Protestaktion zur Otto Mühl Retrospektive im Wiener Aktionismus Museum, 8.9.2026 (Foto: Sarah Tasha)

Verantwortung statt Personenkult

Statement von Künstler:innen und Kulturarbeiter:innen zur bevorstehenden Otto-Mühl-Retrospektive im Wiener Aktionismus Museum (WAM)

Am 10. September 2026 eröffnet das Wiener Aktionismus Museum die Retrospektive “Otto Muehl. Kunst am Abgrund“. 

Der Titel ist bezeichnend – und perfide zugleich. Mühl wird erneut als radikaler, nonkonformistischer Künstler und Grenzgänger in den österreichischen Kunstkanon eingeschrieben. Gleichzeitig werden in öffentlichen und medialen Debatten der letzten Wochen seine Gewaltgeschichte, die autoritären Strukturen der Sekte am Friedrichshof und die Lebensrealitäten der Betroffenen weiterhin relativiert, ausgeblendet oder ästhetisiert. Kritische Stimmen und Medien wiederum stellen sich mit journalistischer Recherche bereits im Vorfeld der Ausstellungseröffnung gegen dieses Narrativ.

Mühl hat Kunst und Künstlerstatus in sein autoritäres System von Macht, Kontrolle, Abhängigkeit sowie massivem psychischem und sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen eingebunden. Seine Arbeiten waren dabei nicht von diesem System zu trennen, sondern Teil seiner Inszenierung und Legitimation für seine pädokriminellen Straftaten. Die Folgen dieses Systems wirken für die Betroffenen bis heute nach.

Wir kritisieren daher mit aller Schärfe die bevorstehende Retrospektive im Wiener Aktionismus Museum (WAM) und die damit verbundene erneute kulturelle und ökonomische Aufwertung Mühls. 

Es geht längst nicht mehr nur um die Frage, wie Museen und Kunstinstitutionen Mühl kontextualisieren sollen oder ob Kunst vom Künstler getrennt werden kann. Vorschläge und Ansätze für einen Umgang und eine Neukontextualisierung sind von Zeitzeug:innen zur Genüge vorhanden. 

Es geht um die Verantwortung des gesamten österreichischen Kunstbetriebs, der Mühl über Jahrzehnte kanonisiert, ausgestellt, gesammelt und finanziell verwertet hat, während eine materielle Entschädigung für Betroffene ebenso aussteht wie die gesellschaftliche und politische Anerkennung des ihnen zugefügten Unrechts.

Das Wiener Aktionismus Museum (WAM) steht dabei exemplarisch für ein strukturelles Problem, das weit über diesen einen Schauplatz hinausgeht. Nicht zuletzt deshalb muss auch die Rolle von Galerien, Auktionshäusern, Sammler:innen und öffentlichen Institutionen untersucht werden. Gerade angesichts des zunehmenden antifeministischen und autoritären Backlashs ist der Umgang mit Mühl eine gesellschaftspolitische Frage, die alle betrifft: Wenn Täter:innen als künstlerische Avantgarde verehrt und ihre Gewalt relativiert wird, werden patriarchale und missbräuchliche Machtverhältnisse weiterhin legitimiert und fortgeschrieben. 

Die Forderung nach einem Ende dieser Verwertung ist Teil einer umfassenderen, notwendigen Auseinandersetzung. Die lückenlose Aufarbeitung der Ereignisse am Friedrichshof wird seit geraumer Zeit gefordert. Das österreichische Kulturministerium hat im März 2026 einen Fachrat zum Umgang mit Kunst in Gewaltkontexten („Arbeitsgruppe Täterkunst“) angekündigt. 

Wir fordern Entscheidungsträger:innen auf, eine unabhängige (!) und öffentlich finanzierte Kommission einzurichten, die umgehend diese so wichtige Arbeit aufnimmt. 

Es muss nicht nur die Geschichte der Sekte, sondern auch die institutionelle und politische Verantwortung untersucht werden. Wir fordern ein Ende der Verdrängung von Mühls Gewalttaten im Kontext seiner Kunstproduktion und der fortschreitenden Kapitalisierung und Kompliz:innenschaft innerhalb des österreichischen Kunstbetriebs.

Wir solidarisieren uns mit der angekündigten Protestaktion zur Pressekonferenz des WAM am Dienstag, den 08. September 2026.  

Aufarbeitung statt Wertsteigerung! Verantwortung statt Personenkult!

 

Wien, 8.9.2026


Erstunterzeichner:innen

Natalie Assmann, Künstlerin, RRRIOT – Verein zur Vermittlung und Förderung feministischen Kulturschaffens

Sascha Anna Schall, Performance Artist

Ruth Bourgogne, ehemaliges Mitglied der Sekte, Dipl.Psychologin, eidg. anerk. Psychotherapeutin, Zürich

Olivier Bourgogne, Dr., ehemaliges Mitglied der Sekte

Carola Dertnig, Ao.Univ.-Prof.Doz.Mag, Künstlerin Akademie der bildenden Kunst, Performance, Wien 

Elisabeth Schäfer, Philosoph*in (Priv.-Doz*in Mag*a Dr*in)

Esther Hutfless, Univ.-Prof*in Priv.-Doz*in Mag*a Dr*in

Sophia Süßmilch, Künstlerin

Lea Susemichel, Journalistin

Katrin Gérard, (Dipl. Psych., KJ-Psychotherapeutin)

Ricarda Sarah Zoe, Künstlerin 

Nouchka Wolf, Künstlerin 

Matthias Seier, Dramaturgie Volkstheater Wien

Julia Petschinka, Künstlerin

Ursula Navpravnik, Künstlerin

schau.Räume – Mag.ª phil. Katrin Ackerl Konstantin u. Mag.a Rosalia Kopeinig

Barbara Ambrusch-Rapp, Multimedia Kunst und Kulturarbeit 

D—Arts – Projektbüro für Diversität

Martin Dueller, Theatermacher

Simone Dueller, Künstlerin

Nastasia Griese, Regisseurin

Florian Aschka, Künstler*in, Kulturarbeiter*in

Anne Wiederhold, Künstlerin und Kuratorin

Anna Kohlweis, Künstlerin

Martin Stechauner, Psychoanalytiker (Mag. Dr.)

Nora Reiner, klinische Psychologin/Psychotherapeutin i. A.u. S. 

Petz Haselmayer, Mag.*a, Univ. Ass.*in

Tobias Herzberg, Künstlerische Leitung Schauspielhaus Wien

Marie Bues, Künstlerische Leitung Schauspielhaus Wien

Christian Schlager, Senior Artist Universität für Angewandte Kunst, CO-Founder EXEX

Joshua Wicke, Dramaturg und Kurator

Claudine Dufrêne

Jelena Micić, Künstler*in und Kurator*in

Barbara Urbanic

Gin Müller, Dramaturg, Künstler*

Olga Flaum, Fachtrainerin Gender und Diversity

Genia Enzelberger (Dr.in), Dramaturgin,

Alexia Stuefer (Dr.in), Rechtsanwältin und Kunstsammlerin

Haiko Pfost, Künstlerischer Leiter supergau Festival, Dramaturg und Kurator

Heide Hammer, Dr.in Philosophin u. politische Aktivistin

Richard Schuberth, Schriftsteller

Veronika Litschel, Autorin

Jens Kastner, Priv.-Doz. Dr., Soziologe und Kunsthistoriker, Akademie der bildenden Künste Wien

Janine Jembere, PhD. Senior Scientist, Künstlerin

Moira Hille, PhD. Senior Scientist, Akademie der Bildenden Künste Wien

dieSchauspieler*innen – Verein solidarischer Filmschauspieler*innen

Olivia Kaiser, Künstlerin 

Thomas Wallerberger, Kultur- und Literaturwissenschaftler 

Hannah Menne, Künstlerin/Trainerin 

Kurto Wendt, Lektor/Autor

Andrea Gipperich, Dr., Ärztin für Allgemeinmedizin Wien, SOG Theater Wr. Neustadt

Katharina Mückstein, Regisseurin

Carolina Nöbauer, Kuratorin

Mary Kreutzer, Politikwissenschaftlerin 

Astrid Hanisch

Ursula Berner, (MA) Kulturpolitikerin und Journalistin 

Sophie Lingg, Dr.in, Univ. Ass.in

Lisa Polster, Regisseurin

Monika Freylinger, MMag. Kunsthistorikerin, Restauratorin und AHS-Lehrerin

Anette Baldauf, Akademie der Bildenden Künste Wien

Sheri Avraham, Künstler:in

kuntsverein – Kollektiv zur Produktion, Förderung und Vermittlung queerer und post*migrantischer Kunst & Kultur

Doris Guth, Kunsthistorikerin und Kulturwissenschafterin, Akademie der bildenden Künste

Sabeth Buchmann, Prof. für Kunstgeschichte der Moderne und Nachmoderne, Akademie der bildenden Künste Wien

Franz Jud

Birgit Peter, Archiv und theaterhistorische Sammlung des Instituts für Theater-, Film und Medienwissenschaft der Universität Wien

Ivonne Ilfrich

Eike Wittrock, Univ.-Prof. Dr., Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien

Theresa Rauter

Ida Clay

Susan Kamel, Prof. Museum Studies, HTW Berlin

IG Bildende Kunst

FIFTITU% – Vernetzungsstelle für Frauen* in Kunst und Kultur  

Mag.a art. Petja Dimitrova, bildende Künstlerin und Lehrende an der Akademie der bildenden Künste Wien 

Angelika Wischermann, Mag. art., bildende Künstlerin, Vorstand Künstler*innen Vereinigung Tirol

Mag.a Zora Bachmann, Geschäftsführung Dachverband der österreichischen Filmschaffenden

Anja Malich, Geschäftsführerin Forum Literaturübersetzen Österreich

Clemens Christl, Kulturrat Österreich, Wien

Bettina Siegele, Geschäftsleitung und künstlerische Leiterin Künstler*innen Vereinigung Tirol Kunstpavillon, Neue Galerie und Interessenvertretung 

Gerhard Ruiss, IG Autorinnen Autoren  

Brigitte Rapp, Übersetzerin/Psychotherapeutin

Kulturrat Österreich 

Ruth Sonderegger, Akademie der bildenden Künste Wien

Judith-Frederike Popp, Freie Universität Berlin

Sebastian Lorenz

Charlotta Ruth, Univ.-Prof. PhD, Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien

Johannes Reisigl, Co-Leitung Künstler*innenhaus Büchsenhausen

Barbara Mahlknecht, Co-Leitung Künstler*innenhaus Büchsenhausen

Österreichischer Verband der Kulturvermittler:innen 

Nina-Maria Holzbauer, BA, Aufnahmeleiterin, stellvertretende Vorsitzende Dachverband der Filmschaffenden und Obmann Stellvertreterin VÖAP – Vereinigung österreichischer AufnahmeleiterInnen, ProduktionsleiterInnen und ProduktionskoordinatorInnen, Wien

Kameraschwestern – Berufsverband Kameraassistenz Österreich, Wien    

Mag.a Birgit Obkircher, Kameraassistentin, Wien

Anna Kirst, BA BA Bakk.art, Filmeditorin, Wien

Mag. Sebastian Schreiner, Filmeditor und 1. stellvertretender Vorsitzender Younion Sektion Film, Foto und audiovisuelle Kommunikation

Axl Taun, Tonmeister, Filmton Austria

Daniela Koweindl, kulturpolitische Sprecherin IG Bildende Kunst 

Lisbeth Kovačič, Filmschaffende 

Jannik Franzen, bildende_r Künstler_in, Wien 

Tanja Dinter, MSc, Künstlerin/Initiatorin des FRAUEN*Streiks 24.10. / Bündnis FRAUEN*Streiken/Wien 

Axel Strotmeier, Künstler

Katrin Brehm, Dramaturgin brut Wien

Jenny Simanowitz, Omas Gegen Rechts 

Sylvia Köchl, Autorin, Wien 

Marc Brugger, Regieassistent und Drehbuchautor, Vorstandsmitglied von VORS –  Verband Österreichischer Regieassistent*Innen, ADs und Script Supervisor

Ulrike Bruckner, Vorstandsmitglied VORS –  Verband Österreichischer Regieassistent*Innen, ADs und Script Supervisor

Silvia Pernegger, Vorstandsmitglied VORS –  Verband Österreichischer Regieassistent*Innen, ADs und Script Supervisor

Künstler*innen Vereinigung Tirol 

Mag.a Sonja Aziz, Rechtsanwältin für Opferschutz 

Sunny Pfalzer, Künstler_in 

MMag. Dr. Helga Schwarzwald, Juristin & Künstlerin

Asli Kislal, Künstlerin