Nein zum Zug des Todes!

Kollektive Koordination der zapatistischen Reise fürs Leben

Das wichtigste Projekt der derzeitigen mexikanischen Regierung ist zweifellos das fälschlicherweise „Tren Maya“, also „Maya-Zug“ benannte Megaprojekt. Laut offizieller Darstellung handelt es sich um ein Projekt „zur Verbesserung der Lebensqualität der Menschen, zum Schutz der Umwelt und zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung“. Das Projekt erstreckt sich über 1.500 km und führt durch die Bundesstaaten Chiapas, Tabasco, Campeche, Yucatan und Quintana Roo. Auf der offiziellen Website findet man eine Reihe von Bildern und scheinheiligen Argumenten im Stil des grünen Kapitalismus und seines „Greenwashings“.

Seit der ersten Präsentation haben sich jedoch zahlreiche Fachleute aus den Bereichen Umwelt, Recht, Wirtschaft und Politik zu Wort gemeldet und die äußerst zerstörerischen und gewalttätigen Aspekte dieses Vorhabens kritisiert und angeprangert. Von Anfang an waren es auch die indigenen Gemeinden der Region selbst, die gegen die Durchführung des Projekts protestiert haben, das grundlegende Rechtsansprüche der indigenen Bevölkerung verletzt – sowohl nach nationalem Recht als auch nach internationalen Abkommen, die Mexiko unterzeichnet hat. Tatsache ist, dass der Großteil des Landbesitzes im Südosten Mexikos in kommunaler Hand liegt, also Gemeindeland ist, gemeinschaftlicher Besitz der Dorfgemeinschaften.

Seit Beginn des Neoliberalismus in Mexiko in den 1990er Jahren wurden nationale Gesetze geändert, um die Privatisierung von Land und die Zerstörung kommunaler und indigener Territorien und Lebensweisen zu ermöglichen. Der mexikanische Staat hat seit seiner Gründung koloniale Logiken reproduziert, die in kapitalistischen Logiken gipfeln, – was als interner Kolonialismus bezeichnet wurde. Indigene Gemeinschaften und ihre Gebiete werden nach wie vor ausgegrenzt und zum Nutzen der mestizischen und weißen Eliten und der nationalen und internationalen Konzerne ausgebeutet.

Der Maya-Zug ist ein weiteres Beispiel für die globale imperiale Logik und ihr Gegenstück, den internen Kolonialismus. Die derzeitige Bundesregierung von Präsident Andrés Manuel López Obrador nennt sich selbst die 4T oder Vierte Transformation, um sich national und international als eine Regierung der Linken und des Wandels zu präsentieren. Der Präsident ist sogar so weit gegangen zu behaupten, dass der Neoliberalismus in Mexiko tot sei. Seine Regierung hat jedoch den Neoliberalismus und den so genannten „Indigenismus“ – die rassistische und neokoloniale Politik des Staates – nur weiter verstärkt und beschleunigt. Der Tren Maya ist in Wirklichkeit weder ein Maya-Zug noch überhaupt ein Zug, sondern ein Projekt, das seit Jahrzehnten unter verschiedenen Namen von verschiedenen Verwaltungen und politischen Parteien vorgeschlagen wurde.

Es handelt sich um ein komplexes Netz von Industrie-, Tourismus-, Handels-, Militarisierungs- und Migrationskontrollkorridoren, die in hohem Maße die natürliche und kulturelle Umwelt zerstören, sowie um eine geopolitische Neuordnung der Region mit Elementen der Aufstandsbekämpfung.

Der mexikanische Staat stellt das Projekt hauptsächlich als Tourismus- und Entwicklungsprojekt dar. Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Der von Mayagemeinden bewohnte Regenwald ist für die Region und den Planeten von lebenswichtiger Bedeutung: Er ist der größte tropische Regenwald Mesoamerikas und der zweitgrößte des Kontinents. Auf einer Fläche von 42.300 km2 befinden sich 20 Ökosysteme und 50 % der Arten unseres Planeten. Dieser Regenwald ist biologisch mit anderen Regenwäldern in Südamerika verbunden und ermöglicht so die Diversifizierung und Weiterentwicklung von Arten, die die Evolution der tropischen Regenwälder des Kontinents stärken. Quintana Roo verfügt über das zweitgrößte Korallenriff der Welt, und auf der gesamten Halbinsel gibt es mehr als die Hälfte der Mangrovenwälder Mexikos. 44 der 62 indigenen Sprachgruppen Mexikos sind in der Region vertreten, die meisten davon sind Maya. Die Zahl der archäologischen Stätten ist sehr hoch, und ihre räumliche Ausdehnung ist enorm.

Wie mehrere Studien zeigen, ist ihre Bedeutung jedoch nicht nur ökologischer und kultureller Natur. Die Region hat auch und vor allem eine geopolitische Bedeutung. Sowohl der Tren Maya als auch der Tren Interoceanico, der Interozeanische Zug – ein weiteres Megaprojekt der mexikanischen Regierung – befinden sich an einem strategisch wichtigen Ort für den derzeitigen Kampf um die Kontrolle des Weltverkehrs und des Welthandels sowie um die hegemoniale Vorherrschaft der Vereinigten Staaten.

Das Tren Maya-Projekt wurde in Angriff genommen, bevor alle nach internationalem Arbeitsrecht vorgeschriebenen Umweltstudien und Konsultationen mit den indigenen Gemeinschaften durchgeführt worden waren. Aus zahlreichen Dokumenten geht hervor, dass die Regierung die Menschen in der Region belogen und getäuscht hat, um sich ihr Land anzueignen. Die koloniale Logik der Enteignung und Ausbeutung wird von der gegenwärtigen mexikanischen Regierung nach der Logik des Developmentalismus mit großen Schritten wiederholt. Diese Logik schafft die Illusion, dass der Mensch von der Natur getrennt sei und dass die Natur im Dienst des Menschen stehe, um ausgebeutet und zerstört zu werden. Auch der mexikanische Staat glaubt immer noch, dass er den indigenen Gemeinschaften seine Ideen und die kapitalistischen Lebensweisen aufzwingen kann, und versucht, sie an das neoliberale Leben zu gewöhnen, ihnen ihre Indigenität zu nehmen und sie zu billigen Arbeitskräften für den nationalen und globalen Markt zu machen. Während der erzwungenen Weiterführung wurde das Projekt nie transparent dargestellt, und die vom Staat bereitgestellten Informationen ändern sich ständig.

Das Tren Maya-Projekt geht mit einer starken Militarisierung der Region einher, die darauf abzielt, die Migration in die Vereinigten Staaten zu stoppen und die Migrant*innen zu billigen Arbeitskräften zu machen. Die US-Mauer wird an die südliche Grenze Mexikos verlegt, wie der damalige Sprecher der EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional, Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung), Subcomandante Marcos, schon 2001 in einem Interview mit dem Journalisten Julio Scherer  voraussah. Auf diese Weise verbinden sich Entwicklungshilfe und Aufstandsbekämpfung zu neokolonialen Formen der kapitalistischen Enteignung, Assimilierung, Ausbeutung und Zerstörung. Im Zuge dieses Projekts werden bereits Hunderte von Familien mit Zwang oder Gewalt  aus ihren Häusern und Gemeinden vertrieben.

Aus diesem Grund bittet der Nationale Indigene Kongress Mexikos (CNI) um Ihre/Eure Unterstützung und lädt dazu ein, auf jede erdenkliche Weise (Straßendemonstrationen, in den Netzwerken usw.) gegen die vom mexikanischen Staat aufgezwungenen Megaprojekte des Todes zu demonstrieren und Nein zum „Tren Maya“, dem Zug des Todes, zu sagen. Wir, die Koordination der Tour für das Leben in Österreich, schließen uns dem Kampf für das Leben und gegen die Projekte des Todes an. 


Kollektive Koordination der zapatistischen Reise fürs Leben ist ein Zusammenschluss verschiedener, pro-zapatisti scher Gruppen und Kollektive, u.a. von Zapalotta (www.zapalotta.org) unddem Ya Basta!-Netz (www.ya-basta-netz.org)