Was sind die Tropen? 

Das Tropische in der visuellen Kultur des Tourismus

Die Tropen liegen zwischen den Wendekreisen des Krebses und des Steinbocks auf 23,5° nördlicher und südlicher Breite. Gemeinhin als ein realer, physisch-geografischer Raum wahrgenommen, sind sie gleichermaßen kulturelle Konstruktion und Teil eines Machtdiskurses, der eng mit der Geschichte kolonialer Expansion verbunden ist.

Die Tropen werden vor allem als Naturraum imaginiert: Sonne, Strand, Meer, Palmen und Inseln, Regenwälder und wilde Tiere, Blumen, Früchte und „Exotik“. Stellvertretend für die Tropen stehen der einsame Traumstrand, Einheimische in der Tradition des „edlen Wilden“, als den Tourist*innen zu Diensten stehende Angestellte oder als erotische Verführerinnen, außerdem die farbenprächtige, üppige Natur des „wilden“, „unberührten“ Regenwaldes, die einem „grauen Alltag“ zu Hause entgegengesetzt wird.

Nahezu das gesamte Tropengebiet stand zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert unter der Herrschaft europäischer Kolonialmächte, der Tropentourismus entwickelte sich im 19. Jahrhundert zusammen mit dem europäischen Kolonialismus und viele heutige Reiseziele liegen in ehemaligen Kolonialgebieten in den Ländern des globalen Südens. Die Bilder des Tourismus in den Tropen basieren auf kolonialen Vorbildern, die seit der europäischen Expansion über die Hochkunst Einzug in die Populärkultur fanden und exotistische Klischees bedienen. Historisch entstandene Konstruktionen der Tropen finden so ihre Fortführung im heutigen Tourismus. 

Für den Soziologen John Urry steht der Blick im Zentrum der touristischen Aktivität. Die touristische Erfahrung ist zum größten Teil visueller Natur, das Sehen die zentrale touristische Tätigkeit und der Blick konstitutiv für den Tourismus. Der touristische Blick wird durch Imagination, kulturelle Praktiken und Performanz erzeugt, bestätigt und aufrechterhalten. Wenn auch historisch und sozial veränderlich, hat er als Produkt einer sozialen und kulturellen Konstruktion normativen Charakter. Bilder tropischer Destinationen zirkulieren in einer Vielzahl von Medien – im Fernsehen, in Filmen, Zeitungen und als Hochglanzfotos in Reisebroschüren, -zeitschriften und -büchern, als Werbeanzeigen, in Computerspielen und im Internet und sind sowohl materieller (Postkarten, Schnappschüsse, Videos) als auch immaterieller Natur (Hoffnungen, Träume, Wünsche). Sie lösen Sehnsüchte aus und regen dazu an, zu dem jeweiligen Ziel zu reisen. Die Reise selbst wird zum Mittel, die benannten Orte und Sehenswürdigkeiten aufzusuchen und im eigenen Urlaubsfoto festzuhalten.

Zentral ist dabei die Fotografie. Weil sie gemeinhin als getreues Abbild der Wirklichkeit verstanden wird, werden durch Fotografien transportierte Vorstellungen der Tropen als „wahr“ empfunden. Dabei handelt es sich jedoch um komplexe Bildkonstruktionen, die die Vorstellung von tropischen Regionen und deren Wahrnehmung im Westen mitbestimmen. 

Die romantische Suche nach unberührter Natur ist bis heute eines der Hauptmotive des Tourismus. Hans Magnus Enzensberger zufolge wird die gewünschte Zivilisationsferne in einer Natur gesucht, die räumlich und zeitlich entfernt liegt und die ein besseres, einfaches Leben anderswo und in der Vergangenheit verspricht. Je weiter die Entfernung und je andersartiger, ursprünglicher und „exotischer“ das Ziel, desto besser eignet es sich als touristischer Sehnsuchtsort. Die Zeit soll „stehengeblieben“ sein. Sehnsuchtsziele erscheinen damit sowohl räumlich als auch zeitlich „unberührt“. In dieser Parallelisierung von Ferne und Vergangenheit folgt der Tourismus in den Tropen den Reisen von Künstlern und Ethnologen, die seit dem 19. Jahr-hundert auf der Suche nach im Verschwinden begriffenen Kulturen waren, die immer weiter weg-zurücken schienen. 

Als Blickregime ist der touristische Blick auf tropische Reisegebiete, ihre Landschaft und ihre Bewohner*innen Ausdruck ungleicher Machtverhältnisse. Die Fantasie eines „Lebens in der Vergangenheit“ wird auf die fremden Landschaften und Menschen projiziert, die den Idealisierungen eines traditionellen Lebens entsprechen sollen, womit der touristische Blick zu einem kolonialen touristischen Blick wird. 

In Anlehnung an Edward Saids Orientalismus versteht der Historiker David Arnold unter Tropikalität die Konzeptualisierung und Repräsentation der Tropen in der europäischen Imagination und Erfahrung beziehungsweise ihre konstruierte und diskursiv bestimmte Repräsentation in der westlichen Imagination. Insgesamt umfasst die Tropikalität sowohl eine Auf- als auch eine Abwertung der Tropen als „dialectic of ,paradise and pestilence‘“ zwischen positiven Vorstellungen, Wünschen und Sehnsüchten und negativen Gefühlen wie Abneigung, Abgrenzung, Angst oder imperialen Bestrebungen. Damit einher geht die binäre Unterscheidung zwischen den „gemäßigten“ und den „tropischen“ Zonen, verbunden mit der Konstruktion einer europäischen „Normalität“ und ihrem tropischen „Anderen“. 

Die Idee der Tropikalität ist bis heute insbesondere mit den Regionen verbunden, die erst verhältnismäßig spät ins europäische Bewusstsein traten: Südamerika und die Inseln des Pazifiks. Dementsprechend sind die geografischen Räume des tropischen Regenwaldes und des Strandes Hauptgebiete der Tropikalität. Afrika, Indien und sogar Indo-China sowie die östlichen Gewürzinseln waren dagegen im Westen bereits seit der Antike bekannt. Der afrikanische Kontinent wurde als zu fremd empfunden, wohingegen Kolumbus’ Schilderung der karibischen Inseln als irdisches Paradies mit der Entdeckung der Inseln des Indischen Ozeans und des Pazifiks noch verstärkt wurde. 

Die Tropen als imaginäre Orte der Sehnsucht mittels eines Tropikalismus analog zum Orientalismus als Konstruktion offenzulegen, ist notwendig, fehlt es doch weiterhin – sowohl in der kunsthistorischen Forschung als auch in der Präsentation westlicher Museen – an einem dem Orientalismus vergleichbaren Tropikalismus-Begriff. Unter Tropikalismus verstehe ich die visuelle Konstruktion der Tropen in der westlichen Wahrnehmung als eine „imaginäre Geographie“, deren Vorstellung mit der kolonialen Expansion verbunden ist. Damit wird analog zu Linda Nochlin verfahren, die einen ähnlichen Transfer bezüglich des imaginären Orients geleistet hat, indem sie Saids Thesen auf die Analyse der Malerei des französischen Orientalismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts übertrug. 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Tropen nach Europa. Zur Legitimierung der kolonialen Herrschaft führten Kolonialausstellungen, Weltausstellungen, Völkerschauen und zoologische Gärten dem Publikum „echte Eingeborene“ vor, häufig in nachgebauten Dörfern. Die künstlichen Tropen in den Glashäusern der botanischen Gärten waren Ausdruck einer „imperialistische[n] Sucht nach Aneignung und Anhäufung des Unbekannten [und des] Verlangen[s] nach Kontrolle des Anderen durch Organisation und Klassifizierung“. 

Im Tropical Islands in Brandenburg, das mit Jean Baudrillard als „hyperreal“ beschrieben werden kann, ist die tatsächliche tropische Geografie nicht von Bedeutung – was zählt, ist die Vorstellung davon. Tropischer Traumstrand und Regenwald in Reinform finden sich heute leicht erreich- und konsumierbar in den künstlichen tropischen Paradiesen in Europa wieder. 


Hanna Büdenbender ist Kunsthistorikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kunstgeschichte, Fachrichtung Kunst- und Kulturwissenschaften der Universität des -Saarlandes.