Scham, Schmerz und sozialer Aufstieg: Autosoziobiographien markieren Schwellenmomente sowie Transgressionen und attackieren wohl gehegte Überzeugungen.
„Scheiße fliegt durch die Luft streift die Äste einer Linde, trifft das Dach eines vorbeifahrenden Busses, landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig“, so beginnt Angelika Klüssendorfs Das Mädchen (2011). Es ist der erste Teil einer Roman-Trilogie, die von einer gewaltvollen, von Armut geprägten Kindheit in der DDR erzählt. Klüssendorf beschäftigt sich darin mit einem Kernthema autosoziobiographischer Texte: der Unentrinnbarkeit der sozialen Reproduktion. Die Protagonistin arbeitet sich im Laufe der Romane zwar von der Rinderzüchterin zur Werksarbeiterin und schafft es dann über Putzjobs und andere Gelegenheitsarbeiten, mithilfe eines Stipendiums zur Schriftstellerin. Doch formal bilden die drei Texte eine Zirkelstruktur. Die Trilogie endet mit den Worten: „Nächte später sieht sie ein Mädchen vor sich, in einem Mietshaus am geöffneten Fenster, sie erkennt einen dünnen Kinderarm, der Arm holt aus, und dann fliegt Scheiße durch die Luft. Das Mädchen ist noch namenlos und ohne Schutz. Das wird mein erster Satz sein, denkt sie. Scheiße fliegt durch die Luft.“1
Bei Klüssendorfs Trilogie handelt es sich nicht um ein typisch autosoziobiographisches Erzählprojekt: Wir haben es mit fiktionaler Literatur zu tun, erzählt von einer personalen Erzählinstanz. Anders als in den „klassischen“ Autosoziobiographien kehrt April auch nicht an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück, im Gegenteil, sie hat „sogar Angst“2 davor. Nur in Gedanken, im Traum oder auf Distanz macht sie Ausflüge in ihre Kindheit. So wie Imaginationen hier überhaupt eine große Rolle spielen. Sie entfernt sich schrittweise und baut mit jeder neuen Bekanntschaft eine größere Distanz zur Herkunft auf. Ein Entkommen aus den Erinnerungen und „Prägungen“ der eigenen gewaltvollen Kindheit und Jugend scheint es nicht zu geben. Auch Jahre später – so der Titel des dritten Bandes – wird sie die Gewalt- und Unterdrückungserfahrungen ihrer Herkunft in unkontrollierten Wutausbrüchen reproduzieren. Ein letzter Funken Hoffnung verbirgt sich in einem einzigen Wort: Wird das Mädchen zu Beginn ihrer Geschichte „noch namenlos und ohne Schutz“3 sein, dann verweist das Adverb „noch“ auf eine Entwicklung zur Selbstermächtigung, die das Mädchen April bis dahin durchgemacht haben wird.
Zeige Deine Klasse. Die Geschichte meiner sozialen Herkunft (2018) kann als westdeutsches Pendant zu Klüssendorfs Trilogie bezeichnet werden. Daniela Dröscher hat einen Text vorgelegt, den man als klassisch autosoziobiographisch bezeichnen kann, auch weil er die entsprechenden Schlagworte „Klasse“ und „Herkunft“ bereits im Titel trägt und diese literarisch und analytisch zugleich erkundet. Sie schreibt über das Leben einer „normalen westdeutschen Mittelklassefamilie der achtziger Jahre“, der Vater ist Maschinentechniker, die Mutter Fremdsprachenkorrespondentin. Sie erzählt von schmerzlichen Schamerfahrungen, vom „Drama [ihrer] sozialen Geburt“4 und fragt nach dem Verhältnis von individuellem Schicksal, sozialer Prägung und kollektiven Zuschreibungen. Sie versucht dem, was Chantal Jaquet als „transclasse“ beschrieben hat oder was sich mit Pierre Bourdieus Begriff des „gespaltenen Habitus“ fassen lässt, auf die Spur zu kommen. Um der komplizierten Gemengelage gerecht zu werden, hat sie ein Strukturelement etabliert, das sowohl diagnostisch ist als auch ihre affektive Lage beschreibt: mit dem Adjektiv „Verwirrend!“ werden Fragen und Schlussfolgerungen eingeleitet, die auf die Kontingenz vermeintlicher gesellschaftlicher Zwänge reagieren.
In Autosoziobiographien wird das gegenwärtige Ich im Licht eines erinnerten Ichs vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen und soziologischer Theorien erschlossen. Autosoziobiographien markieren Schwellenmomente und Transgressionen; sie durchqueren Räume und Milieus, erzählen von Rückkehr und Heimkehr, von Unzugehörigkeit und Desorientierung (Dröscher 2018), von gläsernen Decken (Eribon 2009/2016), von prügelnden Vätern (Baron 2020), von unerhörter – auch sprachlicher – Gewalt (Ernaux 2008/2019). Ausgehend von den Erlebnissen der Vergangenheit erzählen sie von bis in die Gegenwart andauernden Gefühlen und Affekten, von Momenten der Entblößung, von Scham und Wut. Sie erzählen von Hürden und Hemmnissen bei den Bemühungen der eigenen Klasse zu entkommen, von der sozialen (Nicht-)Reproduktion und ihren Bedingungen. Manchmal sind es einzelne Wörter, die die Opazität der sozialen Reproduktion auf den Punkt bringen und die daraus folgende, komplizierte affektive Gemengelage markieren. Indem sie auf die sozialen Grenzen und Ausgrenzungsmechanismen hinweisen, die sich in oft unüberwindbaren Hürden manifestieren, greifen autosoziobiographische Texte unsere gesellschaftlichen Grundüberzeugungen an. Sie stellen die vorherrschenden meritokratischen Überzeugungen und bildungspolitischen Versprechen in Frage und entlarven sozialpolitische Versäumnisse, indem sie das Recht auf Gleichbehandlung, das in Deutschland immerhin Verfassungsrang hat, als bloße Formel ausweisen. Und so fragt Oliver Nachtwey in seiner Studie zur Abstiegsgesellschaft (2016) zu recht: „Reden wir vielleicht deshalb die ganze Zeit über Aufstieg, weil er in der Realität immer seltener anzutreffen ist?“5
1 Klüssendorf: Jahre später (Köln 2018), S. 157.
2 Klüssendorf: April (Köln 2014), S. 19.
3 Klüssendorf 2018, S. 156.
4 Dröscher: Zeige Deine Klasse (2018), S. 102.
5 Nachtwey: Abstiegsgesellschaft (2016), S. 12.
Sarah Seidel ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet an der Universität Konstanz.
