Wasser im Buch

Das Wasser schwappt über die meterhohe Mauer des Wienflusses auf die U-Bahnschienen, ein halbes Jahr später werden selbst in England die Wasservorräte knapp, „Gletschermassenschwund“ und mehr als 2 Milliarden Menschen ohne regelmäßigen Zugang zu sauberem Trinkwasser: Die Ökonomie des Wassers unter den Bedingungen der Klimakatastrophe läuft aus dem Ruder. „Vor der Flut kommt die Dürre, nach der Dürre kommt die Flut“ (Kathrin Röggla). Virginia Mendoza spricht von Durst statt von Dürre, um die Abwesenheit von Wasser nicht einfach als Naturtatsache zu beschreiben, sondern als Motor der Geschichte. Das Bedürfnis, „den Durst zu beherrschen und zurückzuhalten“ habe die Menschheit dahin gebracht, „wo wir heute sind“. In ihrer „Menschheitsgeschichte“ geht Mendoza nicht nur dem menschlichen Umgang mit Wasser nach, sondern zeigt auch auf, wie es die „durstige Masse“ im Mittelalter zu Aufständen gegen den Adel trieb und dass in den letzten zehn Jahren 260 Millionen Menschen durch die Klimakatastrophe zur Migration gezwungen wurden. Mendoza erinnert uns daran, dass auch Chatbots Wasser trinken (einen Liter pro zehn beantworteter Fragen) und „dass die Dürstenden und die Ertrinkenden nicht selten eine gemeinsame Geschichte haben“. Für die Gegenwart münzt Kathrin Röggla das in einem starken Essay im Nachklang zu ihrem eigenen Theaterstück in die Erkenntnis um: „Weltweit betrachtet (und eigentlich ist dies die notwendige Perspektive), sind die Menschen, die von Mobilität und Konsum ausgeschlossen sind, als Erste dran, die Auswirkungen der Klimakrise zu spüren“. Es geht um Leben und Sterben. In der Vergangenheit wie in der Zukunft. Wo Mendoza sich der Geschichte widmet, wendet sich Carolin Stüdemann der Zukunft des Wasser zu, nicht ohne dessen Verbrauch und ungerechte Verteilung in der Gegenwart ausführlich zu behandeln. Die Kritik an der Privatisierung des Wassers ist vehement, die Mahnungen angesichts immenser Wasserverluste beim Grundwasser und dem „Wasserstress“ in großen Städten sind eindringlich. Zugleich bemüht sich das Buch immer wieder, Beispiele positiver, umweltverträglicher Wassernutzung aufzuzeigen. Wasser ist ein öffentliches Gut, das rechtlich garantiert sein sollte. Es geht um nicht weniger als um den Kampf für eine Welt, „in der die Verfügbarkeit von Wasser kein Privileg ist, sondern ein universelles Recht und ein geschütztes Grundbedürfnis“. Daten und Fakten zur ökologischen und sozialen Gegenwart des Wassers liefert der Wasseratlas von Böll-Stiftung, Naturschutzbund und GLOBAL 2000. Wenn das Fließen die Praxis des Wassers ist, was ist dann seine Theorie? Gibt es eine politische Ökonomie des Wassers? „Große gesellschaftliche Veränderungen spiegeln sich immer im Wasser“, schreibt Veronica Strang in ihrer mit Kunstwerken, Alltagsfotografien und anderen Darstellungen bebilderten Kultur- und Naturgeschichte des Wassers. Wasser zeichnet sich durch „Bewegung und Transformation“ aus. „Kaum etwas drückt die Interaktion zwischen der Menschheit und der materiellen Welt so umfassend aus wie das Wasser“. Es motivierte auch den Ideenfluss zwischen den Weltregionen, brachte immer wieder Wellen der visuellen Künste in Bewegung und ist Quelle der Macht. Auch Strang kritisiert die Privatisierung des Wassers scharf.

Virginia Mendoza: Die Suche nach Wasser: Eine Menschheitsgeschichte. Über die Auswirkungen von Dürre, Durst und Wasserknappheit. Berlin 2025 (Insel Verlag).
Kathrin Röggla: Das Wasser. Ditzingen 2023 (Reclam Verlag).
Carolin Stüdemann, Rüdiger Braun: Die Zukunft unseres Wassers: Was kann es? Wo fehlt es? Wem gehört es? München 2025 (Ludwig Verlag).
Veronica Strang: Wasser. Eine Kultur- und Naturgeschichte. Zürich 2025 (Haupt Verlag).
Heinrich Böll Stiftung, Naturschutzbund Österreich, Global 2000 (Hg.): Wasseratlas. Daten und Fakten über die Grundlage allen Lebens. Berlin/ Wien 2025 (Atlas Manufaktur)


Jens Kastner ist Soziologe und Kunsthistoriker. Er unterrichtet an der Akademie der bildenden Künste Wien. www.jenspetzkastner.de