Geht es um Netzwerke, sind die Bücherlisten von Karriereratgebern geprägt, gespickt mit allerlei Tipps zum Networking für den individuellen Aufstieg. Die Hochkonjunktur analytischer Texte zu Netzwerken als Sozialform, der Rolle von Vernetzung als Praxis und der Frage nach der Netzwerkgesellschaft liegt schon ein paar Jahre zurück. Hier ist aber nach wie vor zu lernen, dass Netzwerke aus Knoten und Verbindungen bestehen und soziale Netzwerke Muster von Sozialbeziehungen bilden. Bei diesen handelt es sich um „beobachtbare Regelmäßigkeiten der Interaktion zwischen Akteuren und entsprechenden Verhaltenserwartungen“, wie Jan Arendt Fuhse in seinem Lehrbuch schreibt. Es haben sich mindestens vier Forschungsstränge herausgebildet, um soziale Netzwerke zu untersuchen. Zudem beschäftigen sich mit Handlungs-, Sozialkapital-, System- und Akteur-Netzwerk- Theorie (ANT) plus relationaler Soziologie mindestens fünf theoretische Ansätze mit Genese und Effekten von Netzwerken, die Fuhse systematisch darstellt. Dabei hat die ANT auch mit Kunst zu tun: Annika Weinert-Brieger geht in ihrer umfangreichen Studie einerseits der Rolle nach, die Kunst und visuelle Kultur für die ANT spielen und fragt andererseits nach ihrem Beitrag zur Kunsttheorie. Die maßgeblich von dem Soziologen Bruno Latour geprägte ANT geht grundsätzlich davon aus, „dass eine isolierte Beschäftigung mit Visualisierungen nicht in der Lage sei, die mit ihnen verbundenen Praktiken und ihr Potential zur Mobilisierung und Aufbietung neuer Ressourcen adäquat zu analysieren“. Es braucht also eine Netzwerkanalyse. Von konkreten künstlerischen Netzwerken handelt der Ausstellungskatalog zu den Kollektiven von Los Grupos in Mexiko. In Zeiten ökonomischer und politischer Umbrüche bildeten sich eine Reihe von „organized groups, fronts and leagues“ aus einem breiten Spektrum der Linken heraus, die künstlerische Praktiken auf verschiedene Arten mit sozialen Kämpfen verknüpften. Kunstwissenschaftliche Beiträge führen in dem reich bebilderten Band durch eine Zeit des Aufbruchs vor der Durchsetzung der neoliberalen Netzwerkgesellschaft. -Clemens Appich erinnert daran, dass die Rede von der „Netzwerkgesellschaft“ im Anschluss an den Soziologen Manuel Castells auf die Diagnose städtischer Infrastruktur (Kanal- wie Kommunikationsnetze) wie auch auf die zunehmende Vernetzung sozialer Praxis mit der Durchsetzung der Internetnutzung im Alltag zurückgeht. Er widmet sich vor allem den „scheinbar flüchtigen Medienpraxen“, die die Netzwerke zur dominanten Kulturtechnik der Gegenwart machten. Neben der diskurstheoretischen Rekonstruktion geht es ihm schließlich auch um die „Analyse konkreter Machtverhältnisse im gegenwärtigen Netzwerkdispositiv“. In der Neuauflage des Vortrages Maschen der Macht plädiert Michel Foucault gegen die Rückkehr der Repressionshypothese in zeitdiagnostischen Entwürfen für einen Fokus auf die produktive Seite der Macht. Die verschiedenen Machtformen der Moderne, argumentiert er im Anschluss an Karl Marx, dienen weniger der Unterdrückung als vielmehr „der Herstellung von Effizienz, von Fähigkeiten, von Produzenten eines Produkts“.
