Wie kann ich von Wasser sprechen, ohne es, wie bisher gewohnt und in unseren sozialen und geografischen Breiten üblich, zur ökonomischen und ökologischen Ressource zu abstrahieren? Wie kann ich lernen, es in seinen verschiedenen Dimensionen zu begreifen – als Lebenselixier ebenso wie als existenzielle Grenze oder als transkontinentales Archiv? Wie kann ich den Wassern und den Geschichten, mit denen sie sich tragen, lauschen? Welche Sprachen spricht der Fluss, an dem ich aufgewachsen bin, und welche das Meer, das die Küstenabschnitte prägt, die ich regelmäßige besuche?
Seit zwei Jahren sammle ich gemeinsam mit meiner Freundin und Kollegin Elena Messner „nomadische Wahrheiten“ über das Wasser: Der Anthropologin Hélène Clastres zufolge bildet die Suche nach „nomadischen Wahrheiten“ einen der Ausgangspunkte für den Weg in das „Land ohne Übel“. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Utopie im Sinne sozialphilosophischer Konzepte des globalen Nordens, sondern um eine prophetische Annäherung: Die Zukunft, so, wie wir sie uns vorstellen können, tritt über die Ufer all dessen, was als möglich oder gar als wahrscheinlich aktenkundig geworden und von prognostizierenden Instanzen beglaubigt worden ist.
Diese überbordenden Stimmen, die sich rund um unser Projekt ÁGUA – Wasserpoetiken und Wasserpolitiken versammeln, sprengen die Rahmen „abgesteckter gesellschaftlicher Räume“: Die autosoziobiografische Erzählung der brasilianischen Schriftstellerin und Aktivistin Julia Raiz zu ihren Begegnungen mit den Wassern öffnet sich hin zu der Frage, die sie gemeinsam mit dem französischen Philosophen Georges Didi-Huberman stellt: „Wie lässt sich Trauer – über eine verlorene Zukunft, über persönliche Verluste, über die Nachwirkungen (post)kolonialer Einhegungen, … – in kollektive Empörung verwandeln?“; live aus Brasilien, über Video zugeschaltet und simultan gedolmetscht, erzählt uns die indigene brasilianische Schriftstellerin der Macuxi Trudruá Dorrico, wie es möglich ist, sich auf Landschaften und ihre Gewässer einzulassen, indem eine:r schlicht um Einlass bittet, um vorübergehend Teil dieser weit verzweigten Beziehungsgeflechte zu werden. ÁGUA, Brasilianisch für Wasser, ist ein vielstimmiges Murmeln, das sich über die Flüsse Europas und Lateinamerikas erstreckt. Keine der Stimmen ist tonangebend, aber jede für sich ist tragend wie eine Träne der Zuversicht im Ozean verheerender Zeiten.
Anmerkungen: Die Beiträge von Julia Raiz und Trudruá Dorrico sind gemeinsam mit vielen anderen auf der Projektseite von ÁGUA nachzuhören: https://lfbrecht.de/projekte/agua/
Im Rahmen einer interdisziplinären Schiffsreise von Linz ans Donaudelta hat die bildende Künstlerin Christine Pavlic u.a. ein Logbuch verfasst und ihre Zugänge zu dem Archiv Donau dokumentiert: https://in-flux.at/
1 Clastres, Hélène: Das Land ohne Übel. Der Tupi-Guaraní-Prophetismus. In: Zeitschrift für Kulturwissenschaften. Heilversprechen, Jg. 7 (2020), Nr. 1, S. 118–125, hier S. 123–124. DOI: https://doi.org/10.25969/mediarep/19065 (zuletzt aufgerufen am 23. 10. 2023)
2 Ebd. S. 123
Eva Schörkhuber lebt als Schriftstellerin und Kulturwissenschafterin in Wien. Zuletzt erschienen ist der literarische Essay Die wunderbare Insel. Nachdenken über den Tod.
https://www.eva-schoerkhuber.com
