Bildpunkt: Dürren und Überflutungen, Wasserknappheit in den Städten, Verschmutzung der Flüsse, mehr als zwei Milliarden Menschen ohne regelmäßigen Zugang zu Trinkwasser – was an der momentanen Situation des Wassers beunruhigt sie am meisten?
Marlies Wirth: Besonders beunruhigt mich die ungleiche Verteilung von sauberem Trinkwasser: Obwohl Wasser überlebensnotwenig ist und seit 2010 der Zugang dazu als Menschenrecht gilt, haben ihn über zwei Milliarden Menschen nicht. Der Klimawandel verschärft die Situation durch Dürren und Überschwemmungen – 2024 auch im unmittelbaren Umfeld des MAK spürbar –, die Ökosysteme destabilisieren und die Ernährungssicherheit bedrohen. Nur 1 % des Süßwassers auf der Erde ist als Trinkwasser nutzbar. Selbst wo Wasser vorhanden wäre, mindern Verschmutzung und erschwerte Zugänglichkeit die Qualität. Die Kombination aus sozialer Ungleichheit, ökologischer Zerstörung und politischer Untätigkeit macht Wasser heute zur zentralen Überlebensfrage.
Dominik Linhard: In der Klimakrise häufen sich die Wetterextreme, also sowohl Trockenheit als auch Starkregen und Überflutungen. Daher müssen wir die Erhitzung der Erde so rasch wie möglich begrenzen. Jedes Zehntel Grad zählt und hat enorme Auswirkungen auf Meere, Flüsse und unser Grundwasser. Das sehr warme Mittelmeer zum Beispiel bringt sehr viel feuchte Luft und damit Starkregen über Europa. In nur wenigen Stunden fällt so viel Regen wie sonst in einem Monat. Ein weiteres Problem sind Umweltgifte aus Bergbau, Industrie und Landwirtschaft. Darunter fallen etwa Ewigkeitschemikalien und Schwermetalle.
Bildpunkt: Marlies Wirth, in der beeindruckenden Ausstellung Water Pressure, die von Mai bis September 2025 im Wiener MAK zu sehen war, gab es verschiedene Kapitel, in denen der kulturellen Bedeutung des Wassers, dem Wasserverbrauch durch Industrie- und Landwirtschaft, aber auch innovativen Lösungen für die Wasserkrise nachgegangen wurde. Was waren die wichtigsten Aspekte, um den Anspruch der Ausstellung umzusetzen, für die Ressource Wasser zu sensibilisieren?
Marlies Wirth: Water Pressure – einer Kooperation von MAK, MK&G Hamburg und Jane Withers Studio – ist eine der ersten großen Ausstellungen, die Wasser ins Zentrum rücken. In fünf Kapiteln verknüpft die Ausstellung Design, Architektur, Kultur, Wissenschaft und Kunst: von der symbolischen Bedeutung des Wassers über innovative Lösungen zur nachhaltigen Nutzung in Industrie und Landwirtschaft. Visionäre Konzepte, die lokales und indigenes Wissen einbeziehen, eröffnen neue Perspektiven für eine gerechtere, widerstandsfähige „Wasserkultur“. Der Begriff ist zentral und macht sichtbar, was meist unsichtbar bleibt: die Wege des Wassers durch Infrastrukturen – von Brunnen und Wasserleitungen bis zu heutigen Systemen – und Alltagsprozesse, die sich auch im „virtuellen Wasser“ niederschlagen. Neben praktischen und nachhaltigen Ansätzen präsentierte Water Pressure auch eindrucksvolle künstlerische Installationen – einige davon speziell vom MAK beauftragt –, sowie historische Objekte aus unterschiedlichen Kulturen, die unsere Wahrnehmung und Wertschätzung von Wasser als autonome Entität, gemeinsames Gut und essenzielle Lebensgrundlage vertiefen.
Bildpunkt: Dominik Linhard, als Umweltschutzorganisation hat GLOBAL 2000 kürzlich den höchst empfehlenswerten Wasseratlas mit herausgegeben. Darin finden sich Daten und Fakten zu fast allen relevanten Aspekten des Wassers. Wo setzt eine Nichtregierungsorganisation wie ihre an, um in die Wasserkrise zu intervenieren?
Dominik Linhard: Immer öfter bleiben die Winter sehr trocken, und damit sinken auch die Grundwasserspiegel. Das betrifft vor allem den Osten Österreichs, der besonders unter Trockenheit leidet. Die Abmilderung der Klimakrise hat deshalb höchste Priorität sowie auch die Anpassung unserer Landschaften an die Veränderungen. Denn wir können Trockenphasen abmildern: Feuchtwiesen, Auen und Moore sowie renaturierte Flüsse sind großartige Wasserspeicher und wichtige Lebensräume für gefährdete Arten. Sie schützen auch bei Hochwasser und sind wichtige CO2-Speicher. Wir arbeiten daher mit Nachdruck daran, dass diese Naturjuwele nicht weiter verbaut werden.
Bildpunkt: Die Privatisierung des Wassers wird eigentlich von allen kritisiert, die sich mit den Problemen von Nutzung, Zugang, Verschmutzung usw. beschäftigen. Warum gelingt es nicht, das Menschenrecht auf Wasser durchzusetzen?
Marlies Wirth: Ich glaube, dass das Menschenrecht auf Wasser weniger an seiner Anerkennung scheitert, als an seiner praktischen Umsetzung. Politische und wirtschaftliche Interessen behandeln Wasser weiterhin als Ware anstatt als überlebensnotwendiges Gemeingut. Ungleiche Machtverhältnisse und mangelnde Regulierung gegen Privatisierung von Wasser verhindern bislang, dass dieses Grundrecht überall Realität wird.
Dominik Linhard: Sauberes, gesundes und leistbares Trinkwasser für alle Menschen muss oberste Priorität haben – unabhängig vom Einkommen. In Österreich ist das auch der Fall. Der UNO-Beschluss von 2010, wonach der Zugang zu Wasser ein Menschenrecht ist, wird konsequent umgesetzt. Das ist leider in vielen anderen Ländern nicht der Fall. Dafür gibt es viele Gründe – vom Profitstreben der Großkonzerne über politische Untätigkeit bis hin zum Einsatz von Wasser als Druckmittel gegen Nachbarstaaten, etwa bei der Umleitung von Flüssen. Auch der massive Einsatz von Pestiziden wird von der Agrarindustrie vorangetrieben.
Bildpunkt: Was wären die wichtigsten politischen Schritte in Richtung Wassergerechtigkeit, für die zu sensibilisieren sich die MAK-Ausstellung zum Ziel gesetzt hatte und für die ja auch GLOBAL 2000 eintritt?
Dominik Linhard: Auch in Österreich wird das Wasser knapper. Wir verlieren in den nächsten Jahrzehnten mit den Gletschern wichtige Wasserlieferanten, gleichzeitig wird immer mehr Wasser verbraucht – durch die Bewässerung in der Landwirtschaft, die Befüllung von Pools und durch den virtuellen Wasserverbrauch: Ein Kilo Rindfleisch benötigt 10.000 Liter, die Herstellung eines T-Shirts etwa 2.500 Liter Wasser. Hier muss die Politik Maßnahmen setzen. Es braucht ein Verbot von Fast Fashion, die nach kurzer Tragedauer im Müll landet. Pestizide brauchen strenge Grenzwerte und Kontrollen. Wo möglich, soll die Landwirtschaft auf wassersparende Bewässerungsformen umsteigen.
Marlies Wirth: Wasser wird im Alltag oft als selbstverständlich wahrgenommen, weil seine Versorgung über unsichtbare Infrastrukturen wie Leitungen und Systeme verläuft und damit unserer Wahrnehmung entzogen bleibt. Auch die Artenvielfalt im Wasser ist für uns Stadtmenschen nicht präsent – in der Wiener Lobau etwa zeigt sich, wie sensible Auenlandschaften mit ihren einzigartigen Bedingungen unter Druck geraten. Die MAK-Ausstellung hat es sich zum Ziel gesetzt, uns alle wieder mehr für diese Dimensionen sensibilisieren. Im Zentrum stehen der Schutz von Wasser als öffentliches Gut, Investitionen in Infrastruktur, die Regeneration von Ökosystemen unter Einbindung von lokalem und traditionellem Wissen. Nur so lässt sich Wassergerechtigkeit nachhaltig sichern.
Dominik Linhard ist Ökologe der Umweltschutzorganisation GLOBAL 2000, er lebt in Wien.
Marlies Wirth ist Kuratorin am Museum für Angewandte Kunst Wien (MAK) und lebt in Wien.
Das „Gespräch“ wurde im September 2025 von Jens Kastner und Sophie Schasiepen per E-Mail geführt.
