Das Projekt der Rechtsextremen aller Schattierungen ist eines der Entrechtung: Diversitätsprogramme werden geschliffen, Migrationsgesetze und Abtreibungsparagraphen verschärft, Kündigungsschutz und andere Arbeiter*innenrechte ausgehebelt, Umweltauflagen entsorgt, Prekarität auf allen Ebenen gefördert.
Nicht etwa eine woke Linke, die in den letzten Jahren von antifeministischen Philosoph*innen und dem Feuilleton als Zensur ausübende, mächtige Terrormiliz „woko haram“ (Florian Klenk) imaginiert wurde, verantwortet und trägt dieses Canceln von verbürgt geglaubten Rechten. Getragen werden die Entrechtungspolitiken von verschiedenen Fraktionen der herrschenden Klassen, wobei „neoliberale konservative Kräfte, autoritär-nationalistische und neofaschistische Kräfte“, wie Lia Becker von der Rosa Luxemburg-Stiftung schreibt, „in einer Neuformierungsphase“ sind. Getragen werden die Entrechtungspolitiken aber auch von vielen jener, die mehr Rechte dringend nötig hätten und die sie sich auf Kosten anderer erhoffen. Die rechtsextreme Offensive ist ohne die Ressentiments und Regressionen unter den Entrechteten leider nicht zu denken (wobei die Finanzbranche und das abstiegsbedrohte Kleinbürgertum ihnen dabei in nichts nachstehen).
Angesichts der globalen Entrechtungswelle, für die Javier Mileis Kettensäge nur ein sehr deutliches Symbol unter anderen ist, erscheint der Kampf um globale soziale Rechte dringlicher denn je. Der Diskurs um das Konzept hat seine Hochkonjunktur im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends zwar hinter sich. Das sollte aber nicht davon abhalten, ihn wieder zu reaktivieren und mit neuen Impulsen zu füllen. Solche Anstöße sind immer wieder aus dem Kunstfeld gekommen, die – noch zu schreibende – Geschichte des künstlerischen Internationalismus zeugt davon. Gegenwärtig sind vor allem die Proteste der serbischen Studierenden gegen die korrupte Regierung, die Protestbewegung in der Türkei gegen Erdogans Autoritarismus und die erst langsam anlaufenden Bewegungen gegen die Trump-Administration hoffnungsvolle Signale in Richtung einer Neuformierung des Kampfes um ein Recht auf Rechte. Auf welche Geschichte dabei zurückgegriffen wird, welche Rolle die Kunst dabei spielen kann und welche Perspektiven es gibt, um diese Fragen dreht sich diese Ausgabe des Bildpunkt zwischen Kunstproduktion, Theorie und Aktivismus.
Jens Kastner ist koor-dinierender Redakteur.
