Das Anthropozän ist eines der disruptivsten Konzepte der zeitgenössischen akademischen Debatten. Über seine Auswirkungen auf die Wissenschaft hinaus ist die Entstehung des Konzepts des Anthropozäns ein historisch-politisches Ereignis, da es die globale Notwendigkeit markiert, die Beziehung zwischen Menschheit und Natur nicht nur zu überdenken, sondern auch grundlegend neu zu gestalten. Es hat die intellektuelle Kraft, bisher als selbstverständlich geltende „Gewissheiten“ – wie die modern-westliche kategorische Trennung zwischen Natur und Kultur – in Frage zu stellen. Die Geschichte der Erde folgt nunmehr nicht allein Naturgesetzen, sondern ist untrennbar von der Geschichte der menschlichen Gesellschaften geprägt. Umgekehrt kann Geschichte, als akademische Disziplin, nicht mehr verstanden werden, ohne die planetarischen Systeme und ihre Grenzen zu berücksichtigen.
Wasser ist ein emblematisches zentrales Element der Systeme des „blauen Planeten“. Heute, während wir diesen Beitrag schreiben, ist in der Tageszeitung zu lesen, dass nun auch die Belastungsgrenze der Versauerung der Meere überschritten ist. Zwei Jahre zuvor, 2023, waren die Belastungsgrenzen im Süßwasserkreislauf überschritten. In Lateinamerika drückt sich die multiple sozio-hydrologische Krise in einer starken Verschmutzung des Oberflächen- und Grundwassers, einem wachsenden Bedarf an sanitären Einrichtungen und einer ungleichen Verteilung, wodurch der universelle Zugang zu Trinkwasser eingeschränkt wird. Agro-Industrie und Mega-Berg-bau betreiben eine übermäßige Ausbeutung von Wasser und bewirken die Veränderung oder das Verschwinden aquatischer Ökosysteme wie Feuchtgebiete, Flüsse und Seen sowie die Verschlechterung der sozio-hydrologischen Becken. Der menschengemachte Klimawandel verstärkt diese Prozesse. Während die Erdsystemwissenschaften auf diese Prozesse von einer externen „Astronautenperspektive“ schauen, wollen wir diese Veränderungen aus einer historisch-regionalen Genealogie des Anthropozäns betrachten. Dazu schlagen wir aus der Perspektive der lateinamerikanischen Debatten, Erfahrungen und Kämpfe eine alternative Geschichtsschreibung von Wasser im Anthropozän vor.
Kolonialität als Treiber des Anthropozäns
Aufgrund geologischer und sozioökologischer Belege wurde das Jahr 1950 als das Jahr der „großen Beschleunigung” vorgeschlagen, obwohl die ersten Verfechter des Anthropozäns frühere historische Perioden, wie beispielsweise die industrielle Revolution oder die Erfindung der Dampfmaschine durch James Watt im Jahr 1769, im Blick hatten. Aber genau diese Ursprungserzählungen, die auf den historischen Erfahrungen des Westens basieren, wird aus lateinamerikanischer Perspektive kritisiert. Die industrielle Dynamik in Westeuropa beruhte auf der Versorgung mit Baumwolle für die Textilproduktion oder Zucker als Kalorienquelle für die Arbeitskräfte. Beide Ressourcen wurden in neuen Plantagensystemen an den Atlantikküsten Amerikas produziert, die auf der Einführung von Neobiota und der Arbeit von versklavten Menschen basierten, die gewaltsam aus Afrika verschleppt worden waren. Ebenso erwähnenswert ist der Mega-Bergbau, der während der europäischen Kolonialisierung Lateinamerikas entstand und symbolisch im System von Potosí, dem Silberbergbauzentrum im heutigen Bolivien, zum Ausdruck kommt. Das dort abgebaute Silber legte den Grundstein für die kapitalistische Entwicklung und die anschließende Industrialisierung Westeuropas. Mega-Bergbau und Plantagenwirtschaft stellen also keine bloßen allmählichen Veränderungen in der Nutzung der Umwelt durch den Menschen dar, sondern markieren einen grundlegenden und planetarischen Bruch im sozialen Metabolismus, d. h. in der Bewirtschaftung, Nutzung und Ausbeutung natürlicher Ressourcen.
Diese Überlegungen führen uns dazu, eine Genealogie des Anthropozäns zu rekonstruieren, die nicht von Kolonialität, der Emergenz des kapitalistischen Weltsystems und Rassismus getrennt werden kann. So ist das Jahr 1492, das Jahr des ersten Kontakts der Europäer mit der Karibik und Amerika, ein Wendepunkt in der Weltgeschichte und stellt einen grundlegenden Bruch für die indigenen Völker und Kulturen Amerikas dar. 90 Prozent der indigenen Bevölkerung – ca. 10 Prozent der damaligen Weltbevölkerung – starb an den Folgen der Eroberung. Die Überlebenden mussten sich den daraus resultierenden sozi-kulturellen Brüchen stellen.
Die Welt des Wassers in vorkolonialer Zeit war geprägt von einer Verehrung der Natur der unterschiedlichen Völker und Kulturen der Amerikas. Oftmals verbanden indigene Kosmo-visionen Wasser mit den Wachstumszyklen von Pflanzen und Tieren.
Die europäische Eroberung markierte einen Bruch mit diesen Systemen. In Bezug auf die hydrologischen Prozesse nutzten die spanischen Eroberer das Wissen der alten Römer über Grundwasserleiter, um Strömungen umzuleiten und Überschwemmungen zu vermeiden, Dämme zu bauen oder um Metalle im Bergbau zu transportieren und zu verarbeiten. Flussläufe wurden ebenfalls umgeleitet, um den Anbau großer Weizenfelder und Weinberge auszuweiten. In den Anden war das große Potosí der Schlüssel zur Einleitung einer massiven Zerstörung der Andenlandschaft in Bolivien und Peru für den Abbau von Silber und Gold. Durch den Einsatz von Quecksilber vergifteten sie nicht nur das Land und das Wasser, sondern auch die indigenen Gemeinschaften. Potosí markiert einen fundamentalen Bruch im Metabolismus, demnach die Stoffwechselkreisläufe aus ihren lokalen Kontexten herausgelöst und in ein extraktivistisches kapitalistisches Weltsystem überführt wurden. Dabei wurde so viel Wasser benötigt, dass Potosí als Initialpunkt des neuen hydropolitischen Systems im kapitalistisch geprägten Anthropozän festgemacht werden kann. Dazu wurden aber auch die indigenen hydrologischen Systeme nicht nur zerstört, sondern sie wurden parallel weitergeführt – bspw. zur Produktion von Grundnahrungsmitteln – oder auf den neuen Metabolismus ausgerichtet.
Der anthropogene Prozess des Bergbaus und – in der Karibik und der Atlantikküste – der großen Plantagen veränderte die Wassergebiete und schuf eine Form der Wasserpolitik, die nicht nur darauf ausgerichtet war, Wasser zu Nutzen der Eliten zu kontrollieren, sondern auch, um über Leben und Tod in indigenen Gemeinschaften zu bestimmen. Die übermäßige Ausbeutung von Wasser für die Entwicklung europäischer Siedlungen brachte die dringende Notwendigkeit mit sich, Wasser aus Haushalten und industriellen Prozessen wie der Textilproduktion, Papierfabriken, Weizen- und Maismühlen, Mineralverarbeitungsanlagen usw. zu entsorgen. Dieses Wasser floss direkt in die Flüsse, an denen indigene und afro-stämmige Gemeinschaften ihre Viertel und Hütten errichtet hatten und provozierte die verschiedensten gesundheitlichen Probleme. In diesem anthropozänen Prozess festigten sich die Machtverhältnisse über das Territorium, die Natur und ihre Gemeinschaften, wobei Wasser das wichtigste Gut zur Reproduktion von Leben war (und ist).
Zweite Conquista: Hydropolitik des Fortschritts
Eine zweite Phase der Beschleunigung in der Genealogie des Anthropozäns beginnt nach dem Ende des Kolonialreichs und den Unabhängigkeitsprozessen in Amerika in den 1860er Jahren der liberal-kapitalistischen Weltmarkintegration bis zur Weltwirtschaftskrise von 1929. Durch die beschleunigte Globalisierung und Exportorientierung hin auf die durch die industrielle Revolution und das demographische Wachstum mit enormen Rohstoffhunger ausgestatteten Zentren in Westeuropa und zunehmend auch den USA entstanden neue Dynamiken in Lateinamerika. Die lateinamerikanischen Oligarchien bauten die Exportinfrastruktur aus, was besonders auch die Wasserpolitiken veränderte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts manifestierten sich diese Prozesse im Bau von Dämmen zur Wasserspeicherung und später zur Stromerzeugung aus Wasserkraft, in der Trockenlegung und Veränderung von Flussläufen für die Landwirtschaft, in der Schaffung von Bewässerungssystemen auf dem Land, in der Nutzung von Flüssen für den Transport und in der Einrichtung von Verteilungs- und Abwassernetzen in den Städten. Ein extremer Fall von Umweltveränderung durch technologische Eingriffe war der Bau des Panamakanals, der die Fähigkeit verkörperte, die Natur zu kontrollieren und Menschengruppen zu vertreiben und zur Unterwerfung zu zwingen, um des Fortschritts willen.
Zusammen mit dieser Vision hielt sich auch die Vorstellung vom natürlichen Territorium des Kontinents als wildes Land mit Sümpfen und ungesunden Gewässern. Die aus dem europäischen Hygienismus stammenden Ideen führten zu einer Änderung der häuslichen und städtischen Praktiken und zur Suche nach regulatorischen Rahmenbedingungen, die zur Verabschiedung von Wassergesetzen führten, die einerseits darauf abzielten, den Zugang zu Wasserressourcen für landwirtschaftliche Produzenten, junge Industrien und die wachsende urbane Bevölkerung zu gewährleisten, und andererseits sowohl die Versorgung als auch die Entsorgung von Abfällen in städtischen Gebieten regeln sollten. Dabei wurden Ungleichheit und Ungerechtigkeit für den Zugang zu qualitativ hochwertigem Wasser und zu gesunden Lebensräumen in Normen und Gesetzen verankert, die wiederum auf zum Teil sozialdarwinistisch inspirierten Fortschrittsdiskursen basierten.
Great Accelaration / Große Beschleunigung
Mit der Great Accelaration des Anthropozäns ab den 1950er Jahren lässt sich eine Intensivierung der anthropogenen Faktoren in Lateinamerika feststellen. Diese erfolgt in Schüben mit der Industrialisierung und Urbanisierung ab den 1940er, dann insbesondere seit den 1960er Jahren mit der Grünen Revolution und der Erdölförderung sowie seit den 1980er Jahren mit neoliberalen Politiken, die die Rohstoffwirtschaft und den Massenkonsum beschleunigten. Die große Beschleunigung des Anthropozäns, die durch einen deutlichen Anstieg der Wirtschaftstätigkeit und des Konsums einer stetig wachsenden Bevölkerung gekennzeichnet ist, verschärft die Ausbeutung der Ressourcen und die Wasserverschmutzung. Zusammen mit neuen Formen der Rohstoffgewinnung haben die Urbanisierung und Industrialisierung zu einem höheren Wasserbedarf geführt.
In den 1930er Jahren entwickelten sich in Europa und den Vereinigten Staaten die wissenschaftlichen und technischen Grundlagen für die spätere Polymerindustrie, was zur Massenproduktion von Kunststoffen in verschiedenen Formen und Ausprägungen führte. Auch bei den industriellen Anwendungen chemischer Prozesse gab es mit der Grünen Revolution Fortschritte, die zur Herstellung hochgiftiger Insektizide, Pestizide und Düngemittel führten. Auf diese Weise begann die massive Produktion von nicht biologisch abbaubaren Abfällen und Schadstoffen, die mittelfristig zu einer großflächigen Verschmutzung und Zerstörung von Luft, Land und Gewässern, von den Ozeanen bis zum Grundwasser, führen sollte.
Auch Mega-Projekte wie aktuell der Staudamm-Bau Belo Monte am Xingu im brasilianischen Amazonasgebiet, führen zur Vertreibung zumeist indigener Bevölkerungsgruppen sowie zu einer massiven Vernichtung anstehender Ökosysteme. Das Amazonasgebiet läuft Gefahr, den systemischen Kipppunkt überschritten zu haben und stößt im brasilianischen Teil seit 2010 schon mehr CO2 aus, als es bindet. Dies ist in der Region ein relevanter Faktor, da Lateinamerika seit den 1950er Jahren als die Region mit dem stärksten Ausbau von Hydroenergie gilt. Darüber hinaus sind ärmere Bevölkerungsgruppen auch den Auswirkungen des Klimawandels stärker ausgesetzt. Die Auswirkungen des Klimawandels, wie extreme Hitzewellen, beeinträchtigen die menschliche Gesundheit, die Lebensgrundlagen (Landwirtschaft) und die Gesundheitsinfrastruktur armer Gruppen – und hier wiederum besonders indigener und afro-amerikanischer – unverhältnismäßig stark. Weiter zu nennen ist ein massiver Biodiversitätsverlust.
Im Zuge der Great Acceleration hat die wachsende Urbanisierung, die Industrialisierung, die Agro-Industrie und der Mega-Bergbau im Zusammenhang mit dem Klimawandel zu einem zunehmenden und übermäßigen Wasserverbrauch geführt, was zu einer sogenannten „Wasserkrise” geführt hat, obwohl dies die Region der Welt mit der höchsten Pro-Kopf-Verfügbarkeit von Süßwasser ist. Diese Krise äußert sich in der Verringerung der Flussläufe, dem Verlust von Seen und Feuchtgebieten, dem Rückgang des Grundwasserspiegels und der Wasserverschmutzung mit zum Teil nicht mehr abbaubaren Substanzen.
Verwässerter Ausblick
Trotz internationaler und nationaler Erklärungen zum Menschenrecht auf Wasser bleibt der universelle Zugang zu Wasser, der von tiefen sozialen Ungleichheiten geprägt ist, in der gesamten Region eine ungelöste Aufgabe. Dieses Szenario könnte sich noch verschlimmern, wenn sich die großen Veränderungen in den biochemischen Prozessen und physikalischen Grenzen des Planeten, die für die Große Beschleunigung typisch sind, noch verstärken. Jenseits der Umweltgerechtigkeit wird nun gerade in der Region aber auch die Frage der Rechte der Natur – hier vor allem von Flüssen, wie der Atrato in Kolumbien, als Rechtssubjekt diskutiert und im Lokalen 2016 umgesetzt. Hier zeigt sich – auch auf der Grundlage von afro-kolumbianischen und indigenen Denkansätzen – eine Perspektive, Wasser nicht anthropozentrisch, allein als Ressource zu verstehen.
*Dieser Beitrag beruht auf den Texten aus Susana Herrera-Lima et al., Water-Handbook of the Anthropocene in Latin America, vol IV. BiUP, Bielefeld 2025, insbesondere die Beiträge: Olaf Kaltmeier et al., The Anthropocene as Multiple Crisis: Latin American Perspectives on Water; Sofia Mendoza Bohne et al., Water and the Anthropocene in Latin America during the Colonial Era; Horacio Machado Aráoz, The Potosí System and the Hydropolitical Origins of the Anthropocene; Susana Herrera–Lima et al., Water in the Antropocene from the Mid-Nineteenth Century to 1950; Ricardo Guttierez et al., Water in the Antropocene 1950 to the Present.
Die Autor*innen sind Mitglieder der 20-köpfigen HerausgeberInnengruppe des 6-bändigen Handbook of the Anthropocene in Latin America, das auf Spanisch bei Clacso und auf Englisch bei Bielefeld University Press (beides Open access) erschienen ist.
