Am 10. September 2026 eröffnet das Wiener Aktionismus Museum die Retrospektive “Otto Muehl. Kunst am Abgrund“.
Der Titel ist bezeichnend – und perfide zugleich. Mühl wird erneut als radikaler, nonkonformistischer Künstler und Grenzgänger in den österreichischen Kunstkanon eingeschrieben. Gleichzeitig werden in öffentlichen und medialen Debatten der letzten Wochen seine Gewaltgeschichte, die autoritären Strukturen der Sekte am Friedrichshof und die Lebensrealitäten der Betroffenen weiterhin relativiert, ausgeblendet oder ästhetisiert. Kritische Stimmen und Medien wiederum stellen sich mit journalistischer Recherche bereits im Vorfeld der Ausstellungseröffnung gegen dieses Narrativ.
Mühl hat Kunst und Künstlerstatus in sein autoritäres System von Macht, Kontrolle, Abhängigkeit sowie massivem psychischem und sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen eingebunden. Seine Arbeiten waren dabei nicht von diesem System zu trennen, sondern Teil seiner Inszenierung und Legitimation für seine pädokriminellen Straftaten. Die Folgen dieses Systems wirken für die Betroffenen bis heute nach.
Wir kritisieren daher mit aller Schärfe die bevorstehende Retrospektive im Wiener Aktionismus Museum (WAM) und die damit verbundene erneute kulturelle und ökonomische Aufwertung Mühls.
Es geht längst nicht mehr nur um die Frage, wie Museen und Kunstinstitutionen Mühl kontextualisieren sollen oder ob Kunst vom Künstler getrennt werden kann. Vorschläge und Ansätze für einen Umgang und eine Neukontextualisierung sind von Zeitzeug:innen zur Genüge vorhanden.
Es geht um die Verantwortung des gesamten österreichischen Kunstbetriebs, der Mühl über Jahrzehnte kanonisiert, ausgestellt, gesammelt und finanziell verwertet hat, während eine materielle Entschädigung für Betroffene ebenso aussteht wie die gesellschaftliche und politische Anerkennung des ihnen zugefügten Unrechts.
Das Wiener Aktionismus Museum (WAM) steht dabei exemplarisch für ein strukturelles Problem, das weit über diesen einen Schauplatz hinausgeht. Nicht zuletzt deshalb muss auch die Rolle von Galerien, Auktionshäusern, Sammler:innen und öffentlichen Institutionen untersucht werden. Gerade angesichts des zunehmenden antifeministischen und autoritären Backlashs ist der Umgang mit Mühl eine gesellschaftspolitische Frage, die alle betrifft: Wenn Täter:innen als künstlerische Avantgarde verehrt und ihre Gewalt relativiert wird, werden patriarchale und missbräuchliche Machtverhältnisse weiterhin legitimiert und fortgeschrieben.
Die Forderung nach einem Ende dieser Verwertung ist Teil einer umfassenderen, notwendigen Auseinandersetzung. Die lückenlose Aufarbeitung der Ereignisse am Friedrichshof wird seit geraumer Zeit gefordert. Das österreichische Kulturministerium hat im März 2026 einen Fachrat zum Umgang mit Kunst in Gewaltkontexten („Arbeitsgruppe Täterkunst“) angekündigt.
Wir fordern Entscheidungsträger:innen auf, eine unabhängige (!) und öffentlich finanzierte Kommission einzurichten, die umgehend diese so wichtige Arbeit aufnimmt.
Es muss nicht nur die Geschichte der Sekte, sondern auch die institutionelle und politische Verantwortung untersucht werden. Wir fordern ein Ende der Verdrängung von Mühls Gewalttaten im Kontext seiner Kunstproduktion und der fortschreitenden Kapitalisierung und Kompliz:innenschaft innerhalb des österreichischen Kunstbetriebs.
Wir solidarisieren uns mit der angekündigten Protestaktion zur Pressekonferenz des WAM am Dienstag, den 08. September 2026.
Aufarbeitung statt Wertsteigerung! Verantwortung statt Personenkult!
Wien, 8.9.2026
Erstunterzeichner:innen
Natalie Assmann, Künstlerin, RRRIOT – Verein zur Vermittlung und Förderung feministischen Kulturschaffens
Sascha Anna Schall, Performance Artist
Ruth Bourgogne, ehemaliges Mitglied der Sekte, Dipl.Psychologin, eidg. anerk. Psychotherapeutin, Zürich
Olivier Bourgogne, Dr., ehemaliges Mitglied der Sekte
Carola Dertnig, Ao.Univ.-Prof.Doz.Mag, Künstlerin Akademie der bildenden Kunst, Performance, Wien
Elisabeth Schäfer, Philosoph*in (Priv.-Doz*in Mag*a Dr*in)
Esther Hutfless, Univ.-Prof*in Priv.-Doz*in Mag*a Dr*in
Sophia Süßmilch, Künstlerin
Lea Susemichel, Journalistin
Katrin Gérard, (Dipl. Psych., KJ-Psychotherapeutin)
Ricarda Sarah Zoe, Künstlerin
Nouchka Wolf, Künstlerin
Matthias Seier, Dramaturgie Volkstheater Wien
Julia Petschinka, Künstlerin
Ursula Navpravnik, Künstlerin
schau.Räume – Mag.ª phil. Katrin Ackerl Konstantin u. Mag.a Rosalia Kopeinig
Barbara Ambrusch-Rapp, Multimedia Kunst und Kulturarbeit
D—Arts – Projektbüro für Diversität
Martin Dueller, Theatermacher
Simone Dueller, Künstlerin
Nastasia Griese, Regisseurin
Florian Aschka, Künstler*in, Kulturarbeiter*in
Anne Wiederhold, Künstlerin und Kuratorin
Anna Kohlweis, Künstlerin
Martin Stechauner, Psychoanalytiker (Mag. Dr.)
Nora Reiner, klinische Psychologin/Psychotherapeutin i. A.u. S.
Petz Haselmayer, Mag.*a, Univ. Ass.*in
Tobias Herzberg, Künstlerische Leitung Schauspielhaus Wien
Marie Bues, Künstlerische Leitung Schauspielhaus Wien
Christian Schlager, Senior Artist Universität für Angewandte Kunst, CO-Founder EXEX
Joshua Wicke, Dramaturg und Kurator
Claudine Dufrêne
Jelena Micić, Künstler*in und Kurator*in
Barbara Urbanic
Gin Müller, Dramaturg, Künstler*
Olga Flaum, Fachtrainerin Gender und Diversity
Genia Enzelberger (Dr.in), Dramaturgin,
Alexia Stuefer (Dr.in), Rechtsanwältin und Kunstsammlerin
Haiko Pfost, Künstlerischer Leiter supergau Festival, Dramaturg und Kurator
Heide Hammer, Dr.in Philosophin u. politische Aktivistin
Richard Schuberth, Schriftsteller
Veronika Litschel, Autorin
Jens Kastner, Priv.-Doz. Dr., Soziologe und Kunsthistoriker, Akademie der bildenden Künste Wien
Janine Jembere, PhD. Senior Scientist, Künstlerin
Moira Hille, PhD. Senior Scientist, Akademie der Bildenden Künste Wien
dieSchauspieler*innen – Verein solidarischer Filmschauspieler*innen
Olivia Kaiser, Künstlerin
Thomas Wallerberger, Kultur- und Literaturwissenschaftler
Hannah Menne, Künstlerin/Trainerin
Kurto Wendt, Lektor/Autor
Andrea Gipperich, Dr., Ärztin für Allgemeinmedizin Wien, SOG Theater Wr. Neustadt
Katharina Mückstein, Regisseurin
Carolina Nöbauer, Kuratorin
Mary Kreutzer, Politikwissenschaftlerin
Astrid Hanisch
Ursula Berner, (MA) Kulturpolitikerin und Journalistin
Sophie Lingg, Dr.in, Univ. Ass.in
Lisa Polster, Regisseurin
Monika Freylinger, MMag. Kunsthistorikerin, Restauratorin und AHS-Lehrerin
Anette Baldauf, Akademie der Bildenden Künste Wien
Sheri Avraham, Künstler:in
kuntsverein – Kollektiv zur Produktion, Förderung und Vermittlung queerer und post*migrantischer Kunst & Kultur
Doris Guth, Kunsthistorikerin und Kulturwissenschafterin, Akademie der bildenden Künste
Sabeth Buchmann, Prof. für Kunstgeschichte der Moderne und Nachmoderne, Akademie der bildenden Künste Wien
Franz Jud
Birgit Peter, Archiv und theaterhistorische Sammlung des Instituts für Theater-, Film und Medienwissenschaft der Universität Wien
Ivonne Ilfrich
Eike Wittrock, Univ.-Prof. Dr., Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien
Theresa Rauter
Ida Clay
Susan Kamel, Prof. Museum Studies, HTW Berlin
IG Bildende Kunst
FIFTITU% – Vernetzungsstelle für Frauen* in Kunst und Kultur
Mag.a art. Petja Dimitrova, bildende Künstlerin und Lehrende an der Akademie der bildenden Künste Wien
Angelika Wischermann, Mag. art., bildende Künstlerin, Vorstand Künstler*innen Vereinigung Tirol
Mag.a Zora Bachmann, Geschäftsführung Dachverband der österreichischen Filmschaffenden
Anja Malich, Geschäftsführerin Forum Literaturübersetzen Österreich
Clemens Christl, Kulturrat Österreich, Wien
Bettina Siegele, Geschäftsleitung und künstlerische Leiterin Künstler*innen Vereinigung Tirol Kunstpavillon, Neue Galerie und Interessenvertretung
Gerhard Ruiss, IG Autorinnen Autoren
Brigitte Rapp, Übersetzerin/Psychotherapeutin
Kulturrat Österreich
Ruth Sonderegger, Akademie der bildenden Künste Wien
Judith-Frederike Popp, Freie Universität Berlin
Sebastian Lorenz
Charlotta Ruth, Univ.-Prof. PhD, Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien
Johannes Reisigl, Co-Leitung Künstler*innenhaus Büchsenhausen
Barbara Mahlknecht, Co-Leitung Künstler*innenhaus Büchsenhausen
Österreichischer Verband der Kulturvermittler:innen
Nina-Maria Holzbauer, BA, Aufnahmeleiterin, stellvertretende Vorsitzende Dachverband der Filmschaffenden und Obmann Stellvertreterin VÖAP – Vereinigung österreichischer AufnahmeleiterInnen, ProduktionsleiterInnen und ProduktionskoordinatorInnen, Wien
Kameraschwestern – Berufsverband Kameraassistenz Österreich, Wien
Mag.a Birgit Obkircher, Kameraassistentin, Wien
Anna Kirst, BA BA Bakk.art, Filmeditorin, Wien
Mag. Sebastian Schreiner, Filmeditor und 1. stellvertretender Vorsitzender Younion Sektion Film, Foto und audiovisuelle Kommunikation
Axl Taun, Tonmeister, Filmton Austria
Daniela Koweindl, kulturpolitische Sprecherin IG Bildende Kunst
Lisbeth Kovačič, Filmschaffende
Jannik Franzen, bildende_r Künstler_in, Wien
Tanja Dinter, MSc, Künstlerin/Initiatorin des FRAUEN*Streiks 24.10. / Bündnis FRAUEN*Streiken/Wien
Axel Strotmeier, Künstler
Katrin Brehm, Dramaturgin brut Wien
Jenny Simanowitz, Omas Gegen Rechts
Sylvia Köchl, Autorin, Wien
Marc Brugger, Regieassistent und Drehbuchautor, Vorstandsmitglied von VORS – Verband Österreichischer Regieassistent*Innen, ADs und Script Supervisor
Ulrike Bruckner, Vorstandsmitglied VORS – Verband Österreichischer Regieassistent*Innen, ADs und Script Supervisor
Silvia Pernegger, Vorstandsmitglied VORS – Verband Österreichischer Regieassistent*Innen, ADs und Script Supervisor
Künstler*innen Vereinigung Tirol
Mag.a Sonja Aziz, Rechtsanwältin für Opferschutz
Sunny Pfalzer, Künstler_in
MMag. Dr. Helga Schwarzwald, Juristin & Künstlerin
Asli Kislal, Künstlerin
Fotos von der Protestaktion
