Bildung – Wissensproduktion – Solidarische Ökonomie

Viele Bäuerinnen hatten ein profundes Wissen über die Gesundheit von Mensch und Vieh, das sich auf den gesamten Lebenszyklus erstreckte. Sie tauschten das Wissen über Kräuter, Ernährungs- und Behandlungsmethoden mit den Hirten aus, um die Tiere gesund zu halten und halfen sich gegenseitig, bei Geburt, Krankheit und Tod. Dieses solidarisch angewandte, über Generationen erlangte Erfahrungswissen trug wesentlich dazu bei, die dörfliche Gemeinschaft zu stabilisieren. Es wurde in gemeinschaftlichem Handeln angewandt und der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt. Die Gemeinschaften wirtschafteten solidarisch im Zuge des gemeinsamen Viehtriebs auf die Allmende und bewirtschaftete gemeinsame Waldflächen, sogenannte Interessentenwälder, die es bis heute noch gibt – so z.B. allein in Hessen über 300.1

Unter „Solidarische Ökonomie“ werden Projekte verstanden, „die (1) auf Selbstverwaltung und Kooperation beruhen, (2) eine Bedarfs- anstatt einer Profitorientierung aufweisen und (3) zum Lebensunterhalt der Beteiligten beitragen. Solidarische Ökonomie will eine Alternative zum Kapitalismus bieten, die in Ansätzen bereits existiert“ (Arbeitsgruppe Kartierung der Kritischen und Solidarischen Ökonomie Wien). Um die Vorteile der Solidarischen Ökonomie nutzen zu können, muss gemeinsam über die einzelnen Organisationen hinaus ein Netzwerk der solidarischen AkteurInnen entstehen, damit der Bedarf an hochwertigen Gütern und Dienstleistungen gedeckt werden kann. Vereine, solidarische Kreditfonds, selbstverwaltete Unternehmen, Produktionsgruppen, Tauschringe, Netzwerke, Regiogeld usw., ihre Organisation und legale Unternehmensform ist nicht ausschlaggebend, vielmehr müssen sie die genannten Charakteristika in ihrem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Handeln sowie in ihrem Naturbezug aufweisen: – Selbstverwaltung (ein Mensch = eine Stimme, gemeinsame Entscheidungsprozesse, gemeinsames Eigentum an Kapital) – Ökologisches Bewusstsein (Sensibilität bei der Nutzung von Material, Energie, Wasser und Fläche, Bezug auf regionale Kreisläufe) – Kooperation (gemeinsames Nutzen von Eigentum und Gütern, Partizipation an solidarischen Netzwerken) – Wirtschaftsunternehmen (mindestens eine Person ist in ihm angestellt bzw. alle Mitglieder haben einen wirtschaftlichen Zuverdienst durch ihre gemeinsame Tätigkeit in ihm) – Gemeinwohlorientierung (Die Orientierung an den Bedürfnisbefriedigung der Gemeinschaft hat Priorität vor der Profitorientierung; d.h. Einsatz für die allgemeine Verbesserung der Lebensbedingungen der Gemeinschaft und nicht nur für die individuellen; solidarisches Verhältnis der Kulturen und Geschlechter untereinander; Unterstützung von strukturschwachen Regionen). 2

Bestimmend sind also die Interessen der Mitglieder der Unternehmen, sie haben die Macht innerhalb der Unternehmen inne. Ihre Werte sind gemeinsames Eigentum, individuelle Freiheit, Solidarität, Gerechtigkeit und Demokratie, nach denen sich Politik und Wirtschaftsweise ihrer Unternehmen orientieren. Es geht also nicht mehr um Verträge zwischen Ungleichen, sondern um die Zusammenarbeit von Gleichen, um zu produzieren, zu vermarkten, zu konsumieren oder zu sparen, also um die Gesamtheit von wirtschaftlichen Aktivitäten, um eine Alternative sozialer Inklusion über Arbeit und Einkommen. 3 Es geht um ein ethisch-moralisch gutes Leben in Harmonie mit der Natur.

Dies geschieht – damit nicht nur die Geschäftsführung, sondern alle Mitglieder dazu fähig sind, gemeinsame Entscheidungen zu treffen. Es geht den Unternehmen der Solidarischen Ökonomie um demokratische Prozesse der Vermittlung von Informationen und der gemeinsamen Übernahme von Macht und Verantwortung – in Überwindung von Konkurrenzkampf und individuellen Eitelkeiten. – damit die Wahl der Technologien Risiken für Gesellschaft und Natur nicht fördert, sondern eher verantwortlich unter denen besprochen wird, die nicht nur ihr eigenes Wohl und Wehe im Blick haben, regionale Potentiale intelligent nutzend inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit fördern wollen, um eine nachhaltige Entwicklung einzuleiten. – damit die Zielsetzung nicht wie in dem historischen Verlauf der Genossenschaftsbewegung nur unternehmenszentriert ist, sondern Vernetzung, Kettenbildung und Kooperation über die betriebliche Ebene hinaus gehen und ganze Regionen einschließlich ihrer Kommunen bis hin zu den Staaten erfasst. Es geht um ein politökonomisches Projekt der Demokratisierung, der Humanisierung und des Erhalts der Vielfalt von Kulturen und Ökosystemen.

Die systemsprengende Praxis ist attraktiv, das lernen wir von den sich entwickelnden alternativen Finanzierungs- und Bildungsmechanismen, manchmal auch von einer Mischung von beiden in Gemeinschaftsbanken und bei staatlichem Aufkauf kleinbäuerlicher Produktion für die Schulen. Viele Reregionalisierungsprozesse sind beredte Beispiele hierfür. Wir lernen es von den ProduzentInnen erneuerbarer Energien, die Kommunen und Konsumentnnen zusammenspannen. Wir nehmen wahr, dass sich in der „Charta der neuen Kommunen“ Italiens ein kollektiver Wille breit macht, für den die Attraktivität dieser solidarischen Ökonomie mehr zählt als das ständig steigende Risiko mit den sich polarisierenden Gesellschaften, dem nicht einmal richtig entsorgten Überkonsum, steigender Kriminalität und Analphabetismus inmitten der Regionen, die sich einstmals als Wiegen der Kultur sahen. Wir sehen es auch in den entstehenden Märkten „Tue das Richtige“ für Transfair- und Regiohandel in Italien, die einen massenweisen Zustrom auslösen und zu Zentren der Jugendkultur werden. Man entdeckt, dass erneut eine Transitionszeit ansteht, in der man sich in der Tradition der utopischen SozialistInnen wahrnimmt.

Dieser Prozess wird lange dauern, da er den erneuten Aufbau von Beziehungen zwischen den AkteurInnen in einer auch sozial zunehmend atomisierten Gesellschaft voraussetzt. Auf diesen aufbauend können sich die vernetzten wirtschaftlichen Tätigkeiten herausbilden, sowie das Bewusstsein der gemeinsamen Interessen, das sich gebildet hat, um regionalen Naturpotentiale und gesellschaftlichen Möglichkeiten zu nutzen. Der Staat wird nicht aus der Verantwortung entlassen. Mit der Kommunikation über die Regionalen Interessen können sich Plattformen oder Foren zum Austausch der AkteurInnen bilden, in denen das Gemeinwohl im Mittelpunkt des Austausches zwischen wirtschaftlichen Subjekten und VertreterInnen der öffentlichen Verwaltung vor Ort steht.

Der gesellschaftliche Aufbau einer solidarischen Ökonomie in der Region hat somit psychosoziale, soziokulturelle, wirtschaftliche und politische Aspekte, die über die Region hinausweisen und die Durchsetzung der politischen Rahmenbedingungen in der gesamten Gesellschaft anstreben. In diesem Prozess sind Kartierung, Gründungsberatung (Inkubation von Gemeinschaftsbetrieben), Aktionen grundlegende Methoden. Kommunikation sowie Schaffung einer Öffentlichkeit für „die andere Welt, die möglich ist“, sind unabdingbare Schritte, um nicht aufgesogen zu werden von einer Umwelt, die nach anderen Werten agiert.


Clarita Müller-Plantenberg ist Soziologin und lehrte in Berlin, Kassel, Kolumbien, Chile und Venezuela. Sie hat die Entwicklungsperspektiven herausgegeben (kassel university press) und war über 26 Jahre Mitherausgeberin des Lateinamerika-Jahrbuches. Sie lebt in Berlin. www.mueller-plantenberg.de

1 Clarita Müller-Plantenberg: Gesundheitswissen und alte Bräuche in nordhessischen Dörfern. Kassel 1984 (mimeo).
2 Vgl. Projekt Solidarische Ökonomie – Kartierung und Gründungsberatung, Flyer, ESF,Kassel 2008, Vgl. Atlas der Solidarischen Ökonomie Nordhessen, Kassel University Press, Kassel 2008 und www.rnf-nordhessen.de sowie
www.uni-kassel.de/fb5/soziologie/sel
3 Vgl. Luis Razeto, chilenischer Soziologe; vgl. Secretaría Nacional de Economía Solidaria (SENAES) im brasililanischen Ministerium für Arbeit und Beschäftigung; vgl. Atlas der Solidarische Ökonomie in Nordhessen, Universität Kassel, Kassel 2008.