„Ohne freie Kunst, Kultur und Medien drohen wir in autoritären Verhältnissen unterzugehen. Völkischer Nationalismus, Antisemitismus, antifeministischer Backlash müssen verhindert werden. Rassismus, Trans- und Homophobie sowie jeder anderen Art der Diskriminierung gilt es konsequent entgegenzutreten. Kunst und Kultur können nicht alles lösen. Sie tragen aber grundlegend zu einer offenen, demokratischen Gesellschaft bei. Die Förderung von zeitgenössischer Kunst und Kultur ist ein unerlässlicher Beitrag dazu.“, schreibt der Kulturrat Österreich in der Präambel seines im Sommer 2024 erschienenen Positionspapiers „Kulturpolitisches Programm für die Zukunft“.[1]
Wie sieht die Ausgangslage aus, in der ein solcher Absatz entsteht? Die Zunahme autoritärer Verhältnisse im Angesicht eines Erstarkens von rechten und rechtsextremen Ideologien und Kräften bedeuten keine guten Aussichten für die Demokratie. Global nicht, auch in Österreich nicht. Was bedeutet das für Kunst und Kultur? Und umgekehrt: Was bedeuten Kunst und Kultur für die Demokratie?
Kulturelle Teilhabe stärkt die Demokratie
Die Rolle, die Kunst und Kultur für demokratische Gesellschaften spielen, hat die Europäische Kommission 2023 unter die Lupe genommen. Der Bericht „Culture and Democracy: the evidence“[2] resümiert die positiven Effekte von kultureller Teilhabe. Eine höhere Wahrscheinlichkeit, zur Wahl zu gehen und sich ehrenamtlich zu engagieren zählen ebenso zu den Vorteilen wie die Entwicklung positiver sozialer Einstellungen, so z.B. Toleranz, Vertrauen und Empathie für Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen. Exemplarisch nennt der Bericht auch in Zahlen gegossene Ergebnisse etwa der italienischen Studie „Knocking on Hell’s door. Dismantling hate with cultural consumption“, wonach ein Anstieg des kulturellen Konsums um 1% mit einem Rückgang von Hasskriminalität um 20% einherging (Straftaten und Vorfälle wie Drohungen, Sachbeschädigungen, Übergriffe und Mord, die durch Vorurteile gegenüber bestimmten Personengruppen motiviert waren).[3] Dass Kulturelle Teilhabe auch vielfältige kulturelle Angebote erfordert, liegt auf der Hand. Vielfältige kulturelle Angebote wiederum erfordern ein Arbeitsumfeld ohne Ausschlüsse, mit auch beruflichen Möglichkeiten und Perspektiven für alle.
Unter welchen Arbeits- und Lebensbedingungen finden Kunst und Kultur statt?
Wir bewegen uns auf prekärem Terrain. Einkommen sind gering, die Armutsgefährdung ist doppelt so hoch wie in der Gesamtbevölkerung, sogar viermal so hoch wie unter den Erwerbstätigen in Österreich. Jede dritte Künstler*in ist armutsgefährdet. Entsprechend den Ergebnissen der letzten Studie zur sozialen Lage[4] bewegte sich das mittlere künstlerische Jahreseinkommen sich zwischen 3.500 Euro (bildende Kunst) und 10.010 Euro (Film). Viele Künstler*innen gehen neben ihrer künstlerischen Arbeit auch kunstnahen und kunstfernen Tätigkeiten nach. So erzielten Künstler*innen und Kulturvermittler*innen letztlich ein Medianeinkommen von 14.000 Euro – als Summe aller Einkünfte, netto, für das gesamte Jahr. Die Kombination von selbstständiger und unselbstständiger Arbeit ist ebenfalls weit verbreitet. Auch erwerbslose Phasen sind nicht ungewöhnlich.
Kaum Kollektivverträge, viel Kampagne: pay the artist now!
Kollektivverträge und somit verbindliche Mindeststandards gibt es kaum in Kunst und Kultur. Der Kollektivvertrag für die Filmberufe zählt zu den wenigen Ausnahmen. Ein gemeinsamer Kollektivvertrag für die Bundesmuseen und Nationalbibliothek ist seit 2021 in Verhandlung. Selbstständige Arbeit ist komplett vogelfrei. Und doch ist es in den vergangenen Jahren in kleinen Schritten gelungen, faire Bezahlung voranzutreiben. Nach über zehn Jahren Kampagnenarbeit von Interessengemeinschaften lassen sich Erfolge verbuchen: Honorar- und Gehaltsempfehlungen liegen umfassend vor und bahnen sich ihren Weg zur Umsetzung. Sie fördern die Selbstermächtigung von Künstler*innen und Kulturarbeiter*innen, (faire) Bezahlung einzufordern. Dabei geht es nicht bloß um ein individuelles Interesse, von Arbeit leben zu können, sondern um das Etablieren von Mindeststandards für einen ganzen Sektor. Einige Bundesländer, Städte und der Bund haben begonnen, Kriterien der Kunst- und Kulturförderung entsprechend anzupassen und stellen zusätzliches Budget für faire Bezahlung zur Verfügung. Seit der letzten Legislaturperiode gibt es eine gemeinsame Fair-Pay-Strategie der Gebietskörperschaften – ein unverbindliches Papier, aber wichtige Willenserklärung. Denn eines ist klar: Ohne entsprechende Budgeterhöhungen und regelmäßige Valorisierungen wird es nicht gehen.
Bis zu 35 % Gender Pay Gap! Bis zu 111% Fair Pay Gap!
Die Ausgangslage zeigt die Notwendigkeit für Veränderung deutlich. Auch hier spielt Empirie in die Hand: Armutsgefährdung unter Künstler*innen wird begleitet und verstärkt durch ausgeprägte Versicherungslücken, insbesondere in der Pensionsversicherung. 35% der bildenden Künstler*innen hatten im vergangenen Jahrzehnt keine durchgehende Pensionsversicherung.
Und während der allgemeine Gender Pay Gap in Österreich mit 18,3% (2024) im EU-Vergleich bereits überdurchschnittlich groß ist, ist jener in Kunst und Kultur zum Teil noch ausgeprägter. 35% Gender Pay Gap bei Künstler*innen stellte eine Studie 2008 fest, bei der Folgestudie zehn Jahre später waren es 25% – nun allerdings unter gemeinsamer Betrachtung mit Kulturvermittler*innen. Beim Vergleich der mittleren Einkommen aller unselbständig Erwerbstätigen im Kunst- und Kultursektor stellte sich für Frauen ein Einkommensnachteil von 33,7% gegenüber ihren Kollegen heraus, Stand 2021.[5]
Nur der Fair Pay Gap kennt noch größere Differenzen. Wie viel fehlt zwischen tatsächlicher und fairer Bezahlung?[6] Ein schnelles Fakten-Stakkato zu ausgewählten Aspekten: 87% bei Einzelunternehmer*innen (z.B. Künstler*innen) gegenüber beispielsweise 37% bei Vereinen oder 2% bei GmbHs. 70% in der bildenden Kunst, 30% in der Literatur, 16% bei Kinder- und Jugendkultur. Bis zu 77% im ländlichen Raum vs. 18% in Landeshauptstädten. 111% bei projektorientierten Einrichtungen (Künstler*innen mitgemeint) gegenüber 49% bei Festivals oder 17% in Einrichtungen, die dauerhaft im Jahresbetrieb tätig sind.
Solidarität. Allianzen bilden. Kulturland retten.
Eine Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Akteur*innen in Kunst und Kultur ist in unser aller Interesse. Um den Kreis zu schließen: Demokratien haben Kunst und Kultur bitter nötig – und zwar in aller Vielfalt. Wie schnell eine lebendige Kunst- und Kulturlandschaft auf der Kippe steht, bekommen wir aktuell in der Steiermark vorgeführt. Kulturelle Nahversorgung sowie die Entfaltung künstlerischer Inhalte, Formen und Formate benötigen entsprechende finanzielle Förderung. Bereits in den ersten Wochen und Monaten der zum Jahresende 2024 konstituierten schwarzblauen Landesregierung ging es Schlag auf Schlag: Budgetkürzungen für die freie Kulturszene, Aufteilung von Kulturagenden auf beide Regierungsparteien (getrennte Zuständigkeiten für Kultur und Volkskultur) – und damit auch ein Ignorieren, der gerade erst in einem mehrjährigen Prozess gemeinsam mit der Kunst- und Kulturszene erarbeiteten Kulturstrategie für das Land Steiermark. Auch eine fragwürdige Neubesetzung des Kulturkuratoriums wider die laufende Funktionsperiode erntete massive Kritik – nicht nur aus der Steiermark. Aktuell bestärkten über 100 Kulturvereine aus der Steiermark mit einem Appell an die Landesregierung die dringlichsten Forderungen, darunter: „Erhöhung der Kulturförderbudgets zur Deckung des Förderbedarfs. Weiterführung des Bestrebens nach gerechter und adäquater Bezahlung. Begutachtung unserer Ansuchen durch fachkundige, parteiunabhängige Gremien ohne die Beteiligung von Rechtsextremen.“ [7]
Mit der Kampagne „Kulturland Retten!“ setzt sich die Kunst- und Kulturszene in der Steiermark lautstark zur Wehr, artikuliert politische Forderungen, geht in Verhandlung und eröffnet solidarische Beteiligungs- und Unterstützungsmöglichkeiten. Solidarität ist auch sehr simpel möglich: Forderungen unterstützen, Grafik und Vorlagen teilen, drucken und selbst weitergestalten. Und auf dem Laufenden bleiben: www.kulturlandretten.at. Denn, um es mit Slogans der #kulturlandretten #brauchenwir Kampagne auszudrücken: Kultur brauchen wir! Vielfalt brauchen wir! Demokratie brauchen wir!
Daniela Koweindl ist kulturpolitische Sprecherin der IG Bildende Kunst und Vorstandsmitglied im Kulturrat Österreich.
[1] Kulturrat Österreich: Kulturpolitisches Programm für die Zukunft (2024): https://kulturrat.at/kulturpolitisches-programm-fuer-die-zukunft
[2] Culture and Democracy, the evidence (2023): https://op.europa.eu/en/publication-detail/-/publication/07370fba-110d-11ee-b12e-01aa75ed71a1/
[3] Knocking on Hell’s door: dismantling hate with cultural consumption (2022); erschienen im Journal of Cultural Economics (2023): https://link.springer.com/article/10.1007/s10824-022-09461-8
[4] Soziale Lage der Kunstschaffenden und Kunst- und Kulturvermittlerinnen und -vermittler in Österreich (2018): https://www.bmwkms.gv.at/themen/kunst-und-kultur/service-kunst-und-kultur/publikationen/berichte-studien-kunst.html
[5] Gender Report im Bereich Kunst und Kultur 2017-2021 (2024): https://www.bmwkms.gv.at/themen/kunst-und-kultur/schwerpunkte/fairness-fair-pay/gender-report.html
[6] Fair Pay Gap in Kunst und Kultur (2021): https://www.bmwkms.gv.at/themen/kunst-und-kultur/service-kunst-und-kultur/publikationen/berichte-studien-kunst.html
[7] Dringender Appell der kulturellen Institutionen mit mehrjährigen Förderverträgen (23.5.2025): https://kulturlandretten.at/dringender-appell-der-kulturellen-institutionen-mit-mehrjaehrigen-foerdervertraegen/
Der Text erschien anlässlich des Beitrags von Daniela Koweindl zu den 28. Kramsacher Gesprächen am 16. Mai 2025 in Wien, veranstalttet von der Hans-Klingler-Stiftung. Einen Rückblick auf die eintägige Veranstaltung gibt es auf der Website der FCG/GPA: Interessenpolitik im Zeichen des politischen Rechtsrucks
