Wächterinnen des Wassers – Künstlerische Positionen aus Lateinamerika

Es scheint, als sei die westliche Moderne davon besessen, Gewässer einzuhegen: Feuchtgebiete, Flüsse, Seen und Ozeane werden im Namen des Fortschritts erobert, vermessen, gestaut, kanalisiert oder trockengelegt. Die Vision einer Trockenlegung des Mittelmeers für koloniale Landgewinnung unter dem Namen „Atlantropa“ aus den 1920ger Jahren ist nur ein Beispiel, das exemplarisch die extraktivistischen Macht- und Fortschrittsfantasien eines westlichen Denkens versinnbildlicht, das Wasser als zu disziplinierende Ressource begreift. Wasser und Ozeane werden darin einer „terrestrischen“ Logik unterworfen, das heißt, sie werden behandelt, als seien sie Land – wie trockener Erdboden werden sie kartographiert und eingehegt, als vermeintlich statische ‚natürliche‘ Grenzen verwendet und dank land-basierter Technologie ausgemessen.

Aus einer dekolonial-ökologischen Perspektive besteht die Problematik einer solchen „terrestrischen“ Logik im westlichen Denken zunächst darin, Gewässer einem „extractive view“ zu unterwerfen, also einem epistemischen Blick- und Wissensregime, das einer possessiven Eigentumslogik gemäß Ökologien und (Mehr-als-menschliches) Leben zu kategorisierbaren, berechenbaren und damit ausbeutbaren Entitäten reduziert. Diese technologisch-epistemische Vorherrschaft der Moderne über Gewässer besteht also darin, diese nicht als Beziehungsgefüge zu verstehen, sondern als bloße abschöpfbare Ressource. Gewässer sind damit kein relationaler Zusammenhang, sondern, um es mit Anna Tsing zu formulieren: „nature without entangling claims“, in dem deren umweltliche mehr-als-menschliche Verflechtungen und Interdependenzen zum Zwecke der Aneignung ausgelöscht werden müssen.

Angesichts aktueller Kämpfe um Wasser und Klimagerechtigkeit fragen sich Theoretiker:innen und Künstler:innen: Was wäre, wenn wir diese westliche anthropozentrische terrestrische Logik mit ihren eigenen Mitteln schlagen und mit dem Flüssigen denken? Diese epistemische Verschiebung hin zu flüssigen Ökologien und deren Reltionalität wird beispielsweise unter Begriffen wie „liquid turn“, „blue humanities“, „wet ontologies“ oder „new sea ontologies“ zusammengefasst. Auch (queer-)feministische Ansätze aus dem Bereich der Critical Ecology knüpfen an und betonen, dass mit dem land-basierten westlichen Denken auch eine spezifische Subjekt- und Körpervorstellung einhergeht, nämlich diejenige eines sich selbst beherrschenden Subjekts, das sich als in sich hermetisch abgeschlossen von seiner Umwelt begreift. Mit anderen Worten: Es leckt, fließt und tropft nicht. Dabei wird das, was diesem trockenen Ideal nicht entspricht meist als weiblich beschrieben: das Abjekte, Undurchlässige, Menstruierende, Unkontrollierbare, das die Idee eines in sich geschlossenen und beherrschbaren Körpers gefährdet. In einer umgekehrten Aneignungsgeste werden Verflüssigung und Entgrenzung von Subjekt- und Körpergrenzen in diesen Ansätzen zum expliziten Potential von „posthumanist feminist aqueous imaginar[ies]”, oder „more-than-human hydrocommons“, wobei auch der Aspekt der Verantwortung und Sorge sowie das Neu- und Andersdenken von Körperlichkeit als „watery relations” zentral ist.

Nicht zufälligerweise beschäftigt sich gegenwärtig eine ganze Reihe von Künstlerinnen aus Lateinamerika mit diesen Fragen, gibt es doch gerade in Ländern wie Peru, Kolumbien und Chile enorme Umweltschäden in Flüssen und Feuchtgebieten durch Rohstoffabbau mit verheerenden Konsequenzen für die lokale, meist indigene Bevölkerung – wie beispielsweise die Quecksilbervergiftung der Yanomami-Gemeinschaften im Amazonasgebiet aufgrund illegaler Goldschürfungen. Die im Folgenden zu nennenden künstlerischen Positionen nehmen die Schnittstelle zwischen ökologischen, sozialen und epistemischen Formen der Enteignung aus (queer-)feministischer Perspektive in den Blick.

So dokumentiert die kolumbianische Künstlerin Clemencia Echeverri in der Installation Sin Cielo (Without Sky) von 2016 das allmähliche Sterben eines Flusses in Caldas Kolumbien durch die Auswirkungen von Goldschürfungen. Aus der Vogelperspektive und unter dem Soundteppich von Baulärm beobachten wir das strömende und sich unter den Auswirkungen von Zyanid und Quecksilber langsam verfärbende Wasser aus neun verschiedenden Blickwinkeln. Die kolumbianische und in L.A. lebende Künstlerin und Aktivistin Carolina Caycedo wiederum verfolgt in ihrem Langzeitprojekt Be dammed (2012-fortlaufend) die Auswirkungen von Wasserkraft-Staudämmen in Kolumbien, wie derjenige am Fluss Magdalena in Huila. In Installationen, Lecture-Performances und Videoarbeiten beleuchtet sie, wie das Projekt durch Enteignungen und Trockenlegung indigene Gemeinschaften zerstört, die auf den Fluss angewiesen sind. Wie auch Echeverri experimentiert Caycedo damit, die Perspektive des Flusses selbst einzunehmen, wie beispielsweise in der Videoarbeit Reciprocal Sacrifice (2022), in der wir aus Sicht eines Lachses im Snake River Basin stromaufwärts schwimmen und von ihm über die Flussverschmutzung und die indigene Kosmologie des Nez Perce-Stammes erfahren.

Seba Calfuqueo wiederum verknüpft in der dreiminütigen Videoarbeit Kowkülen (2020) das Motiv des Wassers mit Gender-Liquidität und indigenen Epistemologien. Die Arbeit, deren Titel in der Sprache der Mapuche „flüssiges Wesen“ bedeutet, zeigt Calfuqueos nackten Körper im Fluss Cautín, der an den Westhängen der Cordillera de Las Raíces entspringt. Mit einem blauen Seil gefesselt und von der Strömung umspült, erscheint dieser in verschiedenen Posen, mal an einem Ast hängend, mal schwimmend, begleitet vom Rauschen des Flusses und blauen Untertiteln in Mapudungun und Englisch, die sich auf die Kommerzialisierung von Wasser in Chile, die Kosmologie der Mapuche und die Fluidität der Geschlechter beziehen.

Ein Beispiel aus dem Theaterbereich ist die jüngste Aufführung des Künstler:innen Kollektivs Colectivo Yama mit Sitz in Ecuador, das sich seit 2016 in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen den Themen Wasser, Körper, Geschlecht, Widerstand und Erinnerung widmet. Indian Queens (2024) ist eine Koproduktion mit dem Theater Aachen und thematisiert den aktivistischen Kampf lokaler Gemeinschaften gegen die Ausbeutung natürlicher Ressourcen durch internationale Konzerne in Form einer dekolonialisierten Oper. Dabei greifen sie auf Henry Purcells Semi-Oper The Indian Queen aus dem Jahr 1665 zurück. Diese Geschichte, die von einem Kampf zwischen den Inkas und den Azteken handelt (der nie stattgefunden hat), wird mit den aktuellen Folgen des Rohstoffabbaus für Gewässer und Bewohner*innen in Peru und Ecuador in Verbindung gebracht. Das Kollektiv hat dafür Interviews mit Videoaufnahmen von Aktivistinnen geführt, die sich unter dem Namen Guardias del Agua für den Schutz ihrer Gewässer und ihrer Umwelt einsetzen und beleuchtet damit unter anderem auch den Zusammenhang zwischen geschlechtsspezifischer Gewalt und Landenteignung.

In ihrer audiovisuellen Installation La balada de las sirenas secas (Die Ballade der trockenen Meerjungfrauen) aus dem Jahr 2020 verhandelt Patricia Domínguez aus Puchuncaví, Chile, den Kampf um Wasser angesichts des durch die damalige Pinochet-Diktator eingeführten Wasserkodexs von 1981, der die Wasserversorgung fast vollständig kommerzialisierte und Wasser damit zu Privateigentum machte. Vor einem Bildschirm, der wie ein Schrein eingelassen ist in eine Art Felsen, kniet eine Figur, gekleidet in ein leuchtendes Sci-Fi Nixen-Kostüm mit zwei Fischschwänzen und roten LED-Augen. Das Video zeigt die trockene Landschaft von Palquico, in der Provinz Petorca, in der Domínguez eine futuristisch-dystopische Szenerie entwirft: Hybride Wesen in Kostümen, die denen der Sirenenfigur ähneln, performen Rituale der Wasseranrufung, um die „Hydrocommons” zurückzubringen. Immer wieder taucht die Avocado als Motiv auf, die in der trockenen Region Petorca auf großen Plantagen für den Export angebaut wird. Während die großen Unternehmen das Wasserrrecht besitzen und zusätzlich illegal Flusswasser abschöpfen, leidet die lokale und meist indigene Bevölkerung unter massiver Wasserknappheit. Die Avocados tauchen in Domínguez‘ Arbeit als kleine fies dreinblickende animierte Wesen mit großen roten Zungen auf, die über Wasserreservoirs fliegen oder von den Sci-Fi Nixen genüsslich abgeleckt werden. Damit spielt die Künstlerin in einer antipatriarchalen Geste mit der aztekischen Etymologie des Wortes „Avocado“ –āhuacatl, was „Hoden“ bedeutet. Das Video endet mit einer Ballade, gesungen durch einen Musiker unter einem Kaktus, die sich an die Hydrocommons richtet und eine neu interpretierte „Canto a lo divino” darstellt, eine synkretistische Musikform, die jesuitische Einflüsse mit lokalen spirituellen Traditionen verbindet. Domínguez arbeitet mit dem Frauenkollektiv Mujeres del agua und der lokalen NGO MODATIMA (Movimiento de Defensa por el acceso al Agua, la Tierra y la Protección del Medioambiente) zusammen, die sich für das Recht auf Wasser einsetzen.

Diese künstlerischen Positionen nehmen also dekoloniale Ökologien in den Blick und beleuchten, inwiefern ruinierte Wasserlandschaften des Kapitalozäns mit den gewaltgeschichtlichen Verstrickungen einer extraktivistischen Moderne zu tun haben. Darüber hinaus fragen sie nach anderen, alternativen Perspektiven und Epistemologien. Vielen Projekten ist aber auch das arbeitsethische Element gemein, dass ihnen eine lange kollaborative Recherche und Zusammenarbeit mit lokalen indigenen Gemeinschaften und Umweltorganisationen voraus geht. Die künstlerische Arbeit besteht also niemals allein aus einer ‚rein‘ ästhetischen Position, sondern ist unlösbar in eine soziale verantwortungsvolle Praxis eingebettet.

1 Macarena Gómez-Barris: The Extractive Zone: Social Ecologies and Decolonial Perspectives. Durham (N.C.): Duke University
Press 2017, S. 5.
2 Anna Lowenhaupt Tsing: On Nonscalability. In: Common Knowledge 18 (2012), H. 3, p. 505–524, S. 513.
3 Blackmore, Lisa / Gómez, Liliana: Beyond the Blue. Notes on the Liquid Turn. In: Lisa Blackmore / Liliana Gómez (Hg.): Liquid Ecologies in Latin American and Caribbean Art. New York; London: Routledge, Taylor & Francis Group, 2020, pp. 1–10.
4 Steve Mentz: An Introduction to the Blue Humanities. New York ; London: Routledge, 2024.
5 Philip Steinberg / Kimberley Peters. Wet Ontologies, Fluid Spaces: Giving Depth to Volume through Oceanic Thinking. In:
Environment and Planning D: Society and Space 33, Nr. 2 (April 2015), pp. 247–64.
6 Elizabeth DeLoughrey: Submarine Futures of the Anthropocene. In: Comparative Literature 69, Nr. 1 (March 2017), p. 32–44.


Julia Schade ist Theaterwissenschaftlerin an der Goethe Universität Frankfurt, wo sie mit der Arbeit Unzeit. Widerständige Zeitlichkeiten in Performance, Kunst, Theorie (Berlin: Neofelis 2024) promovierte. Sie arbeitet im Spannungsfeld von Performance, Kunst und Theorie.