Wässrig, fließend, tobend: Wasser

Editorial

Es ist überall. Einundsiebzig Prozent der Erdoberfläche, bis zu achtzig Prozent des menschlichen Organismus – Wasser ist aus dem planetaren Alltag nicht wegzudenken. Doch etwa ein Viertel der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser, etwa die Hälfte leidet jährlich unter extremer Wasserknappheit. Und auch diese Prozente sind ungleich verteilt; einige Regionen sind besonders hart getroffen, durchsetzt von auf Profite für Wenige ausgerichtetem Wirtschaften.

Das Wiener Hochquellwasser lässt die weltweite Faktenlage hierzulande leicht vergessen. Gern wird die Wasserqualität internationalen Gästen gegenüber mit Stolz ins Feld geführt. Als Eduard Suess, der seit Anfang der 1860er maßgeblich an der Planung und Umsetzung der Wiener Hochquellleitungen beteiligt war, im Jahr 1888 zum Rektor der Universität ernannt wurde, trat er aufgrund antisemitischer Anfeindungen bereits ein halbes Jahr später zurück. Angesichts seiner auch auf wissenschaftlichem Gebiet herausragenden Leistungen erstaunt es immer wieder, wie wenig bekannt er heute ist.

Aber, wie dieses Heft eindrücklich zeigt, Wasser ist so viel mehr als Ressource. Es verbindet, es verschlingt, es trägt Mythen und Geschichten. Von ozeanischem Denken etwa schreibt Julia Schade, von nomadischen Wahrheiten und dem Projekt ÁGUA – Wasserpoetiken und Wasserpolitiken Eva Schörkhuber. Auch die künstlerischen Beiträge des aktuellen Heftes zeigen die unglaubliche Vielschichtigkeit von Gewässern und aquatischem Leben auf.

Zugleich steht der Ozean für Kolonisation, die Brutalität der Versklavung, fortdauernde rassistische Ausschlüsse und den Massentod im Mittelmeer. Bereits 2016 durften wir das Gedicht Water der südafrikanischen Autorin und Publizistin Koleka Putuma in unserem Sommerheft abdrucken, in dem sie einige dieser Aspekte eindrücklich aus der Gegenwart beschreibt. Wie sich gender und race in Vorstellungen von Wasserfrauen zeigen, diskutiert Wiltrud Katherina Hackl in diesem Heft.

Dass die Reduktion von Sulfat-Abgasen in der internationalen Schifffahrt indirekt zur Erwärmung der Meere beitrug, weil der geringere Schadstoffwert in der Luft durchlässiger ist für Sonnenstrahlen, rief international Schlagzeilen hervor. Überhaupt, so heißt es, sind die Wolkenbildung und ihre Auswirkungen eine der großen Unbekannten in Simulationen zur Berechnung der zu erwartenden Klimaerwärmung. Wasser also, in all seinen Formen.

Doch bei allem Anlass zu Sorge und Fatalismus: Für eine bessere Zukunft gilt es zu kämpfen, hier und überall, und das bedeutet auch, Wasser zu verteidigen. Zugang zu sauberem Trinkwasser, gesunden Gewässern, aber auch Platz und Wertschätzung für Wasser und das mit ihm verbundene Leben – und ein Eintreten gegen Unternehmen und Politiken, die Wasser zunehmend zugleich zur Gefahr und rar machen.


Sophie Schasiepen ist Redakteurin des Bildpunkt.