlerInnen und deren Werkproduktion aktiv zum Thema. Über die kritische Auseinandersetzung mit Netzwerken im Kunstfeld, Reputationsmanagement und Inszenierungsstrategien, Nebenjobs und Versprechungen unbezahlter Kunstarbeit wie neuer Öffentlichkeiten für Kunst hinterfragte METAmART – Der Ausstellungsparcours Bedingungen und Formen der (Selbst)inszenierung als Künstler-Subjekt im kognitiven Kapitalismus. Ergänzend erforderte die parallele METAmARTVerkaufsmesse von den KünstlerInnen spezifische Kunstwerke für gleich zwei „Marktmodelle“ zu entwickeln: In sechzehn Parallel-Verkaufsmessen reflektierten die KünstlerInnen mit ihren Angeboten Kunstwert-Aspekte wie Autorenschaft (anonym oder gar als ausgewiesene/r „AmateurIn“), Werkcharakter (von Fixgrößen über Multiples bis zu Dienstleistungsangeboten), Fixpreise (von 100 bis 100 000 Euro oder im „Austausch“ ganz ohne Bezahlung) bis zur Frage nach Preishorizonten des Publikums bei der „Silent Auction“. Zugleich diente METAmART als sozialer Treffpunkt zum Erfahrungsaustausch über etablierte Alternativmessen (Free Art Fair London, Anonyme Zeichner in Berlin) und die aufkeimende Debatte über Fluch und Segen digitaler Verbreitungsmöglichkeiten. 2012 wird ein Editionsmodell erprobt. Bei MULTImART stehen im Internet, während der Viennafair-Kunstmesse und im öffentlichen Raum Gumpendorfer Straße eigens entwickelte Multiples zum Verkauf, deren Auflage – und Stückpreis! – erst durch die Anzahl der KäuferInnen festgelegt wird: Je mehr KäuferInnen, desto günstigerwird jedes Exemplar einer Werkserie. MULTImART experimentiert mit Kunstverkauf zu variablen Preisen in Räumen mit unterschiedlicher Kunstaffinität, begegnet mit einem differenzierten Preismodell der Copyright-Diskussion um die künstliche Verknappung reproduzierbarer Konzepte und belohnt Bekanntheit und Verbreitung von Kunstwerken in (digitalen) Netzwerken. Bei sinkenden Einzelpreisen steigt trotzdem der Umsatz der KünstlerInnen – und zugleich die „Reichweite“ ihrer Werke. Gibt es einen richtigen Kunstmarkt im falschen? Eine Serie transparent gemachter Versuchsanordnungen scheint mir die richtige Antwort für Kunst(märkte) im Wandel. Wichtig ist, dass die Frage ständig neu gestellt wird. Wichtig ist, dass Kunst nicht mehr unabhängig von ihren ökonomischen Zusammenhängen reflektiert wird – gerade wenn es einen Mangel an angemessenen Verwertungsmöglichkeiten gibt.


eSeL (Lorenz Seidler) lebt als Kurator, Kommunikator und Künstler in Wien und im Internet. www.multimart.at | www.metamart.at | www.artmart.at | www.esel.at

Literatur
Luc Boltanski/ Éve Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz 2003 [1999] (UVK).
Isabell Lorey/ Klaus Neundlinger(Hg.): Kognitiver Kapitalismus. Wien/Berlin 2012 (Verlag Turia + Kant).